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Ausbildungsreform : Psychotherapie ist kein Privatvergnügen

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Die Akademisierung ist unvermeidlich

Die Ausbildung würde nach dem Entwurf alters- und verfahrensübergreifend erfolgen, so dass die Trennung zwischen Erwachsenen und Kinder/Jugendtherapeuten für diesen Teil der Ausbildung entfällt, ebenso wie die Vertiefung in eine spezifische Therapiemethode. An das Approbationsstudium angeschlossen würde dann der Erwerb der Fachkunde in einem der Richtlinienverfahren (derzeit Verhaltenstherapie oder ein psychoanalytisch begründetes Verfahren). Erst der Erwerb der Fachkunde ermächtigt zur selbständigen Abrechnung mit den Krankenkassen. Vor Erwerb der Fachkunde könnten approbierte Psychologische Psychotherapeuten sich allerdings als solche anstellen lassen.

Zusätzlich sind in dem Entwurf Modellstudiengänge vorgesehen, die den Psychologischen Psychotherapeuten Kompetenzen für die Verschreibung von Medikamenten im Rahmen einer pharmakologischen Zusatzbehandlung vermitteln sollen. Damit würden Psychologische Psychotherapeuten in eine Domäne vordringen, die bislang den Ärzten vorbehalten ist. Besonders dieser Punkt hat zu einer scharfen Diskussion der beteiligten Berufsgruppen geführt und wird von ärztlicher Seite klar abgelehnt. Während die ärztlichen Verbände einer Abtrennung der Psychotherapie aus der Medizin skeptisch gegenüberstehen, warnen die Psychologenvertretungen vor dem Direktstudium der Psychotherapie als Abspaltung von der Mutterdisziplin Psychologie.

Eine starke Wandlung würde überdies die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie erfahren, da die pädagogischen und sozialarbeiterischen Berufsgruppen keinen Zugang mehr in das Berufsfeld hätten und um die erkämpfte Eigenständigkeit des Kinder- und Jugendtherapeuten gebangt wird. Weitere Diskussion gibt es um die Praxisanteile des Direktstudiums: Kann ein akademisches Studium die erfahrungsbasierten Kompetenzen vermitteln, die der Heilberuf des Psychotherapeuten erfordert? Es fallen daher scharfe Worte wie „unverantwortlich“ und die „Sicherheit von Patienten gefährdend“, man würde das „hohe Niveau der Psychotherapieweiterbildung in Deutschland preisgeben“, „Schmalspurtherapeuten“ würden ohne Fachkunde nach der Approbation tätig werden, und so wird laut nach einer Exit-Strategie gerufen, die den Status Quo wieder einfriert.

Schulterschluss der Fakultäten

Trotz der berechtigten Kritik ist eine Akademisierung der psychologischen Psychotherapieausbildung unvermeidlich sowie die Herstellung eines klaren arbeitsrechtlichen Status für den Psychotherapeuten in Ausbildung ohne Praktikantenverhältnisse. Denn das Wichtigste an dem bisherigen Entwurf ist die Tatsache, dass der neue Entwurf die Psychotherapieausbildung von einem „Privatvergnügen“ besonders motivierter Psychologen, die für ihren Traumberuf bereit sind, Karriere- und private Nachteile in Kauf zu nehmen, zu einer staatlich getragenen Ausbildung transformiert, vergleichbar mit der Medizinerausbildung. Und dies entspricht der Bedeutung der Psychotherapie für die Gesundheitsfürsorge.

Hier ist jedoch weiter die größte Leerstelle des Entwurfs zu verzeichnen, da bislang keine konkreten Vorschläge für den Fachkundeerwerb nach der Approbation vorliegen. Konsequenterweise müsste die Fachkunde ebenfalls wie bei den Medizinern akademisiert und staatlich finanziert werden. Dies birgt die Chance einer stärkeren Integration der Medizin und Psychologischen Psychotherapie durch einen Schulterschluss zwischen medizinischen und psychologischen Fakultäten, wie der deutsche Wissenschaftsrat ausdrücklich empfiehlt. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, ein tragbares Finanzierungskonzept vorzulegen. Inhaltlich besteht eine große Chance, dass wieder mehr Pluralität in die Klinische Psychologie kommt, die sich in den letzten Jahren stark auf die Verhaltenstherapie orientiert hat. Die Integration von Praktikern in ein Direktstudium birgt die Chance, eine bessere Verschränkung von Wissenschaft und Profession zu erreichen, beispielsweise durch Praktiker-Forschungs-Netzwerke, was für beide Seiten befruchtend wäre. Es bleibt zu hoffen, dass alle Beteiligten den Weg in eine evidenzbasierte Psychologische Psychotherapieausbildung ebnen.

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