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Videospiel „Assassin’s Creed“ : Farbanstrich für das antike Griechenland

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Die folgenreichste Kühnheit des Ubisoft-Entwicklerteams dürfte allerdings in der spürbaren Lust an der Farbenpracht der griechischen Welt liegen. Indem sie Gewänder, Tempel und Skulpturen zu einem hohen Anteil überaus bunt gestaltet haben, imitierten sie die „barbarische Sitte des Bemalens von Marmor und Stein“ (Johann Joachim Winckelmann). Statt auf edles, reines Weiß stoßen Millionen Videospieler weltweit auf kräftige Blau-, Rot- und Grüntöne. Damit trägt das Spiel dem Stand der Wissenschaft Rechnung, wonach die Polychromie die allgemeine griechische Sitte war. Erstaunlich selbstbewusst bricht das Spiel mit der klassizistischen Vorstellung, die alten Griechen seien in weißem Marmor umherwandelnde Idealmenschen gewesen.

Revolution des Antikenbilds

Der Erfolg von „Assassin’s Creed Odyssey“ ist aber nicht nur für die jungen digitalen Geisteswissenschaften interessant, deren Vertreter schon länger an der Virtualisierung historischer Epochen arbeiten. Es könnte sich durch die Beliebtheit des Spiels eine Revolution des populären Antikenbilds vollziehen. Im Bann des Videospiels wird womöglich eine Generation heranwachsen, die einst mit Irritation auf die stolzen Antikensammlungen der Welt blicken wird, weil ihr die durch Reinigung sichtbar gemachten Weißtöne griechischer Tempelreliefs und Skulpturen befremdlich, ja begründungsbedürftig vorkommen.

Dort, wo die angemessene Vermittlung vergangener Epochen eigentlich geschieht, in den Museen, beschränkt man sich bislang hauptsächlich auf Hinweisschilder und bemalte Einzelstücke, um auf die Polychromie der griechischen Welt aufmerksam zu machen. In der Münchner Glyptothek, wo vor sechzehn Jahren die Ausstellung „Bunte Götter – Die Farbigkeit antiker Skulptur“ ihre Weltreise begann, dominiert heute noch das reine Weiß der Skulpturen. Trotz der Möglichkeiten moderner Visualisierungsformen öffnen sich die Museen nur sehr langsam einer akkuraten farblichen Darstellung der Antike, auch deswegen, weil sich die Rekonstruktion oft schwierig gestaltet. Positiv hervor tritt die neue Pergamon-Ausstellung der Berliner Antikensammlung, in der unter anderem eine originale hellenistische Gewandstatue zu finden ist, auf die hellblaue, rote, violette und goldene Töne projiziert werden.

Aber reichen solche punktuellen Maßnahmen an die Farbenpracht der alten Welt heran? Das Antikenbild der breiten und insbesondere jungen Öffentlichkeit werden die Museen damit jedenfalls nur schwer reformieren können. „Assassin’s Creed Odyssey“ könnte diese Aufgabe erfüllen, weil damit zum allerersten Mal die Erzeugnisse griechischer Kultur in der Lebenswelt Jugendlicher und junger Erwachsener überaus lebhaft und bunt auftreten. Von diesem Punkt aus gibt es kaum noch einen Weg zurück zur Selbstverständlichkeit des weißen Marmors, dem „verbreitetsten Missverständnis in der Geschichte westlicher Kunst“, wie Mark Abbe, Professor für antike Kunst an der University of Georgia, das Phänomen bezeichnet.

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