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„Homs - Ein zerstörter Traum“ bei Arte : Nur Gott allein und eine Handvoll Gewehre

  • -Aktualisiert am

Szene aus hoffnungsvollen Tagen: Hier wird der damals neunzehnjährige Baset Al-Sarout noch gefeiert für seine Gesänge, später für seine Unerschrockenheit am Gewehr. Bild: © SWR

Syrien, Krieg ohne Ende: Der Dokumentarfilm „Homs - Ein zerstörter Traum“ begleitet den neunzehnjährigen Baset und seine Freunde von den ersten friedlichen Protesten bis in die Apokalypse ihrer Stadt.

          Wie verändert der Krieg die Menschen? Wie können sie das Grauen aushalten? Wer sich solche Fragen angesichts von Scharfschützenangriffen auf Zivilisten in Kiew, Teheran oder Kairo stellt, muss diesen Film aus Syrien sehen. Man begreift in seinen achtzig Minuten, woran viele Spielfilme gescheitert sind: an ihrer Sehnsucht nach einem zumindest kleinen Happy End. Die Wirklichkeit aber ist unerbittlich. Sie lässt eine Hoffnung nach der anderen sterben - und trotzdem macht der Mensch weiter.

          Der Dokumentarfilm „Homs - Ein zerstörter Traum“ beobachtet eine Gruppe von jungen Männern, die ihrer seelischen Zerstörung entgegengehen. Er ist nichts für Zartbesaitete - vor allem wegen des psychischen Drucks, den er aufbaut, aber auch wegen einiger blutiger Szenen. Dreihundert Stunden privates Film-Material, das der Syrer Orwa Nyrabia außer Landes geschmuggelt hat, sind für die Dokumentation verarbeitet worden. Der Schnitt von Anne Fabini und Martin Reimers entstand im Herbst 2013 in Berlin. Jetzt sendet Arte den Film und beweist damit Mut zur Wahrheit: Im Film sehen wir einen kleinen Jungen, der von Scharfschützen erschossen wird; er liegt in einem kargen Raum, seine Familie beweint ihn. Kurz vorher schimpft der neunzehnjährige Baset ins Telefon, dass Nato-Beobachter in der Stadt gewesen seien, sie hätten nur eine halbe Stunde Zeit mitgebracht, eine halbe Stunde, wiederholt er - nicht wütend, nicht aggressiv, sondern völlig ungläubig.

          Friedliche Tänzer auf den Plätzen von Homs: Noch wissen sie nichts von  Scharfschützen und Krieg.

          Baset ist der charismatische Anführer einer Gruppe, die die ersten Demonstrationen in Homs organisierte. 2011 war er noch ein Nachwuchstalent des syrischen Fußballs, als Torwart der Jugendnationalmannschaft. Baset singt revolutionäre Lieder, er begeistert die Menschen mit seiner weichen Stimme. Der Film nimmt sich Zeit für diese Aufbruchsphase: Wir schauen hinab auf die engen Plätze der Stadt, auf denen Männer Arm in Arm für die Freiheit tanzen. Frauen sind nicht zu sehen. Alle sind euphorisch. Eine Szene steht stellvertretend für die ersten Monate der Proteste gegen das Assad-Regime: Die jungen Männer spielen Fußball. Baset steht im Tor. Religion und Fanatismus? Damit können sie noch nichts anfangen. Doch das Regime fühlt sich bedroht; es schlägt zu. Basets Viertel wird angegriffen, sein Bruder und andere Verwandte sterben. Und nun beginnt die Veränderung, in seinem Gesicht, in seinen Worten und Gesten - und seine Heimatstadt Homs wird zur Hölle.

          Von Homs ist nicht mehr viel übrig, doch die Kämpfe gehen trotzdem weiter

          Er und seine Freunde führen einen absurden Kampf, erst unbewaffnet, dann vom Ausland ausgerüstet gegen Panzer und Scharfschützen. Straßensperren räumen sie mit den bloßen Händen weg. Wir sehen einen Freund von Baset, wie er mit einem Papierschild, auf dem schlicht „friedlich“ steht, auf die Panzer der Regierungstruppen zugeht. Der Sprecher (Matthias Brandt, leider mit unpassender Märchenonkelstimme) sagt aus dem Off: „Wir haben ihn in jener Nacht verloren.“ Dann: Basets Freund und Hobbyfilmer Osama wird von Granatsplittern schwer verletzt. Seine Hand ist nur noch ein blutiger Klumpen, überall Geschossreste. Seine Freunde kämpfen um sein Leben. Osama wird, anders als viele seiner Freunde, überleben, sich an einem Ort außerhalb von Homs erholen. Als er in die umkämpfte Stadt zurückkehrt, erkennt er Baset und die anderen nicht wieder: Sie interessieren sich nur noch für ihre Gewehre - und nun für die Chance, als Märtyrer zu sterben, in den rauchenden Ruinen ihrer Stadt.

          Baset und seine Freunde bringen einen Verletzten in Sicherheit.

          Mit jedem Toten geht einer von den Lebenden an den Fanatismus verloren. Die Davongekommenen sind die letzten Kämpfer in einer verlorenen Stadt, in einem zerstörten Land: Minutenlang kraxelt die Kamera hinter der Gruppe her durch die zerbombten Häuser, während die Gewehrsalven zu hören sind. Die Männer haben mannshohe Löcher in die Wände geschlagen und bewegen sich auf diese Weise von Haus zu Haus. Die Straßen sind unpassierbar.

          Nur ihre Gewehre - und jetzt ihr Glaube an Gott - sind ihnen geblieben. Baset sagt: „Mein geliebtes Gewehr“ und streichelt es. Ob seine Waffe ihn retten wird? Die Nato ist es jedenfalls nicht. Basets Lied „Nato, komm und hilf uns. Kofi Annan, wo bist du?“ haben sie seit Monaten nicht mehr gesungen.

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