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Archäologie : Der die Erde lesen kann

Kein zweiter Indiana Jones: Armin Becker Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Stundenlang im Regen stehen und im Schlamm graben: Das Leben des deutschen Archäologen Armin Becker gleicht nicht dem romantischen Schatzsucherideal, das in Hollywoodfilmen transportiert wird.

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          Armin Becker kann Dinge sehen, die andere nicht wahrnehmen. Er sieht, wo vor Christi Geburt einmal ein römischer Wachturm stand. Und wie pompöse Statuen ausgesehen haben, von denen kaum mehr übriggeblieben ist als ein paar lehmverschmierte Bronzestücke.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Und wenn er seinen Blick über den glatt gefegten Lößboden schweifen läßt, dann sieht er, wo die Römer ihre Gräben zogen, in denen das Wasser für ein ganzes Dorf geflossen ist. Armin Becker kann das alles sehen, weil er „die Erde liest“.

          Im dicken dunkelgrauen Fleecepullover und klobigen Schuhen steht der Archäologe in einem zwei Meter tiefen Loch, das akkurat in den rötlich-braunen Boden der Grabungsstätte im hessischen Waldgirmes hineingegraben wurde.

          Kein romantischer Schatzsucher

          Dunkle Verfärbungen und helle Flecke, die sich wie fragile Muster durch die Erdschicht ziehen, sind für ihn Spuren in eine vergangene Zeit. Während sich seine Mitschüler mit Abenteuerromanen oder Comics vergnügten, hat Becker als Fünfzehnjähriger „Das Handbuch der Römischen Geschichte“ gelesen. Und während andere ihren Berufswunsch nach dem Abitur eher daran ausrichteten, „etwas ganz Solides“ zu lernen, das im Zweifelsfall auch eine Großfamilie ernähren kann, wurde Becker Archäologe - mit befristeten Zeitverträgen und der ständigen Ungewißheit, wie lange seine Forschung noch finanziert werden kann.

          „Das Archäologen-Dasein ist weit entfernt vom glorreichen Leben des Indiana Jones“, sagt Becker und muß schmunzeln bei der Vorstellung, daß viele Menschen den Beruf noch immer mit der Suche nach alten Schätzen verbinden und er für sie bisweilen sogar etwas Romantisches hat. „Schätze“, sagt der gebürtige Marburger, „finden Archäologen in Deutschland so gut wie nie.“

          Nur einmal habe er ein unbehandeltes Stück Bernstein gefunden, das aber weder besonders schön noch kostbar war - aber dennoch eine Art Schatz, gab der Stein doch Hinweise darauf, daß der Ort schon damals an eine Handelsroute angeschlossen war. „Kostbar“, sagt Armin Becker, „ist für mich alles, was mir in meiner Arbeit weiterhilft.“ So, wie die einstigen Holzpfosten, die die Römer in Waldgirmes vor Tausenden Jahren in den Boden rammten, um Wachtürme zu erbauen - und die heute nicht mehr sind als helle Verfärbungen in den Erdschichten.

          Zeit ist das kostbarste Gut

          Einmal in seinem Leben hat Armin Becker geschwankt. Nach dem Abitur, als ihm jeder davon abriet, Archäologe zu werden, entschied er sich, Chemie zu studieren, obwohl sein Interesse nach wie vor den Römern galt. Erst als er während seines Wehrdienstes die Erfahrung machte, „wie es ist, wenn man morgens schon mit dem Gedanken aufsteht, keine Lust auf das zu haben, was einen am Tag erwartet“, warf er alle Rationalitäten über Bord und schrieb sich in Marburg und später in Göttingen für Alte Geschichte sowie Vor- und Frühgeschichte ein. Bereut hat er diese Entscheidung nie. Auch dann nicht, als er nach der Promotion, die er sich mit Hilfskrafttätigkeiten für 10,50 DM die Stunde finanziert hat, keine Arbeit fand.

          „Man weiß nie, was einen erwartet“, sagt Armin Becker, während er die Erdschichten der Grabungsstätte Waldgirmes betrachtet; und für einen Augenblick scheint er selber nicht zu wissen, ob er diesen Satz auf die aktuelle Grabung bezieht oder auf das Leben als Archäologe generell.

          Daß er hier die Ausgrabungen leiten darf, die noch einige Jahre finanziell abgesichert sind, sehe er als Glücksfall an. Denn er kennt zu viele Kollegen, die von einer Notgrabung zur anderen hetzen und zeitlich unter Druck geraten, sollte eine Grabung einmal länger dauern. „Das wäre nicht meine Welt“, sagt Becker. Denn Zeit sei das kostbarste Gut, was ein Archäologe besitzen kann.

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