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Auswahl von Forschern : Wie sich die Qualität verbessern lässt

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Damals noch ohne Erbsenzählerei: Ein physikalisches Forschungslabor der Sorbonne in Paris um 1895 Bild: Picture-Alliance

Forscher scheuen immer häufiger das Risiko, obwohl sich oft neue Erkenntnisquellen aus Scheitern ergeben. Zehn Prinzipien der Personalauswahl könnten der metrischen Überbewertung bei Bewerbungen entgegenwirken.

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          Der herrschende Konformitäts- und Publikationsdruck steht der Qualität von Forschung und der Risikobereitschaft von Forschern entgegen. Quantifizierung, Indikatorisierung und der unsachgemäße Einsatz von Metriken in der wissenschaftlichen Leistungsbeurteilung verschärfen das Problem zusätzlich. Zehn Prinzipien können die Qualität von personenbezogenen Auswahlverfahren stärken.

          1. Wachstum und Beschleunigung auf Kosten wissenschaftlicher Qualität?

          Die Wissenschaftssysteme hochindustrialisierter Gesellschaften erleben seit dem Zweiten Weltkrieg ein stetes Wachstum. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung von Disziplinen sowie einem schärferen Wettbewerb um Ressourcen einher. Infolgedessen verstärkt und verändert sich die Dynamik von Forschungsprozessen.

          Zum einen steigt die Erwartung, immer schneller zu veröffentlichungsfähigen Ergebnissen zu kommen. Negative Folgen – wie die Publikation von kleinsten Erkenntnisfortschritten und zunehmende Probleme bei der Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen – sind unübersehbar. Zum anderen steigt der Druck, in den wenigen Journalen mit hohem Impact-Faktor zu publizieren. Um dort die Chance zur Veröffentlichung zu verbessern, werden Forschungsergebnisse weniger sachlich denn als Sensationen dargestellt. Gleichzeitig wächst das Interesse der Gesellschaft an der Wissenschaft und dem Nachweis ihrer Nützlichkeit sowie daran, Forschungsvorhaben und ihre Finanzierung legitimiert zu sehen. Der berechtigte Anspruch auf eine Rechtfertigungsfähigkeit der Wissenschaft wirkt allerdings kontraproduktiv, wenn er auf eine allumfassende und jederzeitige „Accountability“ zielt.

          Unter dem zunehmenden Druck des nationalen wie internationalen Wettbewerbs um personelle und finanzielle Ressourcen konnten die wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland seit den späten neunziger Jahren eine deutliche Steigerung ihrer strategischen Handlungsfähigkeit durchsetzen. Zugleich aber werden sie immer abhängiger von wissenschaftspolitischen Vorgaben bei der Messung ihres Erfolges, die für ihre Finanzierung ausschlaggebend sind. Die Entscheidungsmacht im Wissenschaftssystem hat sich von der wissenschaftsinternen kollegialen zur wissenschaftsadministrativen und -politischen Ebene verschoben.

          Begünstigt wird diese Entwicklung durch digitale Datenerfassung und -analyse. Dadurch werden Sachverhalte immer häufiger auf ihre messbaren Aspekte verkürzt. Quantitative Indikatoren beherrschen die Wissenschaft in zunehmend riskantem Maße. Wissenschaftsintern entwickelte, spezialisierte Qualitätsbewertungen werden durch wissenschaftsextern überprüfbare und vereinheitlichte Bewertungsverfahren (z. B. Ratings und Rankings) ersetzt. Die Hoffnung auf eine dadurch gewonnene höhere Legitimität von Entscheidungen erscheint trügerisch.

          Daher verschärfen sich die Zielkonflikte, die im Wissenschaftssystem selbst angelegt sind. So werden vom einzelnen Wissenschaftler Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen sowie die Suche nach möglichst überraschenden und informativen Forschungsergebnissen eingefordert. Eine solche Offenheit kann nur durch langfristiges institutionelles Vertrauen in Form von Zeit und Geld für Forschung entstehen. Denn das Beschreiten ungewöhnlicher Forschungswege birgt ein hohes Risiko des Scheiterns in sich. Das institutionelle Vertrauen nimmt jedoch ab; Überzogene Transparenz-Imperative und Dauer-Evaluation institutionalisieren Misstrauen.

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