https://www.faz.net/-gyl-90ws7

Gap year : Abitur, und dann?

  • -Aktualisiert am

Gut, dass ich noch 17 bin und danach Praktika mache. Die Sache mit dem Kindergeld wäre also geklärt. Doch woher kommt das Geld für den Australienurlaub? Bisher habe ich kein festes Gehalt, nicht mal einen 450-Euro-Job. Ich gebe ab und zu Nachhilfe, helfe als Babysitter, trainiere die Handballjungs vom Nachbarort. Für Australien ist das zu wenig, dafür reicht das Ersparte auf keinen Fall. Wie also kann ich ganz schnell möglichst viel Geld verdienen, ohne dass Steuern und Sozialabgaben den Lohn gleich wieder auffressen? Viele Freunde haben einen „Minijob“, auch 450-Euro-Job oder geringfügige Beschäftigung genannt, wie ich jetzt lerne. Sie verdienen im Monat maximal 450 Euro, müssen keine Steuern oder Sozialabgaben zahlen und sind über die Eltern mitversichert.

Ich aber will möglichst viel arbeiten, oder, ehrlicher gesagt: möglichst viel in möglichst kurzer Zeit verdienen. Australienflüge sind teuer!

Ich bin für alles zu jung

Dafür gibt es eine Lösung: der verkürzte Minijob, manche sagen auch kurzfristige oder Saisonbeschäftigung. Man arbeitet für maximal drei Monate oder 70 Tage im Jahr und kann dabei (innerhalb der gesetzlich zulässigen Arbeitszeiten) unbeschränkt viel Geld verdienen. Man muss nur aufpassen, dass man die 70 Tage nicht überschreitet, sonst ist sofort der vorteilhafte sozialversicherungs- und steuerrechtliche Status weg und man muss einen Haufen Abgaben zahlen.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Das Problem in meinem Fall: Ich bin zu jung. Das bekomme ich immer wieder zu hören. Im Apple-Shop zum Beispiel hätte ich gerne gearbeitet, die hätten mich dort auch genommen, versichert mir der nette Mitarbeiter während des Facetime-Vorstellungsgesprächs – wenn ich nur schon 18 wäre. Ähnlich klingt es bei anderen Firmen, bei diversen Bewerbungen lautet die Antwort: „Hallo Jule, vielen Dank für deine Bewerbung und das damit verbundene Interesse an unserem Unternehmen. Leider bist du noch nicht volljährig. Gerne kannst du dich wieder bei uns bewerben, sobald du 18 bist.“

Blödes G8! Erst sollen wir möglichst schnell sein, und jetzt sagen sie mir: Ihr wart zu schnell. Ich kann mit 17 keinen Job annehmen, ich darf nicht alleine Auto fahren, ich darf nicht mal feiern ohne „Muttizettel“; sogar für die eigene Abi-Party musste mir meine Mutter eine schriftliche Erlaubnis ausstellen, damit ich länger wegbleiben durfte. Ohne Eltern könnte ich mich an keiner Uni einschreiben, kein Studentenzimmer mieten. Nicht einmal meinen Handyvertrag kann ich verlängern.

Als Nächstes rufe ich bei der DAK, der Krankenversicherung unserer Familie, an, bei der ich bisher über meinen Vater gesetzlich krankenversichert bin. Die nette Frau dort erklärt mir: Bis zum 23. Lebensjahr bin ich in jedem Fall kostenfrei mitversichert, egal, was ich mache – vorausgesetzt, ich verdiene nicht mehr als 450 Euro im Monat. „Du kannst also die Beine hochlegen und die Zimmertür zumachen, bis du 23 wirst“, sagt die Frau von der DAK. Eine so einfache Erklärung habe ich bisher nirgendwo gefunden. Saisonarbeit ist ebenfalls erlaubt, wenn sie als „kurzfristige Beschäftigung“ angemeldet wird. Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch an dieser Stelle!

Von all dem hatte ich bis vor ein paar Tagen keine Ahnung. Auf dem Gymnasium haben wir vieles gelernt, aber vieles wohl auch nicht.

Im Nachhinein wäre es das Einfachste gewesen, ich hätte mich um ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder den Bundesfreiwilligendienst bemüht. In beiden Fällen ist alles geregelt, was die Behörden angeht. Nur uns Abiturienten im „gap year“ sieht der Staat nicht vor. Für uns gibt es nicht mal eine richtige Bezeichnung. Alle, die wir gefragt haben, haben mit den Schultern gezuckt oder die Frage überhaupt nicht verstanden. „Abiturientin“, „Studienplatzbewerberin“ oder „arbeitssuchend“ haben sie vorgeschlagen. Aber das stimmt ja nicht. Die DAK meinte, wir seien „vorübergehend stellenlose Jugendliche, die sich im Sabbatjahr befinden“, die Familienkasse plädierte für „geringfügig Beschäftigte“.

Keiner der genannten Vorschläge trifft meine Lebenssituation, ich fühle mich nicht arbeitslos. Ich freue mich auf das, was kommt – ein Jahr Abenteuer.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bernie Sanders ist zurück – und fühlt sich bereit für das Präsidentenamt.

Bernie Sanders in New York : „Ich bin wieder da!“

Bei seiner ersten Wahlkampfveranstaltung nach seinem Herzinfarkt bricht Bernie Sanders Besucherrekorde. In New York ist auch seine bislang wichtigste Unterstützerin dabei.
Innen mit Grill, Wok und Kombidämpfer: der Truck von Nelles Catering

Foodtrucks : Essen auf Rädern ist abgefahren

Das hessische Familienunternehmen Roka baut Kleintransporter zu trendigen Foodtrucks um – für Gastronomen und Gründer, aber auch für bekannte Unternehmen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.