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Akademischer Mittelbau : Eine verlorene Generation scheint es nicht zu geben

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Die Universitäten können mit Hilfe des Tenure-Track-Programms sowohl W1- als auch W2-Professuren schaffen. In beiden Fällen steht ihnen eine Pauschale von ungefähr 120 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Bei positiver Evaluation wird die Tenure-Track-Professur nach sechs Jahren entfristet. Zwei weitere Jahre der dann folgenden W2- oder W3-Professur können ebenfalls über das Programm finanziert werden. Am kostengünstigsten wäre es für die Universitäten somit, mit der Programmpauschale ausschließlich W1-Tenure-Track-Stellen zu schaffen, die bei Bewährung auf W2-Professuren entfristet werden.

Zu Beginn des Semesters lagen 265 Ausschreibungen vor. Es ist damit schon ein substantieller Anteil der bewilligten Professuren ausgeschrieben worden. Entgegen verbreiteten Befürchtungen sind lediglich 154 dieser Stellen Tenure-Track-Professuren auf W1-Niveau, mit 58 Prozent also nur etwas mehr als die Hälfte der bisher ausgeschriebenen Stellen. Die restlichen 42 Prozent sind W2-Professuren, die im Allgemeinen mit erfahrenen Wissenschaftlern besetzt werden. Auch werden längst nicht alle Professuren lediglich auf W2-Niveau entfristet, sondern nur 62 Prozent, während 35 Prozent auf W3-Niveau entfristet werden. Darüber hinaus können einzelne Professuren sowohl als W2 als auch als W3 entfristet werden (das gilt beispielsweise für die Open-Topic-Professuren an der Universität Erlangen-Nürnberg).

Das heißt: Gut die Hälfte der bisherigen Professuren aus dem Tenure-Track-Programm richtet sich an junge Wissenschaftler kurz nach der Promotion. Der restliche Teil der Professuren steht auch erfahreneren Wissenschaftlern offen. Wissenschaftler der vermeintlichen „verlorenen Generation“ werden durch das Programm also durchaus adäquat berücksichtigt.

Ausgewogene Mischung

Parallel dazu untersuchen wir, ob es über die Jahre tatsächlich zu einem Aufwuchs an Professuren kommt. Unsere bisherigen, natürlich noch vorläufigen, Ergebnisse legen nahe, dass sich die Zahl der Professuren erhöht. Nehmen wir die Humboldt-Universität zu Berlin als Beispiel: Am Stichtag (1. Dezember 2014) gab es dort 353 unbefristete Professuren. Drei Jahre später, sogar noch vor Ausschreibung der 26 bewilligten Tenure-Track-Professuren, hat sich die Zahl der unbefristeten Professuren bereits auf 372 erhöht. Berlin scheint keine Ausnahme zu sein. Auch an anderen Universitäten stieg die Zahl der unbefristeten Professuren an, im Durchschnitt um drei Prozent.

Unsere bisherigen Ergebnisse legen nahe, dass das Tenure-Track-Programm entgegen der verbreiteten Sorge gut angelaufen ist. Wenig spricht bisher für die Schaffung einer verlorenen Generation, mehr für eine überraschend ausgewogene Mischung an unterschiedlichen, neu geschaffenen Tenure-Track-Professuren.

Für die Universität braucht es aber ein weiter reichendes Ziel als das Tenure-Track-Programm. Mitglieder der Jungen Akademie schlagen dafür die Schaffung einer Departmentstruktur vor. Die Tenure-Track-Professur ist darin der Standardweg zur unbefristeten Professur. Um diese flächendeckend einzuführen, werden in unserem Vorschlag befristete Postdoktoranden-Stellen kostenneutral in Professuren aufgewertet und die Ressourcen in den Departments kollegial geteilt, anstatt dauerhaft einzelnen Lehrstühlen zugeordnet zu werden. Dadurch entsteht ein Wissenschaftssystem, in dem die Kooperation auf Augenhöhe im Mittelpunkt steht und Hierarchien zwischen Wissenschaftlern abgebaut werden.

Ebenso haben wir ein neues Förderformat vorgeschlagen: die Bundesprofessur. Diese soll erfolgreichen jungen Wissenschaftlern eine unbefristete Möglichkeit zur selbständigen Forschung und Lehre an einer Universität ihrer Wahl ermöglichen und langfristig aus Bundesmitteln finanziert werden. Beide Vorschläge zielen darauf ab, ein leistungsstarkes und sozial verträgliches Wissenschaftssystem zu schaffen, in dem die besten Wissenschaftler eine langfristige Perspektive erhalten und unabhängig arbeiten können.

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