https://www.faz.net/-gyl-9p30f

Wissenschaftliche Relevanz : Bedeutung ist keine Klickzahl

  • -Aktualisiert am

Anders stellt sich das Problem der Irrelevanz in der angewandten Forschung dar. Diese bezieht ihre Anerkennung nicht wie die Grundlagenforschung aus der Wissenschaft selbst, sondern aus der Gesellschaft. Relevantes Wissen in der angewandten Forschung kann nur durch den Abgleich mit gesellschaftlichen Bedürfnissen entstehen. Relevant ist angewandte Forschung, wenn sie dazu beiträgt, ein wie auch immer geartetes Problem zu lösen. In der gegenwärtigen Praxis wird Relevanz jedoch mit Popularität verwechselt.

Relevanzmessung per Klickzahl

Ein gutes Beispiel für diesen Trugschluss sind Altmetrics, also statistische Verfahren, die beziffern, wie häufig ein digitales Objekt, beispielsweise ein Artikel, in den sozialen Medien und anderen Online-Plattformen erwähnt und geteilt wird. Der Altmetric-Score wird von vielen als ein Maß für gesellschaftliche Relevanz betrachtet. Die Europäische Kommission unterhält sogar eine Expertengruppe. Es ist ein Irrglaube, dass auf diese Weise eine seriöse Aussage über gesellschaftliche Relevanz von Forschung getroffen werden kann. Wie überall in den sozialen Medien wird das eifrig getwittert, geteilt und kommentiert, was provoziert, und nicht das, was hilfreich, sinnvoll oder praktisch ist.

Altmetrics sind auch ein gutes Beispiel für die datenbasierte Pseudo-Verwissenschaftlichung, die sich bei der Messung der gesellschaftlichen Relevanz derzeit bemerkbar macht. Dabei ist es offensichtlich, dass Wissenschaftler, die damit beschäftigt sind, die Anzahl ihrer Likes zu maximieren, nicht automatisch für mehr gesellschaftliche Relevanz sorgen. Altmetrics setzen die gängige Praxis der Zählung von Presseerwähnungen fort, die Universitätspräsidenten und Institutsdirektoren zwar freut, aber sonst wenig Aussagekraft hat.

Ideen für eine kreative Forschung

Um wirkliche Relevanz zu erreichen, bedarf es in der Grundlagenforschung einer strategischen Förderung unkonventioneller und interdisziplinärer Wissenschaft. Ein Anfang wäre die konsequente Förderung von Karrierewegen jenseits klassischer Fakultäten. Die Universität Potsdam demonstrierte jüngst mit der Ausschreibung von „Open Topic Professuren“, die bewusst interdisziplinär und themenoffen angelegt sind, wie man Kreativität strategisch fördern kann. Das müsste durch eine neue Methode der Relevanzmessung ergänzt werden, die neben Artikeln auch neue Formate der wissenschaftlichen Kommunikation einbezieht. Eine interessante Frage ist, ob sich neue Fachzeitschriften durchsetzen können, die wie das „Journal of Statistical Software“ oder das „International Journal for Re-Views in Empirical Economics“ Publikationsmöglichkeiten für Software und die Überprüfung publizierter Ergebnisse bieten.

In der angewandten Forschung bedarf es eines neuen Verständnisses von Qualität im Wissenstransfer. Statt noch mehr unsinnige Indikatoren wie die Anzahl von Pressemitteilungen oder Twitter-Followern zu produzieren, müssen gerade beim Transfer die Grenzen der Messbarkeit diskutiert werden. Hier bewahrheitet sich die bibliometrische Binsenweisheit, dass nicht alles, was zählt, auch zählbar ist, und umgekehrt nicht alles, was zählbar ist, auch etwas zählt. Wenn man Qualität ernst nimmt, müssen wissenschaftliche und praktische Fachleute in die Beurteilung angewandter Forschung einbezogen werden. Forschungsorganisationen und der Wissenschaftsrat könnten das strategisch steuern.

Entscheidend wird ein Umdenken in der wissenschaftlichen Ausbildung sein. Das kann aber nicht forschungspolitisch verordnet werden, sondern muss aus der Wissenschaft selbst kommen. Während fast jeder Student einen Kurs zum wissenschaftlichen Publizieren besuchen muss, sind Kurse über Wissenstransfer selbst in Doktorandenprogrammen die Ausnahme. Die wissenschaftliche Arbeit, so wird dem Nachwuchs eingeimpft, endet mit der Fachpublikation, der umgehend die nächste folgt. Erst wenn wir den Nachwuchs darin schulen, Daten und Software zu teilen, riskante Projekte anzugehen und interdisziplinär zusammenzuarbeiten, kann die Wissenschaft zu wirklicher Relevanz zurückfinden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Lässt die Muskeln spielen: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Türkische Syrien-Offensive : „Erdogan will unsere Allianz brechen“

Ünal Ceviköz, der Vize-Vorsitzende der größten türkischen Oppositionspartei CHP, erklärt im Interview die innenpolitischen Motive des Nordsyrien-Feldzugs – und warum er die Ansiedlung von zwei Millionen Flüchtlingen in der „Sicherheitszone“ für utopisch hält.

Trump beleidigt Pelosi : „Sie ist sehr krank“

Die Demokraten haben ein Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten abgebrochen, weil Donald Trump die „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi beleidigt haben soll. Der Präsident legte auf Twitter noch nach.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.