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Aygül Özkan : Lehrjahre in der Schneiderei

Aygül Özkan: Aus Verärgerung wurde politisches Engagement. Bild: Pilar, Daniel

Aygül Özkan ist die erste Ministerin mit türkischer Abstammung in Deutschland. Sie brachte die passenden Werte zum richtigen Zeitpunkt mit.

          5 Min.

          In der türkischen Presse fand die Personalie eindeutige Zustimmung. „Unsere erste Ministerin“, titelte die Tageszeitung „Hurriyet“ in ihrer Europaausgabe, als Aygül Özkan vor gut anderthalb Jahren Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration in Niedersachsen wurde. Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei berief der damalige niedersächsische Regierungschef Christian Wulff die erste Ministerin mit Migrationshintergrund. Die Integration war somit auch an der Spitze deutscher Behörden angekommen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Aygül Özkans Aktivitäten werden in der Türkei weiterhin beobachtet. In der deutschen Öffentlichkeit ist die Aufmerksamkeit dagegen zurückgegangen. Wer Özkans Werdegang nicht genauer verfolgt hat, erinnert sich allenfalls an eine umstrittene Interviewäußerung zu Kruzifixen in Schulen und einen unangenehmen Gerichtsprozess. Weil ihr Fahrer sich über die vielen Dienstfahrten zu ihrer Familie nach Hamburg beschwert hatte, versetzte sie ihn. Das Vertrauensverhältnis sei gestört. Dagegen klagte der Fahrer vor dem Arbeitsgericht Hannover, das ihm im vergangenen Dezember recht gab.

          Zerstrittene Parteien an einen Tisch bringen

          Die politische Bewertung ihrer Arbeit ist wie üblich eine Frage der Perspektive. „Viel Glanz am Anfang, viel Ernüchterung in der Bilanz“, kritisiert die Opposition, die Aygül Özkan vorwirft, keine Initiativen gestartet zu haben, die sie von ihrer Vorgängerin unterscheiden. In den Regierungsparteien lobt man ihre Dialogbereitschaft und Zugewandtheit. Zudem wird ihr als Leistung zugeschrieben, dass sie viele zerstrittene Parteien an einen Tisch gebracht und einen verbindlichen „Pflegepakt“ vereinbart hat, der unter anderem eine höhere Förderung für Pflegeschüler verspricht und eine niedersächsische Initiative stützt, die zersplitterte Pflegeausbildung zu vereinheitlichen. Dafür hat sie auch aus den ursprünglich skeptischen Sozialverbänden Anerkennung bekommen.

          Ihr eigener Enthusiasmus wirkt ohnehin ungebremst. „Migrationshintergrund darf kein Mangel sein“, sagt sie. „Wir haben nicht so viele Kinder und Jugendliche. Sie sollen deshalb einmal die besten Chancen haben, für sich und uns zu sorgen“, gibt sie als Ziel aus. Dabei ist ihre Aufgabe bei weitem nicht auf die Integrationspolitik beschränkt. Die Kompetenzen ihres Ministeriums erstrecken sich von der Bauförderung über die Krankenhausfinanzierung bis zum Arbeitsschutz und zur Anwendung der Hartz-Gesetze. „Meine analytische Herangehensweise ist eine gute Voraussetzung. Die Hauptqualifikation ist aber, hinzuhören, wo der Schuh drückt, und mit Menschen umgehen zu können. Das bringe ich mit.“ Selbst der politische Gegner spricht Aygül Özkan zu, kompetent und sympathisch zu sein.

          Deutsche türkischer Herkunft sind den linkeren Parteien zugeneigt

          Dass sie einmal dieses Amt bekleiden würde, folgte keinem Plan. Nur dass sie es in der CDU weit bringen könnte, ahnte manch einer schon früh. Im Jahr 2004 trat sie in die Partei ein, weil ihr Werte wie Familie und Zusammenhalt wichtig sind. Schon vier Jahre später errang sie ein Mandat in der hamburgischen Bürgerschaft. Dort wurde sie sogleich Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, der sich mit den großen Streitfragen rund um den Hafen und den Naturschutz beschäftigt. Ein rasanter Aufstieg, der sich nur mit der Förderung durch ihren Mentor, den früheren Hamburger CDU-Vorsitzenden Dirk Fischer, erklären lässt. Er erkannte in ihr die Chance, der Partei neue Milieus zu erschließen.

          Viele Türken, Deutschtürken und Deutsche türkischer Herkunft sind traditionell den linkeren Parteien zugeneigt. Die Gewerkschaften hätten sich einst als erste für die Wünsche und Sorgen der Gastarbeiter interessiert, das präge, erklärt Özkan dieses Phänomen. Doch sie selbst steht mit ihrer Familiengeschichte und ihrer Haltung für einen bedeutenden anderen Teil der Migrationsgemeinde: die bürgerlichen Kreise, die Wert auf Bildung, Leistung und wirtschaftliche Selbständigkeit legen. So wie auch ihr Vater, der 1963 mit dem Ziel nach Deutschland kam, eine eigene Schneiderei aufzubauen, sobald er dazu nach fünf Jahren Aufenthalt das Recht hatte. 1968 kam seine Frau nach und zog mit ihm das Geschäft in Hamburg-Altona auf. „Meine Eltern lebten mir das Rollenbild vor, das auch ich heute mit meinem Mann lebe. Die Mutter musste nicht den ganzen Tag zu Hause sein, um die Kinder gut zu fördern“, beschreibt Özkan das, was sie „ihre Normalität“ nennt.

          Das Abitur verdankt sie der Hartnäckigkeit ihres Vaters

          Mit ihrer älteren Schwester verbrachte sie damals viel Zeit in dem Laden, brachte Kunden ihre fertig genähten Kleidungsstücke, die dafür oft etwas Kleingeld in eine Spardose warfen. „Meine Eltern haben sich in einem fremden Land etwas aufgebaut und Verantwortung für Mitarbeiter übernommen“, sagt sie. So habe sie gelernt, dass sich Leistung lohne. Und anders als in vielen anderen Familien aus der Türkei hätten ihr ihre Eltern vermittelt, dass man mit dem Erarbeiteten auch Spaß haben dürfe. Die Ersparnisse gingen nicht ausschließlich an Verwandte in der Heimat. „Wir haben bei vielen Reisen in Deutschland und Europa über unseren Tellerrand geschaut.“

          Der Wunsch des Vaters, eine der zwei Töchter solle Ärztin werden, erfüllte sich nicht. Aygül Özkans Schwester wurde Architektin, sie selbst studierte Jura in Hamburg. Die Hochschulreife hat sie der Hartnäckigkeit ihres Vaters zu verdanken. Trotz guter Noten hatte sie keine Empfehlung für das Gymnasium bekommen. „Er wurde stutzig, und ich weinte, weil meine beste Freundin auf eine andere Schule kommen sollte“, erzählt sie. Ob sie mit ihren Leistungen eine Chance auf dem Gymnasium haben werde, fragte ihr Vater die Schulleiterin in ihrem Stadtteil. Die bejahte.

          Schon als Jugendliche habe sie immer alles hinterfragt, gern ausgiebig diskutiert und auch in der Familie für demokratische Abstimmungen gestritten. Deshalb entschloss sich Özkan nach dem sehr guten Abitur für Jura, obwohl es ihr als trocken beschrieben wurde und sie zunächst wenig Kontakt zu Menschen hatte. „Im Beruf dann suchte ich aber den Kontakt zu Menschen statt zur Akte“, erzählt sie lächelnd. Gezielt wählte Özkan als ersten Arbeitgeber einen ehemaligen Monopolisten: die Deutsche Telekom. „Sie war damals ein Staatsunternehmen im Umbruch. Das bot mir die Möglichkeit, mit neuen Ideen Gehör zu finden. Ich wollte sehen, wie so ein Unternehmen mit neuen Wettbewerbern umgeht.“ In dem Unternehmen etablierte sie sich nach einem Traineeprogramm bald als Nachwuchsführungskraft und übernahm 2004 die Leitung des Geschäftskundenbereichs von T-Mobile in Norddeutschland. Zwei Jahre später wechselte sie zum Postkonkurrenten TNT - diesmal auf die Seite des angreifenden Wettbewerbers.

          Zeitlicher Spagat zwischen Beruf und Politik

          Parallel zu ihrem beruflichen Erfolg wurde die Politik immer wichtiger. Zunächst engagierte sich Aygül Özkan ehrenamtlich. „Während des Referendariats in der Hamburger Handelskammer fragte ich mich, was man dort eigentlich den vielen Pflichtmitgliedern mit ausländischer Herkunft zu bieten hat“, berichtet sie. Gemeinsam mit einem Kollegen erarbeitete sie ein Konzept, wie diese als Investoren und Ausbilder noch stärker eingebunden werden könnten. „Am Ende haben wir Hunderte von Auszubildenden vermittelt und die Nähe der Unternehmen zur Kammer hergestellt.“ Als Spendensammler gab es für sie immer wieder mal Anlass, sich zu ärgern. Irgendwann wurde aus Ärger politisches Engagement.

          „Schnell wurde das Engagement zum zeitlichen Spagat zwischen Beruf und Politik für mich, denn beruflich war ich Führungskraft. Im Parlament wurde ich sofort Vorsitzende eines wichtigen Ausschusses.“ Sie verdanke es ihrem Mann, einem türkischstämmigen Arzt, und ihrem Sohn, dass sie diese Aufgaben aufeinander abstimmen konnte.

          Die Kombination weiblich, Juristin, erfolgreich im Beruf, engagiert im Ehrenamt und noch dazu türkischer Herkunft hat ihr die Tür zu höheren Ämtern aufgestoßen. Ihrem ehemaligen Vorgesetzten Wulff gelangen mit ihrer Beförderung und wenig später mit seinen Aussagen zum Islam, der zu Deutschland gehöre, seine letzten beiden öffentlichen Coups. Sie will ihre Chance weiter nutzen. „Ich habe Gestaltungswillen. Die Politik macht mir Spaß. Ich hoffe, dass ich ihr noch lange erhalten bleibe“, sagt Özkan.

          Ich über mich

          Ein guter Arbeitstag beginnt mit...

          ...einer Tasse Tee und der Zeitung.

          Die Zeit vergesse ich...

          ...bei guten Gesprächen.

          Wer es in meinem Geschäft zu etwas bringen will, ...

          ...der muss gestalten wollen und auf Menschen zugehen können.

          Erfolg feiere ich ...

          ...am liebsten mit denjenigen, die sie mit mir zusammen erarbeitet haben.

          Es bringt mich auf die Palme, ...

          ...wenn jemand engstirnig oder unzuverlässig ist.

          Mit 18 Jahren wollte ich ...

          ...Pilotin werden.

          Im Rückblick würde ich nicht noch einmal ...

          ...- ich bereue nichts. Auch aus Fehlern kann man lernen. Das Wichtigste ist: jeden Tag in den Spiegel schauen zu können.

          Geld macht mich ...

          ...fähig, Gutes zu tun.

          Rat suche ich...

          ...gerne - einer alleine kann nicht alles wissen.

          Familie und Beruf sind ...

          ...zusammen mein Glück.

          Den Kindern rate ich,...

          ...auf die eigenen Stärken zu vertrauen.

          Mein Weg führt mich...

          ...gleich erst mal nach Braunschweig. Sonst lasse ich alles auf mich zukommen. Wichtiger als ein bestimmtes Amt ist die Chance, etwas zu bewegen.

           

          Zur Person

          Aygül Özkan wird am 27. August 1971 als Tochter eines türkischen Schneider-Ehepaars in Hamburg geboren.

          Im Jurastudium in Hamburg spezialisiert sie sich auf Wirtschafts- und Europarecht.

          Nach 1998 führen sie berufliche Stationen zur Deutschen Telekom und zu TNT.

          2004 tritt sie in die CDU ein, wird 2008 Mitglied der hamburgischen Bürgerschaft und 2010 in Niedersachsen erste türkischstämmige Ministerin eines Bundeslandes.

          Sie ist verheiratet und hat einen neun Jahre alten Sohn.

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