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Erich Auerbachs Tagebuch : Aber mich geht’s nichts an

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Auerbachs Satz „Es wird der Teufel nur durch sich selbst vertrieben“ lässt sich auf Max Reinhardts Inszenierung beziehen oder auch auf die Hauptfigur, den russischen Gutsbesitzer Sarynzew. Er hatte – ähnlich wie Tolstoi selbst – eine Bekehrung zum radikal ethischen Christentum erlebt. Da er jedes Eigentum für Unrecht hält, ist er entschlossen, seine Güter an seine Bauern zu verschenken, doch aus Rücksicht auf seine Familie gibt er den Plan schließlich auf. Sein Versuch, konsequent dem Gewissen zu folgen, scheitert an mangelnder Tatkraft und an den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Ein Glücksfall für die Forschung

Auerbachs kurze Erörterungen kreisten um die komischen Potentiale der Hauptfigur. Dazu berief er sich auf eine Passage im Kapitel „Der komische Held“ im „Geist der Utopie“ von Ernst Bloch. Das 1918 erschienene Buch empfahl auch der seit 1909 mit Bloch befreundete Burschell in der Auerbach übersandten ersten Nummer seiner Wochenschrift. Im Buch heißt es in Bezug auf den „Don Quixote“ von Cervantes: „Das sich Bewegen und schließliche in sich Zergehen vor dem unbewegten Hintergrund ist das Entscheidende. Darüber lacht man, es lacht ein gemeiner, letzthin freilich auch ein sich anders sicher fühlender, wenn man will, ein frommer Zug in uns.“ Komisch ist demnach ein Scheitern, das auf dem Verkennen der Außenwelt beruht.

Aber auch eine andere Interpretation hielt Auerbach für möglich: Insofern die Gesellschaft bei Tolstoi beginne, „sich zu regen“, zeige seine Hauptfigur tragische Züge. Im Drama gelingt es Sarynzew, einen Priester und einen Offizier mit moralischen Argumenten davon zu überzeugen, die orthodoxe Kirche und die zaristischen Armee zu verlassen. Nimmt man dies als Hinweis auf eine „erwachende“ bessere Zukunft, wäre der unentschlossene Gutsherr ihr Vorläufer und sein Scheitern tragisch.

Man kann sich vorstellen, dass Teile des Theaterpublikums Ende 1918 zu dieser Sichtweise neigten. Nicht jedoch Auerbach: Für ihn handelte es sich vor allem um die geschickte „Ausnutzung der Konjunktur“. Und wohl nicht zufällig wählte er für den revolutionären Gutsbesitzer die Metapher des Teufels, die er früher für den „Sozialismus“ verwendet hatte. Er lobt nicht die Tendenz des Stücks, sondern den realistischen Gehalt seiner „Gesellschaftsszenen“. Immer dann, wenn Auerbach eine propagandistische Absicht vermutete, reagierte er abweisend. Den 1917 erschienenen Roman „Die Armen“ von Heinrich Mann nannte er am 6. Januar 1919 ohne weitere Erklärung „ganz schlecht“.

Erich Auerbach hatte kaum die Absicht, sein Tagebuch, das er in einer der am stärksten bewegten Perioden deutscher Geschichte schrieb, der Nachwelt zu überliefern. Dass es trotzdem erhalten blieb, ist ein Glücksfall für die Forschung. Denn hier zeigt sich, auf welche Weise die Anfänge seiner romanistischen Studien mit den revolutionären Ereignisse von 1918 und 1919 zusammenhingen. Bedenkt man Auerbachs damalige patriotische Haltung, lässt sich besser nachvollziehen, was für ihn die Vertreibung im Jahr 1936 bedeutet haben muss. Sein im Istanbuler Exil geschriebenes Meisterwerk „Mimesis“ verdanken wir nicht zuletzt seiner früh eingeübten Fähigkeit, geschichtlichen Katastrophen mit konzentrierter wissenschaftlicher Arbeit zu begegnen.

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