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Alkoholmißbrauch im Beruf : Suchttragödien auf allen Ebenen

Alkohol und Arbeitsplatz gehören eigentlich nicht zusammen. Wenn es doch passiert, wird mit Alkoholmißbrauch im Beruf häufig falsch umgegangen. Als Prävention dienen nicht nur frühe Fürsorgegespräche der Vorgesetzten.

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          Wilhelm Hochsteins Kollege meinte es gut und handelte dennoch grundverkehrt. Als sich der Industriemeister Hochstein mal wieder entschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hatte, um eine Wodkaflasche zu beschaffen, fand der Kollege Ausreden und schützte den Trinker vor den Vorgesetzten. „Ohne es zu wollen, hat er meine Alkoholsucht gedeckt und unterstützt“, sagt der 65 Jahre alte ehemalige Abteilungsleiter in der Autozulieferindustrie heute.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Der Kollege war ein lieber, guter Kerl, er hat aber falsche Rücksichtnahme geübt.“ Heute trinkt Hochstein keinen Tropfen Alkohol mehr. Er ist Landesvorsitzender der Guttempler Hessen, einem bundesweit arbeitenden Verein, der sich für eine suchtmittelfreie Lebensweise einsetzt. Der nach einer Langzeittherapie „abstinent lebende Alkoholiker“ ist ehrenamtlicher Suchthelfer und fordert: „Alkohol und Arbeitsplatz gehören nicht zusammen. Man soll Betroffene damit konfrontieren und fallenlassen.“

          „Vielleicht bessert sich das ja. Tut es aber nicht.“

          Die meisten, die im Kollegenkreis ein Suchtproblem erahnen, handeln aber anders. Sie schauen weg. „Das ist falsch“, sagt auch Wolfgang Schmidt, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen, die eine ausgezeichnete Dokumentation für Suchtberatung in Betrieben entwickelt hat. „Viele Menschen sind konfliktscheu und sagen sich, in Gottes Namen, wir tragen das mit, vielleicht bessert sich das ja. Tut es aber nicht. Sie verlängern die Krankheitsphase.“

          Dabei haben längst alle auf dem Flur bemerkt, daß der Kollege es nicht bei dem einen rituellen Glas Geburtstagssekt beläßt, sondern daß er sich schon in der Morgenkonferenz ein zweites, drittes, viertes nachschenkt. Ihn darauf ansprechen, das ist unangenehm und verheißt Ärger. „Abgesehen davon, daß kein Abteilungsleiter erpicht darauf ist, zu zeigen, daß es in seinem Team Schwierigkeiten gibt. Das ist ein weitererer Grund dafür, daß das Problem unter den Teppich gekehrt wird“, sagt Schmidt. „Die Leidensphase des Betroffenen verlängert sich.“

          „Mir fällt auf, daß in letzter Zeit Arbeit liegenbleibt“

          Mutige Menschen handeln anders. „Konfrontieren Sie den Kollegen oder Mitarbeiter mit der Tatsache, daß Sie etwas feststellen, was nicht in Ordnung ist“, sagt Elisabeth Wienemann, Arbeitswissenschaftlerin an der Universität Hannover. Um das Gespräch sinnvoll und für beide erträglich zu machen, helfen klare Ich-Botschaften. Zum Beispiel: „Mir fällt auf, daß in letzter Zeit Arbeit liegenbleibt. Mich stört, daß die Vorlagen, die ich von Ihnen erhalte, immer fehlerhaft sind. Ich möchte diese Fehler nicht ausbessern. Wenn sich das nicht ändert, informiere ich den Chef. Ich mache mir Sorgen, weil Sie schon morgens eine Fahne haben.“

          Daß der Angesprochene dann in Abwehrhaltung geht und das empört zurückweist - Wie kommen Sie dazu, mir nachzuspionieren! -, müsse man aushalten, ermutigen die Fachleute. Mit Anschwärzen hat das Verhalten nichts zu tun. Aber Nichtreagieren mit moralischer Fahrlässigkeit. Was aber schon den untereinander vertrauteren Kollegen schwerfällt, davor kapitulieren Chefs nur allzu gerne. Sie merken zwar, daß der Mitarbeiter mehr trinkt, als ihm guttut, und die Kollegin immer öfter unnatürlich agil erscheint, aber sie schweigen.

          „Eine Scheidung läßt sich mit Alkohol übertünchen“

          „Chefs sollten relativ früh Fürsorgegespräche führen, die Auffälligkeit zurückspiegeln und Unterstützung anbieten. Vorgesetzte sollen keine halben Therapeuten werden, aber ihre Führungsaufgaben wahrnehmen“, sagt die promovierte Soziologin Wienemann. Daß viele diese Verantwortung nicht übernehmen, ist um so bedauerlicher, weil ihr Einfluß auf eine Heilung der Krankheit groß ist. Das erfährt Wolfgang Schmidt aus Gesprächen mit ehemals Süchtigen. „Viele sagen, als der Führerschein weg war und die Frau gegangen ist, habe ich weitergetrunken. Erst als mein der Chef drohte, der Job ist weg, habe ich endlich etwas unternommen und eine Therapie begonnen.“

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