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Aufstiegsverweigerer : Karriere? Gern später!

Andreas Dorau hätte ein Star werden können – wollte er aber nicht. Bild: Sönke Held

Junge Leute hinterfragen das Leitbild des Topmanagers. Hobbys, Familie und private Netzwerke werden wichtiger. Viele Einsteiger verweigern sich dem Aufstieg.

          5 Min.

          Andreas Dorau hätte ein größerer Popstar sein können. Der Aufstieg war kometenhaft: Mit 16 bringt er „Fred vom Jupiter“ in die Charts. Die Plattenfirmen zerren an dem gutaussehenden Hamburger Teenager, wedeln mit Karriereideen. „Bravo“, die Jugendzeitschrift, und das Fernsehen entwickeln Begehrlichkeiten. Doch Dorau hat anderes im Sinn als der erste Star der Neuen Deutschen Welle zu werden.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          “Ich hatte das Stück nicht aus kommerziellen Gesichtspunkten geschrieben“, sagt er heute. „Ich wollte nie in die bürgerlichen Top Ten.“ Vielmehr sei es darum gegangen, etwas Interessantes für seine Szene zu produzieren und in der Musikzeitschrift „Sounds“ gut wegzukommen.

          Die Karriere machen andere: Nena, Markus, Trio. Doch Dorau vermisst nichts. „Ich bin froh, dass ich die Weggabelung nach links genommen habe“, sagt er schmunzelnd. Verbiegen muss er sich nicht, ihre Seele dürfen andere an die großen Labels verkaufen. „Das hatte viel mit Glaubwürdigkeit meiner Szene gegenüber zu tun - im Alter von 16 ist das enorm wichtig.“

          Karriereverweigerung als Zeitgeistphänomen

          Der Popmusiker, der sich mit seiner Karrierekontrolle bis heute als Kritikerliebling gehalten hat, ist ein früher und exotischer Protagonist eines Phänomens, dessen Bedeutung wächst: Eine zunehmende Zahl von Arbeitnehmern fragt sich, ob sie gerade jetzt einen Karriereschritt machen soll und ob der Aufstieg nicht mit zu viel Verzicht verbunden ist.

          Krankenhäuser tun sich schwer, Ober- und Chefarztposten zu besetzen. Konzerne können ihr auserkorenes Führungspersonal nicht gewinnen. Junge Talente hinterfragen das Leitbild des Topmanagers. Karriereverweigerung als Zeitgeistphänomen.

          “Die Vielfalt an Karriereentwürfen hat zugenommen“, sagt Claas Triebel, dessen Firma Perform Partner unter anderem Laufbahnberater fortbildet. So wie sich das Angebot an Fernsehsendern und Zeitschriften aufgefächert habe, so hätten sich auch berufliche Entwicklungswege ausdifferenziert. „Eine horizontale Entwicklung bedeutet nicht, sich auszuklinken. Wenn das Klienten merken, sind sie oft sehr erleichtert“, sagt Triebel.

          Aber warum lehnen Arbeitnehmer einen Chefposten und ein besseres Gehalt ab?

          Drei Gruppen von Karriereverweigerern unterscheidet der Coach Eberhard Hauser: solche, die nicht mehr können, weil sie Krisen erlitten haben; solche, die selbst verzichten, um ihre Partnerschaft nicht zu gefährden; und solche, die nicht wollten. „Es gibt darunter Leute mit einer Fundamentalkritik, die sich gern einem System verweigern“, sagt Hauser, Vorstand des Deutschen Bundesverbands Coaching. Die herausfordernden Kandidaten für ein Unternehmen seien aber diejenigen, die alles für einen Aufstieg mitbringen, aber genau schauen, was er für sie bedeutet.

          “Eine Konzernkarriere hat immer mit dem Verzicht auf Interessen oder Ausrichtungen zu tun. Mit welchem Topmanager kann man sich über ein Theaterstück unterhalten?“, fragt er rhetorisch.

          Familie, soziales Engagement und private Netzwerke seien für solche Mitarbeiter so wichtig, dass sie diese ungern für einen Karriereschritt aufgeben würden. „Sie suchen nach einem Platz, der sie begeistert. Die häufigste Aussage, die wir hören: ,Ich kann mir nicht vorstellen, das ein Leben lang zu machen’“, berichtet Hauser aus seinen Coachings.

          Der nächste Schritt: ins Ausland – „Das passte nicht“

          “Es gibt auch Entwicklungspausen im Leben“, sagt der Laborleiter eines Pharmakonzerns. Nach der Promotion hatte er zügiger als Gleichaltrige Personalverantwortung erhalten. Der nächste Schritt, verbunden mit einem Umzug ins Ausland, bot sich ihm kurz vor der Geburt seines ersten Kindes. „Da war ich aber auf Familiegründen gepolt; das passte nicht“, sagt er.

          Als Abteilungsleiter hätte er reisen und Überstunden machen müssen. „Das wäre nur mit dem klassischen Modell des alleinigen Ernährers vorstellbar“, sagt er. Seine Elternzeit hat seiner Frau den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert. Doch eine Sorge bleibt: Wie oft noch kann man ein Angebot ablehnen, ohne als Minderleister zu gelten?

          So lang befördert, bis man überfordert ist

          Dabei könnten Studienergebnisse ihn eigentlich gelassen stimmen. „Die Arbeitszufriedenheit nimmt im Alter zu“, sagt Dieter Zapf, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie in Frankfurt. Seine Interpretation: Arbeitnehmer landeten langfristig auf angemesseneren Posten als kurzfristig. „Viele Untersuchungen zeigen, dass man sich dahin entwickelt, wo man am besten hineinpasst“, sagt Zapf.

          Dieses Erlebnis hat auch der Laborleiter ansatzweise gemacht. „Ich will Dinge, die ich mache, lieber gründlich verstehen“, sagt er. Zwei Jahre dauere es, sich in eine komplexe Materie einzuarbeiten. Erst dann mache die Arbeit richtig Spaß. Das geht vielen Karriereverweigerern so. Das berühmte Peter-Prinzip – man wird immer so lang befördert, bis man überfordert ist – können sie mit dieser Haltung umschiffen.

          Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht vor

          Gerade in streng hierarchischen Organisationen zeigt sich, dass der Spitzenposten vielen Mitarbeitern nicht mehr erstrebenswert erscheint. „Bei uns signalisieren immer häufiger Oberärzte, nicht Chefarzt werden zu wollen“, sagt Matthias Scholz, Personalleiter der Malteser Trägergesellschaft, die in sieben Krankenhäusern 450 Ärzte beschäftigt. Auch Assistenzärzte strebten seltener Oberarztposten an.

          Zur Erklärung zitiert Scholz eine Umfrage der Fachhochschule Münster: Wichtigster Faktor der Zufriedenheit war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Viele Oberärzte sagen: Ich leiste schon so viel; es ist mir wichtiger, mit Freunden auszugehen, als noch ein bisschen mehr zu verdienen“, sagt Scholz. Ein altes Organisationsmodell stoße auf eine veränderte Wirklichkeit.

          An die Spitze wollen heute vor allem die Einzelkämpfer

          “Heute sind Bewerber für Führungsaufgaben viel häufiger als früher Einzelsportler“, hat Christoph Mayer beobachtet. Pfadfinder, Gruppenleiter im Musikverein, langjährige Klassensprecher - solche Profile kämen dem Leiter Personalentwicklung der EADS-Tochtergesellschaft Premium Aerotec heute seltener unter. „Wer niemals Mannschaftskapitän war, strebt eher eine Spezialisten- als eine Führungslaufbahn an“, sagt er etwas zugespitzt.

          Häufig sind es unflexible oder unfähige Hierarchien, die fähige Mitarbeiter zu Karriereverweigerern machen. „Ich hatte schon immer das Gefühl, nicht in hierarchische Strukturen hineinzupassen, gleichzeitig aber auch, mit Leuten gut umgehen zu können“, erzählt der Redakteur eines Rundfunksenders. Irgendwann fiel die zweite Fähigkeit auch seinen Vorgesetzten auf, die ihn zum Abteilungsleiter machten.

          Bild: Cyprian Koscielniak

          Schnell erlebte er die Nachteile des alltäglichen Dienstweges: Anliegen und Vorschläge konnte er „oben“ nicht direkt vortragen, sondern musste sie „über Hierarchie“ auf den Weg bringen. Die Antworten und Entscheidungen hatten dann oft kaum noch mit den ursprünglichen Fragen zu tun.

          „Ich bin an den Strukturen gescheitert, nicht an meiner Aufgabe“

          “Ich hatte manchmal das Gefühl, in einem großen Wattebausch zu arbeiten, der alle Kreativität absorbierte“, sagt er. Nach drei Jahren gab er entnervt auf, entwickelte dann eine Stufe darunter erfolgreiche Sendeformate weiter. Als es in einer anderen Abteilung zum Aufruhr kam, wurde er als Befrieder identifiziert und wieder Abteilungsleiter. Doch sein direkter Vorgesetzter schikanierte ihn und sein Team beschimpfte ihn als Rädelsführer. Jeglicher Respekt vor dem Hierarchen ging verloren. Nach einem gescheiterten Mediationsgespräch verweigerte er sich ein zweites Mal seiner Karriere. „Ich bin an den Strukturen gescheitert, nicht an meiner Aufgabe“, sagt er – ohne Reue.

          Auch der Musiker Andreas Dorau ist heute mit seiner Rolle im Popzirkus zufrieden. Alle fünf Jahre überrascht er mit einer neuen Platte süßesten Schlagergesangs mit rhythmischen und textlichen Widerhaken. „Es ist mir nicht egal, ob sie gut ankommt. Ich will damit etwas erreichen“, sagt er. Aber Verkaufszahlen und Charteinträge sind nicht sein Ziel. Konzerte zu geben, um seine Miete zu bezahlen, das komme ihm dubios vor. Stattdessen lebt er lieber abwechselnd von Musik und von seiner Arbeit als Videoconsultant.

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