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Auswahl von Forschern : Wie sich die Qualität verbessern lässt

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Damals noch ohne Erbsenzählerei: Ein physikalisches Forschungslabor der Sorbonne in Paris um 1895 Bild: Picture-Alliance

Forscher scheuen immer häufiger das Risiko, obwohl sich oft neue Erkenntnisquellen aus Scheitern ergeben. Zehn Prinzipien der Personalauswahl könnten der metrischen Überbewertung bei Bewerbungen entgegenwirken.

          8 Min.

          Der herrschende Konformitäts- und Publikationsdruck steht der Qualität von Forschung und der Risikobereitschaft von Forschern entgegen. Quantifizierung, Indikatorisierung und der unsachgemäße Einsatz von Metriken in der wissenschaftlichen Leistungsbeurteilung verschärfen das Problem zusätzlich. Zehn Prinzipien können die Qualität von personenbezogenen Auswahlverfahren stärken.

          1. Wachstum und Beschleunigung auf Kosten wissenschaftlicher Qualität?

          Die Wissenschaftssysteme hochindustrialisierter Gesellschaften erleben seit dem Zweiten Weltkrieg ein stetes Wachstum. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung von Disziplinen sowie einem schärferen Wettbewerb um Ressourcen einher. Infolgedessen verstärkt und verändert sich die Dynamik von Forschungsprozessen.

          Zum einen steigt die Erwartung, immer schneller zu veröffentlichungsfähigen Ergebnissen zu kommen. Negative Folgen – wie die Publikation von kleinsten Erkenntnisfortschritten und zunehmende Probleme bei der Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen – sind unübersehbar. Zum anderen steigt der Druck, in den wenigen Journalen mit hohem Impact-Faktor zu publizieren. Um dort die Chance zur Veröffentlichung zu verbessern, werden Forschungsergebnisse weniger sachlich denn als Sensationen dargestellt. Gleichzeitig wächst das Interesse der Gesellschaft an der Wissenschaft und dem Nachweis ihrer Nützlichkeit sowie daran, Forschungsvorhaben und ihre Finanzierung legitimiert zu sehen. Der berechtigte Anspruch auf eine Rechtfertigungsfähigkeit der Wissenschaft wirkt allerdings kontraproduktiv, wenn er auf eine allumfassende und jederzeitige „Accountability“ zielt.

          Unter dem zunehmenden Druck des nationalen wie internationalen Wettbewerbs um personelle und finanzielle Ressourcen konnten die wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland seit den späten neunziger Jahren eine deutliche Steigerung ihrer strategischen Handlungsfähigkeit durchsetzen. Zugleich aber werden sie immer abhängiger von wissenschaftspolitischen Vorgaben bei der Messung ihres Erfolges, die für ihre Finanzierung ausschlaggebend sind. Die Entscheidungsmacht im Wissenschaftssystem hat sich von der wissenschaftsinternen kollegialen zur wissenschaftsadministrativen und -politischen Ebene verschoben.

          Begünstigt wird diese Entwicklung durch digitale Datenerfassung und -analyse. Dadurch werden Sachverhalte immer häufiger auf ihre messbaren Aspekte verkürzt. Quantitative Indikatoren beherrschen die Wissenschaft in zunehmend riskantem Maße. Wissenschaftsintern entwickelte, spezialisierte Qualitätsbewertungen werden durch wissenschaftsextern überprüfbare und vereinheitlichte Bewertungsverfahren (z. B. Ratings und Rankings) ersetzt. Die Hoffnung auf eine dadurch gewonnene höhere Legitimität von Entscheidungen erscheint trügerisch.

          Daher verschärfen sich die Zielkonflikte, die im Wissenschaftssystem selbst angelegt sind. So werden vom einzelnen Wissenschaftler Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen sowie die Suche nach möglichst überraschenden und informativen Forschungsergebnissen eingefordert. Eine solche Offenheit kann nur durch langfristiges institutionelles Vertrauen in Form von Zeit und Geld für Forschung entstehen. Denn das Beschreiten ungewöhnlicher Forschungswege birgt ein hohes Risiko des Scheiterns in sich. Das institutionelle Vertrauen nimmt jedoch ab; Überzogene Transparenz-Imperative und Dauer-Evaluation institutionalisieren Misstrauen.

          Quantifizierung und Indikatorisierung beschleunigen die Forschungsprozesse weiter und führen dazu, dass innerhalb wissenschaftlicher Institutionen die Schnelligkeit der Erkenntnisgewinnung und die unmittelbare Nützlichkeit von Forschungsergebnissen erwartet und honoriert werden. Die Kurzatmigkeit des Systems erhöht die Gefahr, dass der Neugier als intrinsischer Motivation des einzelnen Wissenschaftlers extrinsische Anreize den Rang ablaufen. Darunter leidet früher oder später die Qualität der Forschung. Es drohen Situationen, in denen risikobehaftete Projekte gar nicht erst in Angriff genommen werden und radikal neue Ideen keine finanzielle Unterstützung finden.

          2. Auswirkungen auf jüngere Wissenschaftler

          Die beschriebenen Prozesse erzeugen einen Konformitätszwang, welcher der Grundidee von Wissenschaft widerspricht. Das führt zu Verwerfungen, die sich auf die Gruppe der jungen Wissenschaftler besonders negativ auswirken. So ist zu beobachten, dass die Berufswege im Wissenschaftssystem zunehmend formatiert und verfestigt sind. Entscheidungen über die Vergabe von Postdoktoranden-Stellen, Stufen im Tenure Track oder Berufungsverfahren orientieren sich immer häufiger an weitgefächerten formalen Kriterienkatalogen der auswählenden Institutionen. Neben sehr guter Forschung und Publikationen in Journalen mit hohen Impact-Faktoren werden Vorträge auf ausgewiesenen Fachkonferenzen, renommierte Preise, hohe Drittmitteleinwerbungen, hervorragende Evaluationen der akademischen Lehrleistung, Erfolge im Wissenstransfer, Engagement und Erfahrung in der akademischen Selbstverwaltung, internationale Kooperationen sowie Projektmanagement- und Führungskompetenzen erwartet.

          Vermeintlich führt das zu einer besseren Planbarkeit der Karriere für die einzelnen Forscher, wenn sie ihr Forschungshandeln nach solchen Kriterien ausrichten. Doch diese bieten der jeweils bewertenden Institution einerseits die Möglichkeit, durch spezifische Ad-hoc-Gewichtung einzelner Kriterien Entscheidungen über Karriereverläufe scheinbar objektiv, aber tatsächlich nur schwach zu begründen. Die qualitative Bewertung der Persönlichkeit, der Forschungsinteressen, -ideen und -fähigkeiten des Wissenschaftlers treten in Auswahlverfahren zunehmend in den Hintergrund.

          Die dadurch geförderte Unkultur einer „Selbstoptimierung“ gemäß externen Vorgaben gefährdet andererseits die Risikobereitschaft im Forschungshandeln und die Neugier auf überraschende Erkenntnisse. Ursache dafür ist auch der häufig unsachgemäße Einsatz von Metriken innerhalb der Kriterienkataloge. Insgesamt bedroht die Maximierung von messbaren Größen die Vielfalt der Formen wissenschaftlichen Wettbewerbs – zwischen Ideen, Personen, Projekten, Preisen, Drittmitteln, Publikationen und Institutionen.

          3. Zehn Prinzipien für die Personalauswahl in der Wissenschaft

          In einer idealen Wissenschaftswelt wäre in Auswahlverfahren allein die qualitative Urteilsbildung auf Grundlage der umfassenden Berücksichtigung von Forschungsleistungen, der Bewertung von Projektideen nach ihrer Stringenz und Originalität sowie der Einschätzung von Forscherpersönlichkeiten auf der Grundlage persönlicher Begegnungen und sorgfältiger Lektüre ihrer Schriften bestimmend. Angesichts des expandierenden Wissenschaftssystems gilt es jedoch, qualitative und quantitative Formen der Bewertung so zu kombinieren, dass die angesprochenen dysfunktionalen Folgen des Systemwachstums so weit wie möglich abgeschwächt werden.

          Das kann nur gelingen, wenn quantitative Indikatoren im Sinne des „Informed Peer Review“ methodisch reflektiert in qualitative Bewertungen eingebettet werden. In diesem Fall können Metriken die fachliche Expertise von Wissenschaftlern auf dem Weg zu einer nachvollziehbaren Entscheidung unterstützen. Denn bei aller Kritik an der Indikatorisierung muss anerkannt werden, dass große Bewerberzahlen in zahlreichen Auswahlverfahren ein erhebliches Problem darstellen. Um es zu bewältigen, ist es sinnvoll, eine Gliederung des Auswahlprozesses in drei Phasen vorzunehmen, in denen Metriken schrittweise sinkende Bedeutung zukommt: In einer ersten Phase sollte die Bewerberlage gesichtet und eine überschaubare Anzahl von Bewerbungen unter Einbeziehung auch von formalen Aspekten und Metriken ausgewählt werden. In der zweiten Phase sollte die Gruppe der besten Bewerbungen anhand einer differenzierten Berücksichtigung qualitativer und quantitativer Aspekte ausgewählt werden. Die dritte Phase brächte dann die endgültige Auswahl durch individuell-qualitative Betrachtung der vorausgewählten Besten. In allen Phasen müssen die zu Bewertenden über Verfahrensablauf, zeitliche Planung und jeweils gültige Auswahlkriterien umfassend informiert werden.

          Konformitäts- und Publikationsdruck führen dazu, dass die Qualität von Forschung und Risikobereitschaft von Forschern abnimmt.

          Die folgenden zehn Prinzipien sollten qualitätsorientierte Verfahren der Personenauswahl leiten:

          1. Qualitativen Aspekten wachsende Relevanz zuerkennen

          Das Auswahlverfahren zeichnet sich dadurch aus, dass die wissenschaftliche Qualität der Bewerber über die drei genannten Phasen durch eine zunehmend detaillierte inhaltliche Würdigung ihrer Forschungsleistungen bewertet wird. Quantitativen Indikatoren kommt im Prozess dementsprechend eine stark abnehmende Aussagekraft zu. In gleichem Zuge sind der zeitliche Aufwand je Bewerber sowie die Intensität der fachlichen wie persönlichen Bewertung stetig zu steigern.

          2. Disziplinspezifische Qualitätskriterien umfassend nutzen

          Die verstärkte Berücksichtigung qualitativer Aspekte orientiert sich an der disziplinären Ausdifferenzierung und den in der jeweiligen Fachkultur üblichen Kriterien für wissenschaftliche Qualität. Für alle Disziplinen gleich gelten die epistemischen Tugenden (wie u.a. intersubjektive Kommunizierbarkeit und methodische Skepsis) der Wissenschaft und die Standards guter wissenschaftlicher Praxis.

          3. Personalisierte Einzelvoten gegen den Konformitätsdruck einsetzen

          Die erste der eingangs beschriebenen Auswahlphasen ist darauf ausgerichtet, die Vielzahl der Bewerber zu sichten und eine Vorauswahl zu treffen. Sie birgt aufgrund ihrer formalen Auswahlraster und der einbezogenen Metriken die Gefahr, dass Bewerbungen oder Nominierungen von risikobereiten Forscherpersönlichkeiten mit ungewöhnlichen Forschungsideen aus dem Verfahren fallen. Um sie im Verfahren zu halten, empfiehlt es sich, zusätzlich personalisierte Einzelvoten, etwa in Gestalt von Jokern, in der ersten Phase einzusetzen.

          4. Publikationsanzahl begrenzen

          Im Wissenschaftssystem gibt es einen enormen Publikationsdruck, der die Veröffentlichungsstrategie junger Wissenschaftler negativ beeinflusst. Um dieser Tendenz nicht weiter Vorschub zu leisten, sind die im Auswahlverfahren zu nennenden Publikationen auf eine kleine Anzahl zu begrenzen, die in dem jeweiligen fachlichen Zusammenhang einschlägig sind. Die Anzahl kann je Fachgebiet variieren. Für die Phase der endgültigen Auswahl sind diese Publikationen zum einen Gegenstand der obligaten Begutachtungslektüre, zum anderen – dank ihrer Auswahl durch den zu Beurteilenden – eine aussagekräftige Selbstdarstellung.

          5. Individuelle Besonderheiten von Lebensläufen beachten

          Für eine umfassende Bewertung eines Wissenschaftlers und seiner bisherigen wie erwartbaren wissenschaftlichen Leistung sind diese vor dem Hintergrund persönlicher Gegebenheiten und spezifischer Aspekte seiner Biographie zu betrachten. Offenheit und eine Würdigung auch nicht wissenschaftlicher Phasen wie Mutterschutz, Pflege von Angehörigen Freiwilligenarbeit sowie berufliche, künstlerische und sportliche Betätigungen sind in die individuelle und gesamtheitliche Bewertung eines wissenschaftlichen Bildungsweges einzubeziehen.

          6. Soziale und kommunikative Kompetenzen wertschätzen

          Wesentlicher Bestandteil der Beurteilung einer wissenschaftlichen Persönlichkeit sind neben den konkreten fachspezifischen Forschungsergebnissen und -leistungen ihre sozialen und kommunikativen Kompetenzen. Aspekte wie Teamfähigkeit, Mentoringerfahrung und Führungsfähigkeit sind im Auswahlprozess zu hinterfragen und in geeigneter Weise zu beurteilen.

          7. Persönliche Präsentationen einfordern

          Um in der Phase der endgültigen Auswahl eine individuelle fachliche wie persönliche Bewertung vornehmen zu können, sollte dort die Vorstellung der Bewerber (innerhalb allgemein gehaltener Vorgaben) einen möglichst breiten und individuell gestaltbaren Raum einnehmen. Das persönliche Gespräch ermöglicht es den Entscheidern, bereits erbrachte Forschungsleistungen, das aktuelle Forschungshandeln sowie wissenschaftliche Aktivitäten im Umfeld des eigenen Kernthemas (Erkenntnisinteresse und theoretischer Problemrahmen, Methodenentwicklung, disziplinäre/interdisziplinäre Kooperationen, Wissenstransfer etc.) in ihrer Gesamtheit zu beurteilen.

          8. Irrtumstoleranz stärken

          Der wissenschaftliche Irrtum kann selbst eine Erkenntnisquelle der Wissenschaft sein. Um den Mut zum Risiko und damit die Chance auf überraschende und nicht gezielt gesuchte Erkenntnisse zu stärken, ist in der Wissenschaft insgesamt und damit auch in Auswahlverfahren eine größere Toleranz gegenüber Irrtümern zu etablieren. In Bewerbungsgesprächen einen Platz für gemachte Fehler und die daraus gezogenen Lehren zu schaffen, ermöglicht es den Entscheidern, sich ein umfassenderes Bild der Forschungsaktivitäten und -richtungen einer Person zu machen.

          9. Selbstreflexivität hinterfragen

          Das eigene Forschungshandeln, die inhaltlich wie methodisch eingeschlagene Richtung auch im Vergleich zu anderen Wissenschaftlern zu hinterfragen, ist ein wichtiger Teil im Erkenntnisprozess. Außerdem sollte sich jeder Wissenschaftler dem Anspruch stellen, das Verhältnis zwischen der wissenschaftlichen Qualität seiner Forschung und ihrer außerwissenschaftlichen Bedeutung zu reflektieren. Beide Aspekte sind im Auswahlverfahren einzubeziehen.

          10. Potentiale und Perspektiven stärker gewichten

          Lebensalter und Berufserfahrung eines Forschers korrelieren üblicherweise mit dem Umfang seiner bisher erbrachten Forschungsleistungen, der Größe seines „Netzwerks“ sowie der Anzahl seiner Publikationen und Ehrungen. Tendenziell sind damit ältere Forscher jüngeren Wissenschaftlern gegenüber im Vorteil. Um hier eine relative Chancengleichheit herzustellen, sind neben der Retrospektive auf das Forschungshandeln die Potentiale und aufgezeigten Perspektiven stärker zu gewichten. Je nach Auswahlverfahren gilt es, einen Vertrauensvorschuss auf forschungsstrategische Fragen, langfristige Projektideen, aber auch Lehrkonzepte und institutionelle Strategien zu gewähren. Das gilt umso mehr, je jünger die Bewerber sind.

          Peter Strohschneider ist germanistischer Mediävist, Jörg Hacker ist Biologe und war Präsident des Robert-Koch-Instituts, Martin Lohse ist Mediziner mit dem Schwerpunkt Pharmakologie und Toxikologie, und Wilhelm Krull ist Germanist und Literaturwissenschaftler.

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