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Kolumne „Uni live“ : Die Stadt ohne Studentenviertel

  • -Aktualisiert am

Wo ist hier eigentlich die Innenstadt? Bild: dpa

Ihr wollt zum Studieren nach Berlin ziehen? Seid gewarnt! Es gibt nicht diese drei Straßen, in denen all die tollen Kneipen sind, die Jungakademiker anziehen. Dafür gibt es eine Menge Orientierungslosigkeit.

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          Das Leben in Berlin unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem wie es vermutlich in anderen deutschen Städten geführt wird. Das bedingt sich allein schon dadurch, dass Berlin mit ganz deutlichem Abstand die größte Stadt Deutschlands ist. Hier leben fast doppelt so viele Menschen wie in der nächstgrößeren Stadt Hamburg (1,9 Millionen). Von den 3,8 Millionen Bewohnerinnen und Bewohnern Berlins waren 203.869 im letzten Wintersemester als Studierende eingeschrieben.

          Wer sich entscheidet, für ein Studium nach Berlin zu ziehen, muss sich schnell mit einigen Besonderheiten der Stadt abfinden: Hier Bus zu fahren ist selten eine gute Idee, einmal im Jahr wird sich darüber gestritten, was ein Pfannkuchen ist, und: Es fehlt ein Studentenviertel!

          In Berlin gibt es keine ausgewählten drei Straßen nebeneinander in den sich Bar an Kneipe an Bar reihen. Es gibt kein Viertel in Universitätsnähe, wo in eklektisch eingerichteten Cafés nur junge angehende Akademikerinnen und Akademiker zwischen zwei Vorlesungen anzutreffen sind. Das könnte allein schon daran liegen, dass es in Berlin nicht eine sondern drei große staatliche Universitäten an unterschiedlichen Enden der Stadt gibt und noch unzählige weitere Hochschulen mit jeweils eigenem Campus.

          Einzigartige Stadtarchitektur

          Das Fehlen eines solchen Studentenviertels ist aber auch Ausdruck eines weiteren eher einzigartigen stadtarchitektonischen Merkmals von Berlin. Die Stadt ist nicht nach dem klassischen zentralistischen System anderer deutscher Städte aufgebaut. So gibt es etwa keine sogenannte Innenstadt, die sich durch die Anwesenheit des Hauptbahnhofs und mehrerer Filialen verschiedener Fast-Fashion-Bekleidungsläden auszeichnet – ein Ort, den man für regelmäßige Besorgungen aufsuchen müsste.

          Man könnte dem Eindruck erliegen, der Bezirk Berlin Mitte entspreche einer Innenstadt und es mag auch so sein, dass gerade dieser Bezirk dem Konzept einer Innenstadt gerecht werden würde. Allerdings sind Menschen in Berlin, die nicht in Mitte leben, keineswegs auf irgendwelche Geschäfte in diesem Bezirk angewiesen.

          Die Berliner Bezirke haben sich wie eigene kleine Städte entwickelt – oftmals sind sie auch ähnlich groß – in denen alles an kritischer Infrastruktur geboten wird, was zum Überleben und darüber hinaus benötigt werden könnte. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner leben den Großteil ihres Alltags in dem Bezirk, in dem sie wohnhaft sind. Wodurch sich Berlin oft nicht wie eine Großstadt anfühlt und andere Städte im Vergleich nicht immer viel kleiner. Ich kann vermutlich an einer Hand abzählen, wie oft ich in diesem Jahr in der Westcity war.

          Allein unter Studis? Gibt's nicht!

          Und wo sich kein Konzept einer Innenstadt entwickelt hat, haben sich ebenso wenig andere Räume entwickelt, die von ausgewählten Gruppen wie Studierenden dominiert werden könnten. An dieser Stelle könnte die Frage aufkommen, wo Studierende andere Studierende in einem Kontext abseits des Campus kennenlernen können. Allerdings ist das die falsche Frage für diese Stadt.

          Wer im Studium nur Kommilitonen und Studierende anderer Fächer kennenlernen und nur mit ihnen Zeit verbringen möchte, sollte nicht nach Berlin ziehen. Dafür hat diese Stadt zu viel zu bieten. Das Fehlen eigener studentischer Räume wird durch ein breitgefächertes Kultur- und politisches Angebot nicht nur ersetzt sondern auch bereichert. So tritt man auch mit Gleichgesinnten in Kontakt, die sich nicht akademisch mit denselben Themen beschäftigen. Für Menschen mit nischigen Interessen wird es in dieser Stadt immer eine zweite oder dritte Person oder gleich einen ganzen Club geben, der das Interesse teilt.

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