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Arbeitszeitmodelle : Vertrauen ist gut, Kontrolle macht Arbeit

Arbeitgeber nicht von allen Pflichten entbunden

Ist Vertrauensarbeitszeit auf Dauer also gesundheitsschädlich? „Nicht, wenn die Gesetze eingehalten werden“, sagt Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Denn nur weil die Präsenzpflicht im Büro gelockert wird, entbindet das den Arbeitgeber nicht von allen Pflichten. Er muss weiter dafür Sorge tragen, dass die Mitarbeiter sich an die tariflichen und gesetzlichen Vorgaben für Arbeitszeiten, Pausen und Überstunden halten. Hier liegt ein großer Unterschied zum Zukauf von Arbeitsleistung etwa auf Basis eines Werkvertrags. Stimmen die Rahmenbedingungen, kann Vertrauensarbeitszeit durchaus Früchte tragen. „Wir wissen, dass es gerade bei älteren Beschäftigten einen positiven Einfluss hat, wenn Sie Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeit haben“, sagt Brenscheidt.

Allerdings weiß er um die Schwierigkeiten der Umsetzung. Denn die Dokumentationspflicht geht faktisch vom Arbeitgeber auf den Arbeitnehmer über. Nun muss der Beschäftigte den Überblick behalten, wie viele Stunden er in der Woche arbeitet und wann Grenzen überschritten sind. „Für Arbeitnehmer ist Selbstmanagement gefragt“, sagt Brenscheidt. Eigentlich müssten sie geschult werden, doch solche Angebote sind selten. „Die Gefahr ist, dass die Leute mehr machen, als auf Dauer für sie gut ist.“ Deshalb ist es aus Brenscheidts Sicht wichtig, dass es in den Firmen Schlichtungsstellen gibt.

Zwei Drittel der IBM-Mitarbeiter haben keine starren Arbeitszeiten

Der IT-Konzern IBM führte Vertrauensarbeitszeit in Deutschland schon vor mehr als einem Jahrzehnt flächendeckend ein. Von den mehr als 20.000 Beschäftigten hierzulande haben heute rund zwei Drittel keine starren Arbeitszeiten mehr. Um Wochenend- und Nachtarbeit, die besonderen Regeln unterliegen, zu vermeiden, gilt für die Vertrauensarbeiter ein Zeitkorridor von montags bis freitags zwischen 6 und 20 Uhr, in dem sie nach eigenem Gusto ihren Dienst verrichten können.

„Aus Unternehmenssicht ist der Schritt richtig gewesen“, sagt Heinz Liebmann, Leiter Personalprogramme Deutschland. Die Vertrauensarbeit erlaube den Mitarbeitern eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatsphäre. Nebenbei spart sie auch eine Menge Geld, weil IBM deutlich weniger Bürofläche vorhalten muss, wenn Beschäftigte ihrer Arbeit von Zuhause nachgehen. Allerdings stehen die Führungskräfte vor völlig neuen Aufgaben. Denn die Kontroll- und Sorgfaltspflicht gegenüber physisch abwesendem Personal mache richtig Arbeit. Klingt der Mitarbeiter am Telefon seltsam? Schreibt er E-Mails häufig nachts? Wann loggt sich jemand ins System ein? „Die Vorgesetzten müssen Wege finden, um zu wissen, wie es den Mitarbeitern geht, um notfalls einzugreifen“, sagt Liebmann. Das gelinge überwiegend sehr gut, „anderen fällt es schwerer, wenn sie ihr Team nicht ständig um sich herum haben“. Deshalb bietet das Unternehmen entsprechende Führungskräfteschulungen an.

„Druck durch Freiheit“

In der Belegschaft war die Skepsis gegenüber der Vertrauensarbeit zu Beginn groß. „Druck durch Freiheit“, fasst Wilfried Glißmann, Betriebsrat in Düsseldorf, die damaligen Bedenken zusammen. Heute fällt seine Bilanz gemischt aus: Die neue Zeitsouveränität sei durchaus begrüßenswert, findet Glißmann. „Allerdings läuft die Zeit auch schnell aus dem Ruder.“ IBM hat deshalb eine Art Online-Stechuhr eingeführt. „Wir empfehlen jedem, dieses Tool zu nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen“, sagt der Betriebsrat. Doch bislang macht nur jeder Zehnte davon Gebrauch.

Dass Zielvereinbarungen zu anspruchsvoll formuliert werden und damit den Mitarbeiter von vornherein überfordern, sei in der Praxis schwer zu verhindern, räumt Glißmann ein. Immerhin habe man für solche Fälle eine Einspruchsmöglichkeit geschaffen. Dann tritt eine Kommission aus Betriebsrat und Mitarbeiter einerseits und Führungskraft sowie Personalmanager auf der anderen Seite zusammen, um einen Kompromiss für eine neue Zielvereinbarung auszuhandeln. Die Tatsache, dass mehr als 5 Prozent der Betroffenen das Instrument jedes Jahr in Anspruch nehmen, zeigt für Glißmann, dass die Einspruchsmöglichkeit „kein zahnloser Papiertiger“ ist.

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