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Nichtleser in der Schule : „Es gibt unheimlich viel ungenutztes Potential“

Wichtiger Anlaufpunkt für die Leseförderung: die Schulbibliothek - in der Pandemie verwaist Bild: Picture-Alliance

Bei der Lesekompetenz gibt es in Schulen eine Zweiklassengesellschaft. Dreißig Prozent Allesleser stehen einer großen Zahl Nichtleser gegenüber. Der Zustand ist alarmierend, sagt Leseförder Gerhard Falschlehner.

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          Sie haben im Jahr 2014 das Buch „Die digitale Generation: Jugendliche lesen anders“ veröffentlicht. Wie lesen Jugendliche denn heute nach ihren Beobachtungen?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Zunächst einmal lesen sie mehr als je eine Generation zuvor. Sie sind allerdings vor allem im digitalen Raum unterwegs. Aber wann immer Jugendliche in den Social Media aktiv sind, tun sie das, was man gemeinhin lesen und schreiben nennt.

          Bleibt bei dieser Art zu lesen aus ihrer Sicht etwas auf der Strecke, etwas, das Jugendlichen gut täte – eine Auszeit vom Stressor Smartphone zum Beispiel?

          Da muss man differenzieren, von welchen Jugendlichen genau die Rede ist. Beim Lesen und bei der digitalen Kompetenz gibt es eine extreme Zweiklassengesellschaft. Zum einen gibt es die Gruppe, die analog zu lesen gelernt hat und diese Kompetenz dann auf die digitale Welt überträgt. Diese Gruppe bewegt sich in allen Medien gleich gut, im Buch, am Handy, am Bildschirm. Außerdem gibt es eine manifeste Gruppe, die in Europa auf zwanzig Prozent geschätzt wird, die keine ausreichende Lesekompetenz erworben hat und daher auch dem Problem gegenübersteht, im digitalen Raum eine Art Analphabet zu sein. Es gibt also nicht den Gegensatz zwischen analogem Lesen auf Papier und digitalem Lesen, entscheidender ist die Frage: Bin ich lesekompetent, dann finde ich mich in allen Bereichen zurecht – oder bin ich es nicht?

          Ihr Buch kam vor der Stavanger Erklärung zur Zukunft des Lesens und dem Nachweis, dass digitales Lesen dem „tiefen Lesen“ im Weg steht. Daher die Frage: Dringen die Jugendlichen der ersten Gruppe ausreichend in den Bereich des „deep reading“ vor?

          Tatsächlich scheint es sich beim „tiefen Lesen“ um ein Bedürfnis zu halten, das auch den heutigen Jugendlichen nicht fremd ist. Den jüngsten Studien zum Leseverhalten von Jugendlichen zufolge hat sich dieses in den letzten Jahren gar nicht so gravierend verändert. Ein Drittel von Jugendlichen scheint das „deep reading“, das konzentrierte Lesen, nach wie vor zu betreiben. Wobei ich durchaus Jugendliche sehe, denen es ein Bedürfnis ist, aus der digitalen Welt auszusteigen und ein Buch in die Hand zu nehmen.

          Ist ihr Ansatz daher eher ein entwarnender?

          Nein, denn es gibt die anderen Zweidrittel und vor allem die zwanzig Prozent manifester Nichtleser. Für die braucht es eine intensive Leseförderung. Das deep reading erschließt sich nicht von selbst. Fernseher und Computerspiele saugen mich als Jugendlichen ein, da brauche ich keine Motivation, es gibt Belohnungen genug. Die Hinführung zum literarischen, konzentrierten Lesen hingegen braucht Vermittlung – durch Familie, peer group, Bekannte oder Schule.

          Hat man aus Ihrer Sicht erkannt, dass es in der Pandemie einer besonderen Leseförderung bedarf – die Voraussetzungen sind ja sehr gut: Jugendliche haben viel Zeit, die sie größtenteils zwangsweise zu Hause verbringen?

          Eine derartige Leseförderung für die Pandemie habe ich bisher nicht wahrgenommen, es ist aber möglich, dass es sie schon gibt. Ich gebe Ihnen völlig recht: Der Lockdown hat nicht nur etliche Kollateralschäden verursacht, sondern auch einigen Kollateralnutzen. Leseförderung könnte von der aktuellen Situation profitieren. Im Unterricht könnte man ganz wunderbare Sachen mit den Schülerinnen und Schülern anstellen.

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