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Amerikas erfolgreichste Online-Tagebuchschreiberin geht auf Lesetour : Krasse Ticks, viele Klicks

  • -Aktualisiert am

Jenny Lawson ist der Superstar der amerikanischen Bloggerszene, Millionen lesen ihr Web-Tagebuch im Netz. Ausgerechnet so jemand hat massive Angst vor Menschen – und muss jetzt auch noch auf Lesereise gehen.

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          Wer glaubt, die eigene Kindheit sei schlimm gewesen, sollte sich Folgendes fragen: Musste ich Einkaufstüten als Schuhe tragen? War das Leitungswasser zu Hause mit Radon vergiftet? Sagte meine Mutter, als man sie darauf ansprach: „Kein Problem, die Kids würden das gar nicht runterkriegen, so giftig ist das!“? Hat mein Vater Gürteltiere im Wald gefangen, um mit ihnen professionelle Rennen zu veranstalten? Waren unsere Haustiere Truthähne? Und verfolgten sie mich auf dem Weg zur Schule?

          Willkommen in der Welt von Jenny Lawson, 38, der erfolgreichsten Bloggerin Amerikas. Ihr Leben in Wall, einem texanischen 200-Seelen-Kaff, ist mittlerweile Allgemeingut der Netzgemeinde, rund drei Millionen Klicks verzeichnet ihre Website http://thebloggess.com jeden Monat. Die Anekdoten dieser schrägen Biografie sind so beliebt, dass auch die Buchverlage Schlange standen. Letztes Jahr erschien Lawsons Debüt auf Papier. „Let’s Pretend This Never Happened“ schoss aus dem Stand auf Platz zwei der Sachbuchbestseller-Liste der New York Times, jetzt erscheint das Buch beim neu gegründeten Verlag Metrolit in Berlin.

          So kann man noch mal die einzelnen Stationen einer Vita nachvollziehen, die sich Woody Allen ausgedacht haben könnte – nach dem Konsum sehr vieler Horrorfilme. Das Aufwachsen mit einem Tierpräparator als Vater („Ich habe immer allen erzählt, er wäre Waffenhändler, weil das spannender klang“), die schreckliche Highschool-Zeit („Ich war das einzige Gothic-Mädchen, es war wie ein Auftritt von Jethro aus ‚Die Beverly Hillbillies sind los‘ in einem Video von The Cure, nur das genaue Gegenteil“), die Verlobung mit Victor, mit dem sie bis heute verheiratet ist. „In der Junior High habe ich viel von Danielle Steele gelesen. Deshalb habe ich mir immer vorgestellt, ich würde am Tag meiner Verlobung nackt sein, nur von Rosenblüten bedeckt, und mit dem Bruder des Mannes schlafen, der mich entführt hat.“ So klingt Romantik, wenn Lawson sie durchs Säurebad ihrer Neurosen zieht.

          Victor gehört zum festen Personal der hanebüchenen Storys. Gemeinsam zieht man ein Töchterchen groß, Hailey, sieben Jahre alt. Sie ist auch der Grund, warum Lawson mit dem Schreiben anfing. „Aufgrund der vielen Antidepressiva leide ich an Gedächtnisschwächen. Ich wollte, dass meine Tochter später erfährt, warum ich so geworden bin“, schreibt Lawson, die grundsätzlich keine persönlichen Interviews gibt, auf eine Mail des F. A. Z. Hochschulanzeigers.

          Es klingt wie ein Witz, ist aber vollkommen ernst gemeint: Amerikas erfolgreichste Netzautorin leidet seit ihrer Jugend an Depressionen, Angstzuständen und Zwangsstörungen. Und genau diese Pathologie nutzt sie für ihren rasanten, höchst skurrilen, zutiefst menschlichen Humor.

          Die Leser verehren sie für diese radikale Offenheit. Psychisch Kranke schreiben ihr Fanmails zu Tausenden, Selbstmordgefährdete bedanken sich bei ihr, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. In Lawson haben sie eine Verbündete, die das eigene Leid mit grimmigem Witz pariert. Dass die Autorin nun aufgrund des immensen Erfolges Lesereisen absolvieren muss, ist selbst schon eine zynische Pointe. Wie schafft sie denn die Auftritte bei all den Ängsten? „Mit einer Masse Tabletten.“ Und wie ist es, wenn man Leuten begegnet, die so ziemlich alles über einen wissen? „Die sind ja meistens genauso schüchtern wie ich, klammern sich an ihrem Drink fest und hoffen, dass alles schnell vorbeigeht.“

          Das Buch ordnet Lawsons Krisenberichte zu einer losen Autobiografie, der mäandernde Stil der Blogeinträge bleibt erhalten. Man kann den Text deshalb an jeder Stelle aufschlagen und staunen über das tragikomische Potenzial des dysfunktionalen Alltages. Zum Beispiel die Post-its, mit denen die Autorin ihren Mann traktiert – ein Bravourstück über Obsession. Zettel 1: „Lieber Victor, dieses Badehandtuch war nass und du hast es auf dem Boden liegen lassen. Ich bin ziemlich sicher, dass sich Tuberkulose auf diesem Weg ausbreitet. Ich schreibe das alles in meinem Blog für den Fall, dass ich wegen deiner Nachlässigkeit sterben muss.“ Zettel 2: „Warum kannst du leere Pizzaschachteln nicht einfach wegwerfen, wenn du die Pizza gegessen hast? Hast du eine Art Krankheit, von der ich nichts weiß und die bewirkt, dass du leere Pizzaschachteln nicht siehst?“ Zettel 3: „Okay, mir fällt gerade ein, ich habe die Schachtel stehen lassen. Ich lasse den Zettel trotzdem hängen, dann kannst du etwas lernen. Schlimm, schlimm, Victor.“

          Ob sich alle Geschichten wirklich eins zu eins zugetragen haben, ist fraglich. „A Mostly True Memoir“ – weitgehend wahre Erinnerungen – ist der Untertitel des englischen Originals (die deutsche Ausgabe verzichtet auf den Vermerk). Damit sichern sich Verlag und Autorin gegen mögliche Rechtstreitigkeiten ab. In Amerika nimmt man es seit dem Buchskandal um James Frey, der sich 2003 eine Drogenkarriere zusammenfantasierte, sehr genau mit den Fakten. „Vor allem aber würde ich nie etwas schreiben, das ich nicht auch laut zu meiner Oma sagen würde“, steht in Lawsons Mail. „Zum Glück ist meine Oma ziemlich cool.“

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