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: "Ja, ich hatte richtig Angst"

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FRAGE: Herr Steinbrück, welch ein Jahr liegt hinter uns! Haben Sie so etwas schon erlebt?ANTWORT: Nein, wir haben in der ganzen Nachkriegsgeschichte so etwas noch nicht erlebt. Die ganze Weltwirtschaft stand kurzzeitig vor einer Kernschmelze.

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          FRAGE: Herr Steinbrück, welch ein Jahr liegt hinter uns! Haben Sie so etwas schon erlebt?


          ANTWORT: Nein, wir haben in der ganzen Nachkriegsgeschichte so etwas noch nicht erlebt. Die ganze Weltwirtschaft stand kurzzeitig vor einer Kernschmelze.


          FRAGE: Wie hätte sich so eine Kernschmelze angefühlt?


          ANTWORT: Es wäre zu einem völligen Vertrauenszusammenbruch gekommen - viel schlimmer als das, was wir ohnehin an Schlimmem erleben mussten. Diverse Märkte wären eingetrocknet, und Finanzinstitute wären völlig verschwunden, so wie wir das ansatzweise bei den amerikanischen Investmentbanken wie Lehman Brothers erlebt haben. Und es wären staatliche Stützungsmaßnahmen in noch gigantischerem Umfang nötig geworden.


          FRAGE: War Ihnen das alles vor einem Jahr schon klar?


          ANTWORT: Nein, natürlich nicht. "Lehman" hat sich erst mehr und mehr über Zweitrundeneffekte vor allem auf dem Geldmarkt zum Drama entwickelt, und seine Folgen erreichten für mich erst zehn Tage später mit der deutschen Hypo Real Estate ihren Höhepunkt.


          FRAGE: Was hätte passieren müssen, um die Katastrophe auszulösen?


          ANTWORT: Ich sage nur drei Buchstaben: AIG. Ich erinnere mich noch genau, wie ich am 16. September 2008 - also einen Tag nach der Lehman-Pleite - zusammen mit meiner französischen Kollegin den amerikanischen Finanzminister Hank Paulson beschworen habe, den Kreditversicherer AIG nicht auch noch in die Insolvenz zu schicken. Da wurden die Telefone wirklich heiß. Uns allen in Europa war damals klar, dass das Weltfinanzsystem diesen Verstärkereffekt einen Tag nach Lehman nicht ausgehalten hätte.


          FRAGE: Wie ging es Ihnen dabei?


          ANTWORT: Das war wirklich der Abgrund, in den ich damals gesehen habe. In der Nacht vom 16. auf den 17. September kam dann die erlösende Nachricht, dass die Amerikaner im Fall von AIG anders verfahren als bei Lehman.


          FRAGE: Wenn Sie heute bilanzieren: Was stand auf dem Spiel?


          ANTWORT: Das ganze Arteriensystem der Wirtschaft drohte zu kollabieren, weil ihm das Blut fehlte.


          FRAGE: Und wenn Sie den Klappentext für Ihr persönliches Krisen-Buch formulieren müssten, das Sie vielleicht bald schreiben.


          ANTWORT: (lacht) Wenn Sie mit Ihren Zeitvorstellungen da mal nicht falsch liegen! Im Kern geht es um die Falsifizierung des Glaubens an die Deregulierung. Die Logik, dass entfesselte Märkte von ganz alleine ihre Grenzen finden, ist von der Wirklichkeit dementiert. Es ist eben nicht so, dass der Markt von alleine zu Gleichgewicht und Stabilität führt. Dafür braucht es auch in der Globalisierung staatlich oder supranational durchgesetzte Verkehrsregeln.


          FRAGE: Das klingt abstrakt.


          ANTWORT: Sie können es gerne konkret haben. Falsifiziert wurde eine Ideologie, der viel zu viele Menschen auf den Leim gegangen sind. Politiker haben sich davon verführen lassen, selbstkritisch betrachtet, hat sich auch die Politik in Deutschland dem Paradigma der Deregulierung zu lange ergeben. Aktiv betrieben wurde diese Markttheologie mit langen Predigten aber von den Bankern, von den Ökonomen, von Notenbankern wie Alan Greenspan und von Wirtschaftsjournalisten, einschließlich Ihrer Zeitung, um das klipp und klar zu sagen.


          FRAGE: Märkte sind nicht rational?

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