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Aufstiegsverweigerer : Karriere? Gern später!

So lang befördert, bis man überfordert ist

Dabei könnten Studienergebnisse ihn eigentlich gelassen stimmen. „Die Arbeitszufriedenheit nimmt im Alter zu“, sagt Dieter Zapf, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie in Frankfurt. Seine Interpretation: Arbeitnehmer landeten langfristig auf angemesseneren Posten als kurzfristig. „Viele Untersuchungen zeigen, dass man sich dahin entwickelt, wo man am besten hineinpasst“, sagt Zapf.

Dieses Erlebnis hat auch der Laborleiter ansatzweise gemacht. „Ich will Dinge, die ich mache, lieber gründlich verstehen“, sagt er. Zwei Jahre dauere es, sich in eine komplexe Materie einzuarbeiten. Erst dann mache die Arbeit richtig Spaß. Das geht vielen Karriereverweigerern so. Das berühmte Peter-Prinzip – man wird immer so lang befördert, bis man überfordert ist – können sie mit dieser Haltung umschiffen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht vor

Gerade in streng hierarchischen Organisationen zeigt sich, dass der Spitzenposten vielen Mitarbeitern nicht mehr erstrebenswert erscheint. „Bei uns signalisieren immer häufiger Oberärzte, nicht Chefarzt werden zu wollen“, sagt Matthias Scholz, Personalleiter der Malteser Trägergesellschaft, die in sieben Krankenhäusern 450 Ärzte beschäftigt. Auch Assistenzärzte strebten seltener Oberarztposten an.

Zur Erklärung zitiert Scholz eine Umfrage der Fachhochschule Münster: Wichtigster Faktor der Zufriedenheit war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Viele Oberärzte sagen: Ich leiste schon so viel; es ist mir wichtiger, mit Freunden auszugehen, als noch ein bisschen mehr zu verdienen“, sagt Scholz. Ein altes Organisationsmodell stoße auf eine veränderte Wirklichkeit.

An die Spitze wollen heute vor allem die Einzelkämpfer

“Heute sind Bewerber für Führungsaufgaben viel häufiger als früher Einzelsportler“, hat Christoph Mayer beobachtet. Pfadfinder, Gruppenleiter im Musikverein, langjährige Klassensprecher - solche Profile kämen dem Leiter Personalentwicklung der EADS-Tochtergesellschaft Premium Aerotec heute seltener unter. „Wer niemals Mannschaftskapitän war, strebt eher eine Spezialisten- als eine Führungslaufbahn an“, sagt er etwas zugespitzt.

Häufig sind es unflexible oder unfähige Hierarchien, die fähige Mitarbeiter zu Karriereverweigerern machen. „Ich hatte schon immer das Gefühl, nicht in hierarchische Strukturen hineinzupassen, gleichzeitig aber auch, mit Leuten gut umgehen zu können“, erzählt der Redakteur eines Rundfunksenders. Irgendwann fiel die zweite Fähigkeit auch seinen Vorgesetzten auf, die ihn zum Abteilungsleiter machten.

Bild: Cyprian Koscielniak

Schnell erlebte er die Nachteile des alltäglichen Dienstweges: Anliegen und Vorschläge konnte er „oben“ nicht direkt vortragen, sondern musste sie „über Hierarchie“ auf den Weg bringen. Die Antworten und Entscheidungen hatten dann oft kaum noch mit den ursprünglichen Fragen zu tun.

„Ich bin an den Strukturen gescheitert, nicht an meiner Aufgabe“

“Ich hatte manchmal das Gefühl, in einem großen Wattebausch zu arbeiten, der alle Kreativität absorbierte“, sagt er. Nach drei Jahren gab er entnervt auf, entwickelte dann eine Stufe darunter erfolgreiche Sendeformate weiter. Als es in einer anderen Abteilung zum Aufruhr kam, wurde er als Befrieder identifiziert und wieder Abteilungsleiter. Doch sein direkter Vorgesetzter schikanierte ihn und sein Team beschimpfte ihn als Rädelsführer. Jeglicher Respekt vor dem Hierarchen ging verloren. Nach einem gescheiterten Mediationsgespräch verweigerte er sich ein zweites Mal seiner Karriere. „Ich bin an den Strukturen gescheitert, nicht an meiner Aufgabe“, sagt er – ohne Reue.

Auch der Musiker Andreas Dorau ist heute mit seiner Rolle im Popzirkus zufrieden. Alle fünf Jahre überrascht er mit einer neuen Platte süßesten Schlagergesangs mit rhythmischen und textlichen Widerhaken. „Es ist mir nicht egal, ob sie gut ankommt. Ich will damit etwas erreichen“, sagt er. Aber Verkaufszahlen und Charteinträge sind nicht sein Ziel. Konzerte zu geben, um seine Miete zu bezahlen, das komme ihm dubios vor. Stattdessen lebt er lieber abwechselnd von Musik und von seiner Arbeit als Videoconsultant.

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