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Aus dem Leben von Psychologen : Handeln zum Wohl des Kindes und der Mitarbeiter

Psychologen brauchen ein Fingerspitzengefühl und ein fundiertes Wissen über Methoden. Keine Angst vor Menschlichkeit und ein gesundes Mißtrauen gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen.

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          Wie könnt ihr es eigentlich miteinander aushalten? Es muß doch anstrengend sein, alles miteinander auszudiskutieren? An die Frage haben sich Yvonne Russell und Ralf Becker gewöhnt. Die beiden sind verheiratet und Diplompsychologen. Die Konstellation weckt Vorurteile. "Manche meinen dann, wir zerreden die Beziehung und stellen uns bei Streit neben uns. Das würde die Sache nur komplizierter machen. Denn dann wären wir ja schon zu viert . . .", lacht Becker. Wenn es mal kracht, haben sie ein diskretes Zeichen verabredet. "Dann hören wir erst mal auf zu streiten, lassen die Sache für eine Weile auf sich beruhen und besprechen sie später in Ruhe", sagt seine Frau.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die Tochter eines Richters und einer Lehrerin wollte "eigentlich etwas mit Chemie oder Mathe und auf jeden Fall etwas mit Menschen zu tun haben". Die Statistikklausuren, die für nicht wenige Psychologiestudenten eine hohe Hürde darstellen, sind ihr leichtgefallen. Yvonne Russell hat ihren Dr. rer. nat. an der Universität Trier mit einer Arbeit über "Intergenerationelle Gerechtigkeit im Umweltschutz" erworben. Unterstützt durch die Studienstiftung des deutschen Volkes, konnte sie unbeschwert promovieren. "Nebenher habe ich gekellnert, orientalischen Tanz belegt und in Theatergruppen mitgespielt. All diese Erfahrungen kommen mir heute zugute." Parallel gab sie Kommunikationstrainings und schulte zum Beispiel Krankenpflegepersonal. Sie unterrichtete Schwestern, die eine Stationsleitung übernehmen sollten, in Rhetorik, Körpersprache, Präsentation, aber auch in statistischer Qualitätssicherung. "Das war eine gute Passung von meinen Talenten und den Anforderungen. Ab da war mir klar, daß ich in den Bereich Fortbildung und Personalentwicklung gehen möchte."

          Gegensätze

          Heute arbeitet die Einunddreißigjährige für das Bistum Trier. Da sie keine Wochenendbeziehung führen wollte, studierte sie zunächst die Stellenangebote im "Trierischen Volksfreund" und "Luxemburger Wort". Dort hatte das Bistum eine Referatsleitung für die Personalförderung der nichtpastoralen Mitarbeiter ausgeschrieben - das sind mehr als 1000 Leute. Yvonne Russel bekam die Stelle. Sie organisiert und hält Fortbildungsseminare. Außerdem bearbeitet sie Anträge für externe Fortbildungen, kümmert sich um Fragen der Dienstbefreiung und Bezuschussung, um Frauenförderung, Einarbeitung von Mitarbeitern, bereitet auf Jahresgespräche vor und wirkt in der Umweltkommission mit. Menschenkenntnis, Organisationstalent und Fingerspitzengefühl sind gefragt. Eigenschaften, die um so wichtiger werden, wenn die Sparpläne des Bistums greifen.

          Ganz anders arbeitet ihr Mann. Nach seiner Promotion hat er sich freiberuflich als Gutachter etabliert. In seinem Büro, eine Minute vom Hauptmarkt, fünf Minuten vom Dom der Römerstadt entfernt, koordiniert er seine Aufträge. Zunächst hatte er sich nach der Bundeswehrzeit ein Jahr lang ein Studium generale gegönnt. Becker belegte Volkswirtschaft und Germanistik. "Wobei mir die Germanistinnen besser gefallen haben als die Inhalte", sagt er augenzwinkernd. Schließlich stieß er zur Psychologie. "Ich war früher schon derjenige, der gut zuhören konnte und als Gesprächspartner gefragt war. Eine Eigenschaft, die in unserem Beruf nützlich ist."

          Eine sinnbringende Arbeit

          Finanziert hat sich der Sohn eines saarländischen Molkereimeisters das Studium mit Taxifahren und Disco-Türsteherdiensten am Wochenende. Während der Semesterferien schaffte er auf dem Stahlwerk, als Hafenarbeiter, als Handlanger einer Plastikfabrik und half beim Weinkeltern. Also genug Gelegenheiten, um Milieus kennenzulernen. "Und mit vielen Schicksalen unterschiedlicher Schichten konfrontiert zu werden. Das klingt klischeehaft, aber gerade beim Taxifahren erlebt man die unglaublichsten Leute." Beim Studium gefiel ihm das methodische, sehr strukturierte Vorgehen. "Das ist etwas völlig anderes als die Sprich-dich-aus-ich-hör-dir-zu-Masche, die viele hinter Psychologie vermuten." Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für angewandte und pädagogische Psychologie an der Uni Trier und schrieb eine Dissertation. Die wissenschaftlich fundierte, aber praktisch sinnbringende Arbeit packte ihn.

          Eine zentrale Frage, der er nachging: Mit welchen Interventionsprogrammen kann es zum Beispiel gelingen, Büroangestellten umweltschützendes Verhalten zu vermitteln - vom Licht- und PC-Ausschalten bis zum richtigen Lüften und zur Mülltrennung. In einer Studie trainierte er mit Maler- und Lackierer-Azubis bei Volkswagen in Wolfsburg umweltschützendes Verhalten. "Wir haben da Konzepte entwickelt, um spielerisch eine Bewußtseinsänderung herbeizuführen." Er überlegte kurz, sich zu habilitieren. "Aber der Arbeitgeber Uni ist unberechenbar." Den Kontakt zur Wissenschaft hat er nicht aufgegeben. Heute ist er Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Umweltzeitschrift. Als kontaktfreudiger Mensch wagte er die Selbständigkeit und akquirierte Aufträge. Heute entwickelt er Personalauswahlverfahren und gibt Streßbewältigungsseminare etwa für Mitarbeiter der Steinkohleindustrie, die in der Umstrukturierung stecken. In diesem Jahr ist ein größerer Urlaub nicht drin - zu viele Aufträge wollen abgearbeitet sein.

          Menschlichkeit und gesundes Mißtrauen bewahren

          Darunter seit fünf Jahren auch Aufgaben, die Ralf Becker als Sachverständiger übernimmt. In engem Kontakt mit der Justiz hat er sich in das Gebiet der Aussagepsychologie eingearbeitet. "Rauszukriegen, ob ein Zeuge das, was er ausgesagt hat, wirklich erlebt hat oder nicht, erfordert ein sehr aufwendiges, streng methodisches Vorgehen. Schließlich bildet die Zeugenaussage oft das entscheidende Beweismittel im Strafprozeß, etwa bei sexuellen Mißbrauchsvorwürfen." Daneben wirkt er in Trennungs- und Scheidungsprozessen als Anwalt des Kindes. "Ich muß herausfinden, ob der Kindeswille beeinflußt ist, und das Kindeswohl in das Verfahren einbringen. Kinder geraten in diesen Trennungssituationen ganz schnell in Loyalitätskonflikte." Die Zusammenarbeit mit Richtern und Staatsanwälten funktioniert reibungslos - trotz unterschiedlicher Ansätze.

          Kann sich das Paar vorstellen, auch im klinisch-therapeutischen Kontext zu arbeiten? Sie sagt klar nein. "Mir macht unterstützendes Coaching mehr Freude." Ihr Mann möchte eine therapeutische Zusatzausbildung nicht ausschließen. Allerdings ist er schon jetzt mit Grenzsituationen konfrontiert. Immer dann nämlich, wenn er im Auftrag der Justiz recherchiert und Gespräche mit Menschen führt, deren Verhalten Laien als asozial bezeichnen. Da geht es um Mißbrauchserfahrung, Brutalität, Suchtverhalten und Tatorte. So wie kürzlich. Da besuchte Becker morgens eine alleinerziehende Mutter, die bereits riech- und sichtbar zwei Flaschen Bier getrunken hatte. Ums Essen mußte sich die zehnjährige Tochter kümmern, derweil sich die Vierjährige mit Essensresten beschmierte. Längst haben sich Großeltern und Jugendamt eingeschaltet. Das Gutachten Beckers wird darüber mitentscheiden, ob die Kinder in eine Pflegefamilie kommen.

          Was sollten gute Psychologen können? "Keine Angst vor Menschlichkeit haben", sagt Yvonne Russell. Ihr Mann ergänzt: "Mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und ein gesundes Mißtrauen bewahren."

          Aus dem Leben von 10 Psychologen

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