Frankreich und Großbritannien : Die Angst vor dem importierten Nahostkonflikt
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Propalästinensische Demonstranten besteigen am Donnerstag in Paris ein bedeutendes französisches Nationaldenkmal auf dem Platz der Republik. Bild: AFP
In Großbritannien haben antisemitische Vorfälle stark zugenommen. Die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz jüdischer Einrichtungen mussten verstärkt werden. Auch in Frankreich wächst die Sorge vor einem Stellvertreterkonflikt.
In Frankreich und Großbritannien sind angesichts des Großangriffs der Hamas auf Israel die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz jüdischer Einrichtungen und Synagogen massiv verstärkt worden. Der französische Innenminister Gérald Darmanin teilte mit, dass ein Polizeiaufgebot von 10.000 Mann mobilisiert werde. Auch Soldaten würden zur Sicherung jüdischer Stätten eingesetzt. Mit respektive 450.000 und 300.000 Bürgern jüdischen Glaubens beherbergen Frankreich und Großbritannien die größten jüdischen Gemeinden in Europa.
Die britische Regierung hat derweil Überwachungsflugzeuge und zwei Schiffe der Royal Navy ins Mittelmeer entsandt, um ihre Unterstützung für Israel zu demonstriere. Auch London sieht gezwungen, die finanziellen Mittel zum Schutz jüdischer Schulen und Synagogen deutlich zu steigern. Im Norden Londons blieben am Freitag eine jüdische Grundschule und zwei jüdische Oberschulen geschlossen aus Sorge vor Übergriffen anlässlich eines Protest-Tages, zu dem die Hamas weltweit militante Palästinenser ermuntert hatte. Eine Freiwilligenorganisation, sich um die Sicherheit jüdischer Einrichtungen kümmert, teilte mit, antisemitische Vorfälle hätten sich seit dem vergangenen Wochenende vervierfacht. Schülern jüdischer Schulen sei empfohlen worden, auf dem Schulweg ihre Schulkleidung nicht zu tragen.
Israelis reisen für Militärdienst in Heimat
Die britische Königsfamilie hat den Terrorangriff der Hamas in eindeutigen Worten verurteilt. König Charles telefonierte mit dem israelischen Staatspräsidenten Yitzhak Herzog und mit dem jordanischen König Abdullah. Der Buckingham-Palast teilte anschließend mit, Charles III. verurteile „die barbarischen Terrorakte in Israel“. Auch wächst der Druck der britischen Regierung auf den öffentlich-rechtlichen Sender BBC, die Mitglieder der Hamas als Terroristen und die Organisation als Terrorgruppe zu bezeichnen. Der Sender wendet diese Bezeichnung ebenso wie private Rundfunkanstalten in Großbritannien unter Hinweis auf seine von der Rundfunk-Aufsichtsbehörde fixierte Verpflichtung zur Unparteilichkeit nicht an. Sowohl Außenminister James Cleverly als auch Verteidigungsminister Grant Shapps forderten die BBC auf, ihre Wortwahl zu ändern; Premierminister Rishi Sunak sagte, der Sender solle sie „als das bezeichnen, was sie sind“.
Nach Angaben der israelischen Botschaft in London sind mindestens 100 Personen aus Großbritannien nach Israel aufgebrochen, um Dienst in der israelischen Armee zu tun. Es handele sich um Reservisten und aktive Soldaten. Die Militärhilfe der britischen Regierung besteht aus Überwachungsflugzeugen, die Waffenlieferungen etwa von Iran oder aus Russland an die Hisbollah in Libanon aufdecken sollen, und aus zwei militärischen Versorgungsschiffen, die im östlichen Mittelmeer patrouillieren. Auch der britische Marinestützpunkt auf Zypern ist in Alarmbereitschaft.
Frankreich hat bislang keine militärische Hilfe in Aussicht gestellt. Es wurde aber ein Sonderflug nach Tel Aviv organisiert, damit Reservisten aus Paris zurückfliegen können. In Paris ist die Sorge groß, dass es zu Stellvertreterkonflikten im eigenen Land kommen könnte. Innenminister Gérard Darmanin sprach von mehr als hundert antisemitischen Übergriffen im Land seit Samstag. 24 Menschen seien in Polizeigewahrsam genommen worden.
Am Donnerstag Abend versammelten sich trotz eines Demonstrationsverbots mehrere Tausende Menschen auf dem Place de la République in Paris und skandierten israelfeindliche Parolen. Die Polizei löste die Versammlung mit Wasserwerfern und Tränengas auf. Es wird befürchtet, dass es zu weiteren illegalen Solidaritätskundgebungen mit den Palästinensern kommt. Die Linkspartei La France Insoumise spornt dazu an. Der mehrmalige Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon lehnt es bisher ab, den Terror der Hamas zu verurteilen.
Bei den Terrorattacken in Israel haben 13 Franzosen ihr Leben verloren. Das waren „so viele wie seit dem Terroranschlag in Nizza nicht mehr“, so Präsident Emmanuel Macron in einer Fernsehansprache am Donnerstagabend. 17 Franzosen sind weiterhin vermisst, darunter vier Kinder, die sich mutmaßlich in der Gewalt der Hamas befinden. Macron sprach sich für Solidarität „ohne ein Ja aber“ aus. Er prangerte den „Fehler“ derjenigen an, die das Anliegen der Palästinenser mit einer „Rechtfertigung des Terrorismus“ verwechselten.