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Auswege aus der Uni : Was tun nach der Doktorarbeit?

Ein Weg in die Praxis? Die Bibliothek des Hamburger Instituts für Sozialforschung Bild: HIS/Fabian Hammerl

Gute Idee der Volkswagen Stiftung: In einem Pilotprojekt sollen Postdoktoranden in der Frühphase der Habilitation an praxisrelevante Forschung herangeführt werden. Die Nachfrage ist gering. Was liegt im Argen?

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          Immer mehr Hochschulabsolventen setzen sich nach ihrem Abschluss an eine Dissertation. Manche wollen Zeit schinden, weil sie sich noch nicht auf den Arbeitsmarkt trauen oder auch einfach nur ihren Lebenslauf aufhübschen. Einige hoffen auf eine Karriere in der Wissenschaft, habilitieren sich oder teilen das Schicksal vieler Jungwissenschaftler: sie hangeln sich von Werkvertrag zu Werkvertrag und kommen darüber in die Jahre. Um dieser Misere vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften abzuhelfen, hat die Volkswagen Stiftung ein Pilotprojekt aufgelegt und den Versuch gemacht, Wissenschaft und Praxis enger zu verzahnen. Postdoktoranden der Soziologie sollten in der Frühphase der Habilitation an praxisrelevante Forschung herangeführt werden, um ihnen den Zugang zum nicht-universitären Arbeitsmarkt zu öffnen. Eine geniale Idee, könnte man meinen, die Hunderte von Bewerbern anlockt. Doch weit gefehlt. Auf sechs Stipendienplätze für sieben Monate bewarben sich gerade einmal 20 Postdoktoranden, darunter so mancher „Exot“, der aus den kleinen Fächern wie Regionalwissenschaften kam.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Charlotte Joppien und Clemens Reichhold gehören zu den sechs Auserwählten und haben den Eindruck, dass die sieben Monate außerhalb der Universität sie in jeder Hinsicht weitergebracht haben. Joppien, die Islamwissenschaften mit Schwerpunkt Türkei studiert hat und in Australien in Anthropologie promoviert wurde, war in der Landeszentrale für politische Bildung in Hamburg beschäftigt, konnte eigenständig eine Konferenz zum Postkolonialismus vorbereiten, ein eigenes Informationsheft zu politischer Inszenierung im Nahen Osten vorbereiten, das auch an die Schulen gehen soll, einen Infoflyer neu gestalten und ihr wissenschaftliches Handwerkszeug in der Praxis nutzen. Sie hat einen fertig geschriebenen Habilitationsantrag in der Schublade und ist noch unentschlossen, ob sie ihn wirklich abschickt. Wenn die Landeszentrale ihr eine Stelle anböte, würde sie vermutlich nicht nein sagen. Clemens Reichhold hat seine Ader für den Wissenschaftsjournalismus entdeckt, als er beim Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) in der Redaktion der hauseigenen Zeitschrift „Mittelweg 36“ und beim Internetportal Soziopolis mitarbeitete, das tagesaktuell aus den Sozialwissenschaften berichtet. Es richtet sich nicht nur an Sozialwissenschaftler, sondern soll für alle verständlich sein. Er hat gerade sein erstes Interview vor sich. Ein Interviewtraining, das er noch nicht absolviert hat, würde Knöbl dem Stipendiaten durchaus sponsern.

          Warnung vor dem Stipendium?

          Ein Stipendium war auch in der Redaktion einer Zeitung, des GIGA (German Institute of Global and Area Studies), beim Norddeutschen Rundfunk und in der Sachbuchredaktion des Rowohlt-Verlags zu haben. Eine der Stipendiatinnen ging nach vier Monaten verfrüht zurück an die Universität, weil ihr dort ein Werkvertrag angeboten wurde. Er ist mit 2100 Euro im Monat dotiert. Die nächste Ausschreibung beginnt im September, begonnen wird im Februar. Die Antwort auf die Bewerbung erfolgt in den ersten zwei Monaten. Nach einer zweijährigen Laufzeit soll es bei der Stiftung eine Evaluation geben und sie wird entscheiden, ob das Programm fortgesetzt wird. Die Volkswagen Stiftung lässt sich sowohl die Postdoktorandenstipendien als auch andernorts ausgeschriebene Doktorandenstipendien insgesamt 13 Millionen Euro kosten, um die Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Praxis auch in Deutschland zu verstärken, die in angelsächsischen Ländern längst etabliert ist.

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