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Bedrohungs-Narrative : Stellen Sie sich bloß nicht so an!

  • -Aktualisiert am

Hier sind die hochqualifizierten Entwickler Künstlicher Intelligenz wahrscheinlich fast unter sich: Interessenten für die Stellenbörse „TechFair LA“ warten in Los Angeles im Januar 2017 auf Einlass. Bild: Bloomberg

Wer die Warteschlange zum Test der Integration macht, nimmt den Zerfall des sozialen Gleichgewichts in Kauf. Einige Anmerkungen über Fehlschlüsse in räumlicher und geistiger Enge.

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          Jens Spahn wartet abends im Restaurant auf die Bedienung, die er leider, als sie kommt, nicht versteht – er wird unsicher, fühlt sich seinerseits unverstanden, provoziert, angegriffen, kann aber (denn das Lokal gehört ihm nicht) nichts tun, den Kellner nicht feuern, beruft sich verlegen auf allgemeine Selbstverständlichkeiten, also auf das, was er für den Kneipentonfall hält, kann aber den Bürojargon nicht ablegen, doziert also im Modus strukturierter Mitarbeitergespräche. „Das Zusammenleben (kann) nur gelingen, wenn alle auch Deutsch sprechen. Das sollten und dürfen wir von jedem Zuwanderer erwarten. Mir geht es dabei übrigens zunehmend auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht.“ Wird man doch wohl noch sagen dürfen.

          Christian Lindner wartet morgens beim Bäcker auf seine Brötchen, es ist überraschend voll, es ist eng in dem kleinen Laden, er hat noch nicht geduscht, er hat die Zähne noch nicht geputzt, deswegen – die „praktische Alltagsvernunft“ gebietet es, „man nennt das übrigens Verantwortungsethik“ – gebärdet er sich so reserviert wie möglich, steht verhuscht da und nuschelt seine Bestellung unauffällig in den Bart. Nicht auszudenken, dass „die anderen, die in der Reihe stehen, diesen einen schief anschauen“! Darum: „Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt.“ Als guter Liberaler fängt Lindner also bei sich selbst an (nicht wie die Sozialdemokraten, die bekanntlich eher fürsorglich-erzieherisch vorgehen, mit Kurt Beck: „Waschen und rasieren Sie sich!“) und bringt die Fassade auf Vordermann (er „richtet sich“, wie die Leute hier in Oberschwaben sagen). „Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen Einwanderungspolitik“: nicht unrasiert zum Bäcker, Zähneputzen nicht vergessen, sonst merken die Leute am Ende noch, dass man „hochqualifizierter Entwickler Künstlicher Intelligenz“ ist.

          Man mag mir vorhalten, das Thema sei zu ernst für Soziologenblödelei; also lasse ich – „Sie stellen uns als Provinzfürsten aus Bayern hin!“ – eine Notiz zu Horst Seehofers Anweisung weg, „langen Staus“ dadurch zu entgehen, dass man auf der Autobahn wendet. Der Vorwurf wäre berechtigt. Aber mein Unernst ist nur ein heuristischer Trick, um nicht zu schnell zu verstehen, was die geschilderten Alltagsparaphrasen eint. Offensichtlich sind eine Aversion gegen Fremdheit und eine Präferenz für Polemik, beides in einer sich betont unverklemmt dem Allerweltsgeschmack anbiedernden „street credibility“, die jedes Gegenüber unverhohlen unterschätzt. Offensichtlich ist auch eine in massenmedialen Umgebungen steigende Wahrscheinlichkeit, diese Unterschätzung (um genau zu sein: diese Verachtung) als unterhaltsames Draufgängertum zu schematisieren.

          Verdichtung in Warteschlangen

          All das ist in zahllosen Kommentaren aufgegriffen und diskutiert worden, dem wäre nichts hinzuzufügen. Weniger häufig kommentiert worden ist allerdings die ebenfalls all diesen Geschichten gemeinsame Präferenz für bürokratische Regulierung, die in ihrer Schlichtheit überrascht. Denn sie generalisiert den Einzelfall zwar, aber nicht, um höhere Abstraktionslagen in der Beschreibung des Einzelfalls zu ermöglichen (und damit größere Freiheiten für den Einzelnen, sich individuell zu unterscheiden und in dieser Unterscheidung toleriert zu werden), sondern um den Einzelfall einer Verallgemeinerung zu unterwerfen – das ist nichts als eine formalistische Trivialität, ein Stereotyp von Amts wegen – und um anzukündigen, das Recht sei zu vollstrecken für den Fall, dass der Einzelne sich vom Allgemeinen unterscheidet – was nichts ist als Aggressivität von Amts wegen.

          Mark Siemons hat das in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 27. Mai zwar treffend als „Ideologie der Eindeutigkeit“ bezeichnet und größere Ambiguitätstoleranz gefordert, auch die erstaunliche Regulierungsbedürftigkeit und die nicht minder erstaunliche Blindheit für die Funktionsbedingungen formaler Organisation kritisiert, aber dennoch den Spieß nur umgedreht. Man müsse „den Menschen in der Schlange“ – ich wäre restriktiver: ich muss mir selbst in jedem verunsichernden Moment – „sagen, dass vieles, vielleicht das meiste im Leben mehrdeutig ist und dass von jedem erwachsenen Menschen erwartet werden kann, zu unterscheiden, in welchem Fall eine solche Mehrdeutigkeit aufgelöst werden muss und in welchem Fall das unnötig, ja womöglich sogar schädlich ist“ und „dass an der Beklommenheit in der Bäckerei nicht der Brötchenbesteller mit seinem gebrochenen Deutsch schuld ist, sondern ihre eigene Unfähigkeit, mit ihrem Nichtwissen klarzukommen, etwa indem sie es in einen größeren Zusammenhang, und sei es den eines halbwegs gelassenen Zusammenlebens, einbetten“ (und dann schließt er seinerseits – und darin möchte ich ihm nicht folgen – polemisch, ja drohend mit dem Hinweis, die Blickrichtung der Leute könne sich jederzeit wenden auf den „blonden Anzugträger“, von dem „man nicht weiß“, ob er „ein Immobilienhai“ ist, „der seine Steuern nicht bezahlt“). Es mag sein, dass die Vorstellung des Sprechens, um den Menschen etwas zu sagen, nicht weiter irritiert; „alltagspraktisch vernünftig“, um auf Lindner zurückzukommen, wäre sie eher nicht. Ambiguitätstoleranz und Ambiguitätsintoleranz sind keine Bewusstseinszustände und auch keine Kompetenzen, sondern Eigenschaften sozialer Zusammenhänge, die sich in Warteschlangen verdichten.

          Genau hier kann man soziologisch vielleicht eine Ergänzung riskieren. Berühmt, ja klassisch ist eine Untersuchung von Leon Mann, die sich mit Massenschlangen im Kartenvorverkauf für ein australisches Fußballstadion beschäftigt (Queue Culture: The Waiting Line as a Social System, in: American Journal of Sociology, Band 75, Heft 3, 1969). Mann weist eine komplexe interne Struktur nach, die sich aus Rollendifferenzierungen ergibt, die ihrerseits aber schlechterdings gar nichts mit irgendwelchen Eigenschaften von Personen zu tun haben, sondern sämtlich Funktionen und Folgen der abzuwartenden, unklar begrenzten Zeit sind.

          Aus der Warteschlange wird eine Hackordnung

          Warteschlangen wenden Trägheit und Unruhe, Egalität und Rivalität, Gleichzeitigkeit und Sequentialität je gegeneinander ein, und nur in dem einen Moment, da die Kassen öffnen (oder genauer sogar nur in dem Moment, kurz bevor sie öffnen), wirkt dieser Einwand scharf asymmetrisierend. Lars Clausen (Schlangen. Im Quellsumpf der Theorien [1981, für René König], wieder in: ders., Krasser sozialer Wandel. Opladen 1994) hat diesen Moment in Reisezügen nachgewiesen: Wenn der nächste Halt angekündigt wird, bilden sich Schlangen, in denen keiner mehr den anderen ansieht und in denen kein Koffer, kein Kinderwagen, kein Krückstock mehr respektiert wird.

          Javier Auyero (Patients of the state: an ethnographic account of poor people’s waiting, in: Latin American Research Review, Band 46, Heft 1, 2011) zeigt Ähnliches für Wartehallen in Sozialämtern für den Moment, wenn der nummernausgebende Apparat plötzlich funktioniert. Denn dann geht es los, dann kommt es darauf an, ob man am Platz ist oder jemanden hat, der stellvertretend am Platz ist (das schließt die Möglichkeit ein, sich durch Rucksäcke oder Pappkartons vertreten zu lassen, sofern den Nachrückenden darin vertraut werden kann, diese Platzhalter voranzuschieben und nicht zu übersteigen, und es schließt die Möglichkeit ein, mit diesen Plätzen zu handeln und auf dieses Vertrauen zu wetten).

          Bis dahin ist die Warteschlange als komplexe Architektur des Nichtwissens in den Worten von Karl Schlögel (Die Warteschlange als sowjetischer Chronotop, in: ders., Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt. München 2017) eine „soziale Skulptur par excellence“. Die Kassenöffnung aber als alles entscheidender Moment lässt die Ambiguität kollabieren, die das Warten ausmacht, und mit dieser Ambiguität kollabiert die Sozialität. Die Leute formieren sich, aus der Warteschlange wird schlagartig eine Hackordnung.

          Ambiguität ist kein Sicherheitsrisiko

          Wie Eric M. Leifer (Micromoment Management: Jumping at Chances for Status Gain, in: Soziale Systeme, Band 8, Heft 2, 2002) gezeigt hat, ist in diesem Moment der vor einem liegende Pappkarton kein respektabler Stellvertreter eines Mitmenschen mehr, sondern eine Gelegenheit zum Avancement, und wieder: vice versa. Dann will man es genau wissen, dann nimmt man den Stellvertreter als ignorables Objekt erster Ordnung (ein bloßer Pappkarton), vice versa. Dann tritt Regelkonformität (first come, first serve) an die Stelle großzügigen Nichtwissens, und an die Stelle der Regelkonformität kann schließlich entweder eine generalisierte Missachtung gegen jeden treten, der die Regeln nicht kennt oder den sie nicht erfassen (ein Mitmensch ohne Nummer, das heißt ein Mitmensch ohne formal zugewiesenen Platz, ist dann kein Mitmensch mehr), oder ein generalisierbares Misstrauen gegen jeden, der aufgrund einer beliebigen Abweichung auffällt, also unpassend und unzugehörig wird (übergehbar im Wortsinne).

          In dieser Form des jederzeit möglichen Umschlagens indifferenter Solidarität in aggressive Rivalität, des Kollabierens von Ambiguität und des polemogenen Sichausbreitens von Misstrauen und Anspannung ist die Warteschlange zum paradigmatischen „Narrativ“ der Diktatur geworden, wie Konstantin Bogdanov dargelegt hat (The queue as narrative: a soviet case study, in: Russian Cultural Anthropology after the Collapse of Communism, London 2012). Es ist eine Perfidie ersten Ranges, ausgerechnet diese Metapher zu verwenden, um höhere Determination von Einwanderungs- und Asylgesetzen zu fordern.

          Man spielt damit nicht nur ein über Jahre in allen Bild- und Schriftmedien inflationär ausgebreitetes Bild für Migration (Menschenschlangen, die sich über Feldraine und Grenzflüsse, zu Essensausgaben und Registrierschaltern voranquälen, eskortiert von Uniformierten) gegen ein kommodes Alltagsszenario aus (Biergarten, Bäcker), bloß um ein Gefühl der Bedrohtheit („Angst“) zu erzeugen, für das man sich dann selbst als Retter in der Not anbieten möchte. Man macht sich auch lustig über die Menschen, deren Leben in solche Schlangen gezwungen worden ist. Man mag so tun, als sei die Kassenöffnung im Fußballstadion ein äquivalenter Fall zur Grenzöffnung in Passau, aber man muss dann die Flucht als „Asyltourismus“ verstehen, als Freizeitspaß, den man sich auch versagen oder den man abbrechen kann, wenn die Kinder zu sehr quengeln.

          Die, deren Leben in Warteschlangen gezwungen wurde, deren Leben im Ausharren angesichts der Ungewissheit besteht, wie eng der Filter sein wird, durch den man geschleust werden wird (oder ob es keinerlei Filter mehr geben wird, sondern nur noch einen geschlossenen Schlagbaum), deren Leben ist durchzogen von kollabierender Ambiguität, von Aggression, von Rivalität, von Misstrauen. Sie müssen einen Pappkarton an ihren Platz stellen, wenn sie zum Bäcker wollen, sie wissen nicht, ob jemand diesen Platzhalter respektieren wird, und beim Bäcker treffen sie dann auf den wachsamen Bürger, der die Angst in ihren Augen flackern sieht und daraus auf mangelnde „Rechtschaffenheit“ schließt?

          Erving Goffman, dessen gesamtes Lebenswerk der Ausarbeitung der Einsicht gewidmet ist, dass Ambiguität kein Sicherheitsrisiko, sondern gerade die Sicherheitsbedingung einer komplexen Gesellschaft ist, erzählt in seinem Buch „Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience“ (Boston 1974) eine etwas andere, und mir scheint: sehr viel liberalere Geschichte. Man wisse nie so genau, mit wem man es zu tun habe, und in unverständlichen oder heiklen Situationen sei man deshalb entweder immer auf dem Sprung, sich zu entziehen, weil man eigentlich nie etwas wirklich richtig machen könne – oder man verlässt sich genau wegen dieser Alltäglichkeit des Missgeschicks darauf, dass es schon irgendwie gut gehen wird.

          Zu solcher Gelassenheit sind zwar jene nicht fähig, die kraft Amtes Kontrolle auszuüben haben – denn denen liege der Verdacht stets näher als alles andere. Aber auch darauf könne man sich einstellen, man sei diese Leute ja gewöhnt. Unangenehm werden nicht Amtsinhaber, sondern deren beflissene Stellvertreter, eifrig beobachtende Staatsbürger. Sie missverstehen Situationen auf immer gleiche Weise (zu Ungunsten der Beteiligten). Aber das muss man hinnehmen, sagt Goffman heiter, warum auch nicht? Man denke an den auf seiner gewohnten Straße durch eine Filmszene spazierenden Passanten, der die Kameraleute ignoriert, plötzlich aber eine Verbrecherjagd beobachtet und kurzentschlossen den Flüchtigen niederschlägt. „Na ja“, sagt der schwerverletzte Schauspieler, „kann vorkommen (ordinary trouble) – aber ich schätze mal, er schuldet mir ein Bier.“ Vielleicht würden Spahn und Lindner sich die Rechnung teilen.

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