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Ausbildungsreform : Psychotherapie ist kein Privatvergnügen

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Aus der Vorgeschichte der Psychotherapie: der berühmte Jean-Martin Charcot präsentiert seinen Kollegen eine Hysterikerin. Gemälde von André Brouillet Bild: akg-images/Mondadori Portfolio

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist bisher ein teurer Luxus ohne akademische Maßstäbe. Eine Reform soll das ändern. Sie geht aber noch nicht weit genug.

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          Versorgungsforscher und Epidemiologen gehen davon aus, dass rund dreißig Prozent der Allgemeinbevölkerung in Deutschland unter psychischen Störungen leidet. In Deutschland entspricht dies einem Anteil von 15 Millionen Menschen, die im Prinzip psychotherapeutisch behandelt werden könnten. Insgesamt bleibt die Erkrankungsrate auf einem gleichen Niveau, d. h. dass der Anteil an psychischen Störungen in den letzten Jahren nicht angestiegen ist. Was sich jedoch enorm gesteigert hat, ist die Belastung durch die psychischen Erkrankungen inklusive der gesellschaftlichen Folgen. Neben den direkten Belastungen durch Symptome erleiden psychisch Kranke soziale Einschränkungen, die teilweise auf deren Arbeitsausfälle und teilweise auf soziale Stigmatisierungen und Ausgrenzungsprozesse zurückzuführen sind. Auch die Gesellschaft ist belastet, nicht zuletzt durch die ökonomischen Folgen.

          Psychotherapie ist eine hochwirksame Methode zur Behandlung psychischer Störungen und gilt in den Leitlinien der wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften als Mittel der ersten Wahl. Der Gesetzgeber hat zusammen mit dem Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen früh erkannt, dass psychische Störungen behandlungsbedürftig sind, und hat daher Psychotherapie bereits 1967 als Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenkassen eingeführt. Fasst man die ambulante und stationäre Versorgungskapazität zusammen, so können etwa elf Prozent der potentiellen Patienten jährlich psychotherapeutisch versorgt werden. Mit nur etwa sieben Prozent der Gesamtkosten des Gesundheitssektors ist Psychotherapie ein kostengünstiges Mittel, das einem vielfach höherem Produktionsausfall gegenübersteht.

          In Deutschland wird die ambulante psychotherapeutische Versorgung durch verschiedene Berufsgruppen (Ärzte, Sozialarbeiter, Pflegefachkräfte), zentral jedoch durch die etwa 43 000 Psychologischen Psychotherapeuten in eigener Praxis geleistet. Laut dem seit 1999 bestehenden Psychotherapeutengesetz können Psychologen nach Abschluss ihres Studiums die Approbation als Psychologischer Psychotherapeut in einem wissenschaftlich begründeten Therapieverfahren erwerben und damit Psychotherapie als Kassenleistung anbieten. Eine besondere Brisanz des Themas der Psychotherapieausbildung ergibt sich in den nächsten Jahren aus der Tatsache, dass eine deutliche Überzahl der heute praktizierenden Therapeuten über 55 Jahre alt ist, so dass es in den nächsten zehn Jahren zu einem erheblichen Bedarf an gut ausgebildeten jungen Psychotherapeuten kommen wird.

          Im Gegensatz zur medizinischen Fachärzteausbildung wird die Weiterbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten größtenteils durch die zukünftigen Therapeuten selbst geschultert. Damit versetzt die Psychotherapieweiterbildung der Psychologen die Weiterbildungsteilnehmer oftmals langjährig in prekäre Verhältnisse. Laut dem von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Forschungsgutachten zur Psychotherapieweiterbildung von 2009 schwanken die Kosten zwischen 16 500 Euro und knapp 50 000 Euro. Sie müssen von den Teilnehmern aufgebracht werden.

          Finanzielle Zumutungen, fehlende Qualitätsmaßstäbe

          Dies hat zur Folge, dass fast nur gutsituierte Mittelschichtsangehörige den Berufsweg wählen können. Laut einer Umfrage aus dem Sommer 2017 der gesundheitspolitischen Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmenk, können die meisten Therapeuten in Weiterbildung dies nur durch die Unterstützung durch Familie und Partner leisten, da viele für ihre Tätigkeiten während der mehrjährigen Weiterbildung nicht oder nur gering vergütet werden. Zusätzlich besteht eine rechtliche Unsicherheit, da heilkundliche Leistungen von Psychologischen Psychotherapeuten in Weiterbildung ohne Approbation und bei einem Drittel ohne Sozial- und Haftpflichtversicherung durchgeführt werden.

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