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Aus dem Leben von Psychologen : Handeln zum Wohl des Kindes und der Mitarbeiter

Finanziert hat sich der Sohn eines saarländischen Molkereimeisters das Studium mit Taxifahren und Disco-Türsteherdiensten am Wochenende. Während der Semesterferien schaffte er auf dem Stahlwerk, als Hafenarbeiter, als Handlanger einer Plastikfabrik und half beim Weinkeltern. Also genug Gelegenheiten, um Milieus kennenzulernen. "Und mit vielen Schicksalen unterschiedlicher Schichten konfrontiert zu werden. Das klingt klischeehaft, aber gerade beim Taxifahren erlebt man die unglaublichsten Leute." Beim Studium gefiel ihm das methodische, sehr strukturierte Vorgehen. "Das ist etwas völlig anderes als die Sprich-dich-aus-ich-hör-dir-zu-Masche, die viele hinter Psychologie vermuten." Er wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für angewandte und pädagogische Psychologie an der Uni Trier und schrieb eine Dissertation. Die wissenschaftlich fundierte, aber praktisch sinnbringende Arbeit packte ihn.

Eine zentrale Frage, der er nachging: Mit welchen Interventionsprogrammen kann es zum Beispiel gelingen, Büroangestellten umweltschützendes Verhalten zu vermitteln - vom Licht- und PC-Ausschalten bis zum richtigen Lüften und zur Mülltrennung. In einer Studie trainierte er mit Maler- und Lackierer-Azubis bei Volkswagen in Wolfsburg umweltschützendes Verhalten. "Wir haben da Konzepte entwickelt, um spielerisch eine Bewußtseinsänderung herbeizuführen." Er überlegte kurz, sich zu habilitieren. "Aber der Arbeitgeber Uni ist unberechenbar." Den Kontakt zur Wissenschaft hat er nicht aufgegeben. Heute ist er Mitherausgeber einer wissenschaftlichen Umweltzeitschrift. Als kontaktfreudiger Mensch wagte er die Selbständigkeit und akquirierte Aufträge. Heute entwickelt er Personalauswahlverfahren und gibt Streßbewältigungsseminare etwa für Mitarbeiter der Steinkohleindustrie, die in der Umstrukturierung stecken. In diesem Jahr ist ein größerer Urlaub nicht drin - zu viele Aufträge wollen abgearbeitet sein.

Menschlichkeit und gesundes Mißtrauen bewahren

Darunter seit fünf Jahren auch Aufgaben, die Ralf Becker als Sachverständiger übernimmt. In engem Kontakt mit der Justiz hat er sich in das Gebiet der Aussagepsychologie eingearbeitet. "Rauszukriegen, ob ein Zeuge das, was er ausgesagt hat, wirklich erlebt hat oder nicht, erfordert ein sehr aufwendiges, streng methodisches Vorgehen. Schließlich bildet die Zeugenaussage oft das entscheidende Beweismittel im Strafprozeß, etwa bei sexuellen Mißbrauchsvorwürfen." Daneben wirkt er in Trennungs- und Scheidungsprozessen als Anwalt des Kindes. "Ich muß herausfinden, ob der Kindeswille beeinflußt ist, und das Kindeswohl in das Verfahren einbringen. Kinder geraten in diesen Trennungssituationen ganz schnell in Loyalitätskonflikte." Die Zusammenarbeit mit Richtern und Staatsanwälten funktioniert reibungslos - trotz unterschiedlicher Ansätze.

Kann sich das Paar vorstellen, auch im klinisch-therapeutischen Kontext zu arbeiten? Sie sagt klar nein. "Mir macht unterstützendes Coaching mehr Freude." Ihr Mann möchte eine therapeutische Zusatzausbildung nicht ausschließen. Allerdings ist er schon jetzt mit Grenzsituationen konfrontiert. Immer dann nämlich, wenn er im Auftrag der Justiz recherchiert und Gespräche mit Menschen führt, deren Verhalten Laien als asozial bezeichnen. Da geht es um Mißbrauchserfahrung, Brutalität, Suchtverhalten und Tatorte. So wie kürzlich. Da besuchte Becker morgens eine alleinerziehende Mutter, die bereits riech- und sichtbar zwei Flaschen Bier getrunken hatte. Ums Essen mußte sich die zehnjährige Tochter kümmern, derweil sich die Vierjährige mit Essensresten beschmierte. Längst haben sich Großeltern und Jugendamt eingeschaltet. Das Gutachten Beckers wird darüber mitentscheiden, ob die Kinder in eine Pflegefamilie kommen.

Was sollten gute Psychologen können? "Keine Angst vor Menschlichkeit haben", sagt Yvonne Russell. Ihr Mann ergänzt: "Mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und ein gesundes Mißtrauen bewahren."

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