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Erich Auerbachs Tagebuch : Aber mich geht’s nichts an

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Auerbach hielt vom Rätesystem offenbar wenig. Ebenso skeptisch beurteilte er allgemeine Aufrufe zur Menschenverbrüderung. Am 18. November notierte er: „Brief von Burschell. Will europ propagat Aufrufzeitschrift gründen. Der grossen Aktion die geistige Unerbittlichkeit zur Seite stellen. Ach Gott. Antwortete sofort.“ Friedrich Burschell, einer seiner Heidelberger Studienfreunde, war zu dieser Zeit militärischer Adjutant von Kurt Eisner. Im Leitartikel der ersten Nummer seiner Wochenschrift „Revolution. An Alle und Einen“ entwarf er unter dem Titel „Der Mensch steht auf“ ein utopisches Programm: „Zur Liebe geht es, zur erfüllten Zeit, zum leichten Dienen und zum leichten Herrschen, zur Heiterkeit des Schenkens und Nehmens: o laßt uns ruhig Schwärmer sein, weil Menschsein Schwärmerei bedeutet.“ Erst am Ende gibt er eine vage politische Orientierung mit der Vision von „kühnen starken Fahnen, rot wie das Menschenblut und strahlend wie die Liebe“.

Verblasst: Ernst Blochs „Geist der Utopie“ las Erich Auerbach am 26. November 1918.

Erich Auerbach hat die Lektüre nicht begeistert: „Was ist geschehn: die Majorität, klug, zäh, mit einheitlicher Mentalität, hat die Opposition besiegt, die aus vergangenen Zeiten, noch mit Geist und Gewalttat arbeitete. Darüber dürfen sie fortan beruhigt lächeln. ,Der Mensch steht auf.‘ Ach Gott. Mit Sozialismus und dauernder Wählerei. – Sozialismus und Kapitalismus gehören zu einander (wie der Teufel zu seiner Grossmutter). Bei beiden dreht sich um Essen Trinken Wohnen Anziehn; oder noch schlimmer: ums Aufdenkopfspucken können. Alles sehr wichtig. Aber mich geht’s nichts an. Die Möglichkeit der Demokratie. Welch ein Unsinn. Kein Großbetrieb erträgt sie. Bauern, Handwerker, ja. Über die Demokraten in Mietshäusern, sechsstöckig! Auf jeden Quadratmeter kommen zwei.“

Lebensfremde Illusionen

In diesen Sätzen drückt sich eine Haltung aus, die man konservativ oder geistesaristokratisch nennen kann. Sucht man in zeitgenössischen Stellungnahmen Vergleichbares, stößt man bald auf Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Zwar erwähnt Auerbach das Anfang Oktober 1918 ausgelieferte Buch nicht, trotzdem ist wahrscheinlich, dass er es zur Kenntnis genommen hat.

Seine Bibliothek zeigt, wie sehr er Thomas Mann schätzte. 1949 schrieb er dem Schriftsteller: „Ihre Tätigkeit begleitet mich seit meiner frühen Jugend; kein anderer lebender Schriftsteller hat mich so beständig beschäftigt und ist so sehr meinen Neigungen gemäss wie Sie.“ In den „Betrachtungen“ bekannte sich Thomas Mann zum realistischen neunzehnten Jahrhundert. Er hielt die im Ersten Weltkrieg erstarkten politischen Ideen der „Demokratie“ und des „Sozialismus“, die er mit dem Begriff „Politik“ gleichsetzte, für lebensfremde Illusionen.

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