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Erich Auerbachs Tagebuch : Aber mich geht’s nichts an

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Zur Frage der Kriegsschuld

Von den Demonstrationen und zunehmend bürgerkriegsähnlichen Aufmärschen in Berlin berichtete Auerbach erstaunlich knapp und meist mit ironischem Unterton. Am 24. Dezember griffen regierungstreue Truppen eine meuternde Volksmarinedivision an, die sich im Berliner Schloss verschanzt hatte. Diesem Ereignis, bei dem 56 Regierungssoldaten, elf Matrosen und einige Zivilisten ihr Leben verloren, widmete Auerbach nur vier Worte: „Das Spektakel am Schloss“. Thomas Mann, der ebenfalls das Wort „Revolutionsspektakel“ verwendete, erläuterte im letzten Kapitel seines Essays unter dem Titel „Ironie und Radikalismus“, dass die Ironie der „Geist des Konservativismus“ sei. Wer revolutionäre Aktionen im Modus der Ironie darstellt, zeigt, dass er sie für illusionär hält.

Am 29. Dezember demonstrierten vor dem Reichstag Sozialdemokraten und Linksliberale gegen die „Blutdiktatur des Spartakusbundes“. Auerbach notierte: „Strassenumzüge. Timon englisch ,What dost thou think ’tis worth? – not worth my thinking –“. Sein mit Shakespeare legitimiertes Desinteresse an den Ereignissen auf der Straße nahm womöglich noch zu. Die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar erwähnte er mit keinem Wort.

Wenn Auerbach im Tagebuch Positionen erkennen lässt, die mit denen von Thomas Mann vergleichbar sind, kann daraus selbstverständlich nicht abgeleitet werden, dass er allen Ansichten Manns zugestimmt hätte, etwa dessen Verschwörungsthesen zur Frage der Kriegsschuld. Auerbach hat später – ebenso wie Mann – nicht zuletzt unter dem Eindruck der Vertreibung aus Deutschland frühere Meinungen revidiert. Nicht mehr aus der Perspektive des Patrioten, sondern als „unparteiischer Beobachter“ und Weltbürger sah er 1952 in seinem Aufsatz „Philologie der Weltliteratur“ die „inneren Grundlagen des nationalen Daseins überall im Zerfallen“. Die Zukunft gehöre der kulturellen „Standardisierung“.

Konsequent dem Gewissen folgen

Angesichts der politischen Ereignisse berichtete Auerbach im Tagebuch erstaunlich oft von Konzertbesuchen und Theaterabenden. Am 28. November, am Tag der Abdankung des Kaisers, die er nicht erwähnte, schrieb er über Walter Hasenclevers Drama „Der Sohn“: „Wie gut wars, als wir noch die Zensur hatten. – Es wäre nichts darüber zu sagen, wenn es den Herrn nicht ernst wäre. Dabei hat H ein lebendiges und menschliches Gesicht. – Die Sprache!“

Offenbar konnte er mit dem expressionistischen Drama, in dem ein namenloser Sohn zum Kampf gegen die Welt der Väter aufrief, wenig anfangen. Besser gefiel ihm am 21. Dezember eine Aufführung von Tolstois Drama „Und das Licht scheinet in der Finsternis“ im Deutschen Theater unter der Regie von Max Reinhardt: „Die Aufführung mit allen Nervenmätzchen äusserst wirksam. Moissi, die Höflich, Rosa Bertens. Ein Unding, das Stück anders aufzuführen als Reinhardtisch. Es wird der Teufel nur durch sich selbst vertrieben. – Nach Blochschem Ausdruck der komische Held: bei unbewegtem Hintergrund. Und doch ganz anders: tragisch; denn der Hintergrund beginnt sich zu regen, man weiss: er wird erwachen – kein Held: denn er ist ein russischer Heiliger, gelähmt und dumpf, trotz allem: epimetheisch. Welch Geschick, welche Ausnutzung der Konjunktur diese Aufführung jetzt zu machen. Beaumarchais und Tolstoi. Unerhörtes Talent; kein Sardou kriegt Gesellschaftsszenen fertig wie diese.“

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