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Politikwissenschaft : Ausbildung zum Reflexiv-Bürger

  • -Aktualisiert am

Hat die Politikwissenschaft in der Vergangenheit aus zu großer Distanz auf die politische Praxis geblickt? Bild: AP

Zurück zu den Normen! Angesichts der wachsenden Kritik an der Demokratie will die Politikwissenschaft wieder eine Schule der politischen Urteilskraft werden.

          3 Min.

          Wissenschaftliche Lehre ist unvermeidbar normativ. Wer lehrt, präsentiert Wissen als Stand des Faches, was von den Hörern als Lernstoff und Prüfungsgrundlage zu akzeptieren ist. Wer als Dozent seine Vorlesung nutzt, um das Wissen des eigenen Faches zu problematisieren, kann das auch nur nach Maßgabe der Bewertungsmaßstäbe und Methoden des Faches selbst tun. Insofern ist jede Lehrveranstaltung nicht nur von einer Asymmetrie an Kompetenz und Reputation zwischen Dozenten und Studenten geprägt, sie nimmt vielmehr auch einen Erziehungsauftrag war: Sie soll im günstigsten Fall ihre Adressaten zu Wissenschaftlern bilden. Es sei denn, man lehrt Politikwissenschaft. Lautet der Auftrag dann, seine Hörer vordringlich zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen? Und nicht nur diese, sondern via Öffentlichkeitswirkung gleich noch das Staatsvolk mit?

          Man kann das natürlich dementieren und sich in Lehre und Forschung sicherheitshalber auf eine rein „faktisch-analytische“ Ebene beschränken. Vergegenwärtigt man sich das resignative Motto des letzten Kongresses der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft „Die Grenzen der Demokratie“, dann läge ein solcher Verzicht nahe. Ohnehin liegen die Zeiten, in denen sich das Fach streitbar als „Demokratiewissenschaft“ verstand, weit zurück.

          Latenz und Komplexität

          Doch jetzt ist Krise, weltweit schwächeln die Demokratien, und in den sozialen Medien lockt der Populismus. Namhafte Vertreter der Politikwissenschaft zeigen sich deshalb in einem Forum der „Politischen Vierteljahresschrift“ (Band 60, März 2019) erfreulicherweise darin einig, dass die Lehre ihres Faches dieser Lage mit einem Bekenntnis zur Normativität begegnen solle. Nicht nur die Förderung der faktisch-analytischen Urteilskompetenz der Studenten gehöre zu ihrer Kernaufgabe, sondern auch jene der normativen Urteilskompetenz. Dissens besteht nur darin, worin sich diese Normativität politikwissenschaftlicher Lehre denn eigentlich manifestiere. Kann das Fach damit noch für die Vermittlung eines demokratischen Grundkonsenses einstehen, in Zeiten des öffentlichen Zerfalls dieses Konsenses? Man könne normative politische Theorie nur lehren, schreibt Dannica Fleuß, indem man Studenten darin ausbilde, normative Argumentationszusammenhänge in der Anwendung auf konkrete Fälle zu studieren. Normativität lehren hieße dann, das Scheitern normativer Ansprüche an der Komplexität politischer Realitäten zu schulen. Wer Politik studiert, sollte auf Normenrivalität gefasst sein. Das könnte über den Verlust des Konsenses hinwegtrösten und die normative Forderung dieser Situation erkennen lassen: dass man sich nämlich verpflichten soll auf die Explikation der eigenen Normen. Doch nicht nur in der Lehre bedeutet die Offenlegung latenter Normen eine Komplexitätssteigerung des Diskurses über Politik, sondern auch in der Politik selbst. Lapidar formuliert: Das funktioniert nicht mehr in der Lehre und schon gar nicht mehr in der Politik.

          Aber wer, fragt Julian Eckl, wenn nicht die Politikwissenschaft, könnte dem anwachsenden Pluralismus unerschrocken begegnen? Mit der wachsenden Heterogenität der Studenten gehe auch eine Vielfalt der normativen Überzeugungen einher, die diese in den Hörsaal mitbringen und deren Bestätigung sie erwarten. Die Antwort auf diesen Import von Geltungsansprüchen könne nur lauten: Didaktik, Methodik und maximale Transparenz. Pluralismus ließe sich damit gar als Chance begreifen, meint Eckl. Ließe sich so den gegenwärtigen Gefühlslagen in der gefühlten Krise der Demokratie ihre Bangigkeit austreiben?

          Nun ist die Gesellschaft kein akademischer Debattenraum. Da mögen die Politikwissenschaftler noch so viel Reflexion einklagen, am Ende geht es in der Politik um die Durchsetzung von Entscheidungen, notfalls auch ganz ohne Reflexion. Die Frage, ob die Politikwissenschaft auch für die normative Schließung und Begrenzung von Debatten zuständig ist, lassen Mischa Hansel, Daniel Lambach und Julia Reuschenbach in ihrem Beitrag leider offen. Und wenn Tanja Brühl, Marika Gereke und Eva Ottendörfer ihre Rückbesinnung auf die Wurzeln des Faches in die Forderung kleiden, die Lehre solle die Studenten zu reflexiven Demokraten bilden, die „anderen Perspektiven“ grundsätzlich mit „Offenheit“ begegneten, stellt sich unweigerlich die ebenso normative Frage: Wann sollte Offenheit enden? Die Übersetzung von Normen in Reflexion, von der das Forum geprägt ist, weicht dieser Frage leider aus. Die Norm der Universität heißt: Es soll gedacht werden. Die des Staates lautet: Es soll geherrscht werden. Die Politikwissenschaft sollte sich auch hierauf wieder rückbesinnen.

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