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Gehaltsverhandlungen : Aus dem Nähkästchen

  • -Aktualisiert am

Personaler wünschen sich Taktgefühl

Beim internationalen Konzern Evonik, führend im Bereich Spezialchemie und Hochleistungsmaterialien, lege man daher Wert auf eine faire, marktkonforme und leistungsgerechte Vergütung, so Andreas Seelmann, Leiter Corporate Human Resources bei dem Unternehmen. „Sowohl im Tarifbereich als auch bei außertariflichen Stellen haben wir eine Systematik, nach der wir anforderungs- und qualifikationsbezogen vergüten.“ Den bei Evonik ausgeschriebenen Stellen für Fach- und Führungsfunktionen liege somit ein Gehaltsprofil zugrunde. Das dürfte bei vielen Unternehmen der Fall sein. Denn in der Regel bereiten sich Personaler mit den Verantwortlichen aus der jeweiligen Fachabteilung auf die Auswahlgespräche vor und legen dabei fest, welcher Betrag ins bestehende Gehaltsgefüge passt.

Bei Evonik ist das Gehalt im ersten Bewerbungsgespräch dabei noch gar kein Thema. „Im ersten Gespräch geht es uns darum, den Bewerber kennenzulernen. Um das Gehalt und weitere vertragliche Regelungen geht es in einem späteren Gespräch“, sagt Seelmann. Und so handhabt es auch fast die Hälfte der Unternehmen, die an der Robert-Half-Studie teilgenommen haben. Sie halten es demnach sogar für unpassend, wenn Bewerber gleich zu Beginn über ihren Verdienst sprechen wollen. Fast jeder zweite Studienteilnehmer ist sogar der Meinung, dass Jobbewerber erst im zweiten oder einem nachfolgenden Gespräch die Höhe des Gehalts ansprechen sollten.

Standfestigkeit wird getestet

Ist der richtige Zeitpunkt dann gekommen, nutzen viele HR-Verantwortliche die Gelegenheit, um Bewerber auch auf ihre Standfestigkeit zu testen. Das heißt, sie wollen von den Kandidaten wissen, wie leicht sie sich von ihrem Wunschgehalt abbringen lassen oder ob sie sinnvoll erklären können, warum sie diesen Betrag doch verdient haben. „Da kommen dann zum Beispiel solche Argumente von Personalern, dass das Budget des Unternehmens für Gehälter begrenzt ist. Das ist natürlich in der Form nur eine Ausrede, um zu sehen, wie die Leute darauf reagieren“, sagt Scherf. Wer bei einer solchen Verhandlung zu schnell einknicke, hinterlasse daher oftmals auch eher einen schwachen Eindruck. „Für Personaler kann der Eindruck entstehen, dass derjenige generell nicht besonders durchsetzungsstark ist, wenn er schon bei seinem eigenen Gehalt nicht überzeugen kann“, erklärt der Experte.

Sollte es sich allerdings um eine echte Hürde handeln, dass das Gehalt für die neue Stelle im Moment nicht höher ausfallen kann – neben dem bestehenden Gehaltsgefüge wollen Personaler in der Regel noch Luft nach oben lassen, um später bei guter Leistung den Betrag anpassen zu können –, lassen sich HRler zum Teil auch auf Deals ein, sagt Südmeyer. „Immerhin wollen auch sie einen Einstellungserfolg verzeichnen, das heißt, einen guten Kandidaten zu einem möglichst günstigen Preis gewinnen“, erklärt sie. So ein Deal könnte beispielsweise so aussehen, dass sich beide Seiten auf ein geringeres Gehalt während der Probezeit einigen und die Erhöhung dann bei zufriedenstellender Arbeit danach erfolgt. „Ob das möglich ist, hängt aber immer vom jeweiligen Fall ab.“

Topaussagen

1. Das Gehalt wird von verschiedenen Faktoren bestimmt wie persönlichen Qualifikationen, der Anzahl an guten Bewerbern und dem Verdienstverhältnis zwischen den Hierarchieebenen im Unternehmen.

2. Da Fachkräfte in bestimmten Branchen bereits rar sind, kommen Personaler Bewerbern bei Gehaltsverhandlungen zum Teil sogar entgegen. Wer allerdings von Anfang an einen zu hohen Wunschbetrag angibt, läuft Gefahr, direkt ausgeschlossen zu werden.

3. Timing: Laut einer Studie sehen es Personaler nicht so gern, wenn Kandidaten gleich beim ersten Gespräch auf die Gehaltsfrage zu sprechen kommen. Dies ist erst beim zweiten oder dritten Treffen angebracht.

4. Bei der Verhandlung testen Personaler gern aus, wie standfest Bewerber sind oder wie leicht sie sich von einfachen Argumenten von ihrer Gehaltsvorstellung abbringen lassen.

5. Zum Teil sind Deals möglich, wobei sich Personaler und Bewerber auf eine Erhöhung des Gehalts zum Beispiel nach der Probezeit einigen.

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