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Hans-Peter Friedrich und die NSA-Affäre : Geheimdienstarbeit regelt kein Naturgesetz

  • -Aktualisiert am

Bayerische Außenstation der NSA in Bad Aibling Bild: Peter Schatz

Der deutsche Innenminister reist in die Vereinigten Staaten, um auf Regierungsebene über den Abhörskandal zu sprechen. Doch wenig spricht dafür, dass Hans-Peter Friedrich das wahre Ausmaß der Affäre erkannt hat.

          Barack Obama wird an diesem Freitag keine Zeit haben, sich mit dem deutschen Innenminister Hans-Peter Friedrich zum Plausch über das Gebaren seiner Geheimdienste zu treffen. Justizminister Eric Holder und eine Präsidentenberaterin werden die Ansprechpartner sein, wenn Friedrich sein Anliegen vorträgt.

          Doch was wird sein Anliegen sein? Wird er mit ernstem Blick die Forderung der Kanzlerin nach mehr „Balance“ überbringen? Hat er überhaupt eine Ahnung, was die Armee von achthundertfünfzigtausend Analysten im geheimdienstlichen Niemandsland technisch treibt? Gemessen an den Verharmlosungen und Beschwichtigungen, die er in den letzten Tagen verlautbart hat, kann als gesichert gelten, dass er diese Ahnung nicht hat. Den Umfragen zufolge nehmen ihm allerdings etwa zwei Drittel der Deutschen diese Unwissenheit nicht ab.

          Stochern im Nebel

          Man solle nun nicht dem Antiamerikanismus anheimfallen, betonten der Minister sowie einige Kommentatoren vor seinem Abflug. Als hätten plötzlich die befreundeten Völker die Wut aufeinander, weil deren Geheimdienste die Datenkriege anzetteln, und als könnten sie nicht unterscheiden zwischen dem Machtmissbrauch und den von den Mächtigen Missbrauchten. Immerhin versprach Friedrich im Namen der Völkerverständigung, „noch offene Fragen zu den jüngsten Veröffentlichungen“ zu klären. Da darf die deutsche und internationale Öffentlichkeit aber gespannt sein.

          Aber welche Fragen sind eigentlich schon beantwortet? Die tatsächliche Auslegungspraxis der amerikanischen und britischen Spionage-Gesetze oder der bilateralen Schnüffelverpflichtungsverträge gehört jedenfalls nicht zu den bereits geklärten Sachverhalten. Das technische Potential der Geheimdienste und ihrer Cyberwar-Abteilungen und vor allem die Frage, ob das Ausspionieren und Auswerten angesichts der Dynamik der Computertechnik nun immer so weitergehen soll, wurde bisher nicht einmal ansatzweise thematisiert.

          Das Herausgebergremium der „New York Times“ fragte sich und uns Anfang der Woche in einem bemerkenswerten Editorial über geheime Gerichte, geheime Verfahren, geheime Urteile, geheime Rechtsauslegung und - was wohl - geheime Kontrollgremien dann auch: Über was reden wir hier eigentlich? Es bleibt ein Stochern im undurchdringlichen Nebel, bei dem die Verantwortlichen nur immer genau das zugeben, was nicht mehr abzustreiten ist.

          Weiß er genug, um sinnvoll nach Aufklärung verlangen zu können? Innenminister Hans-Peter Friedrich

          Obwohl seit mehr als einem Monat tagtäglich neue Details darüber ans Licht kommen, wie amerikanische, britische, französische und deutsche Geheimdienstler Daten zusammenraffen, als gäbe es kein Halten mehr, bleibt die Dimension nur schwer begreifbar. Längst ist klar, dass nicht nur Metadaten, sondern alles Erdenkliche aufgezeichnet wird, was die Lausch- und Speicherkapazitäten hergeben.

          Dennoch sollte auf den Metadaten besonderes Augenmerk liegen, denn sie sind die Fäden, an denen man sich im Gewirr der Kommunikation in den globalen Netzen entlanghangeln kann, um sinnvolle Informationen zusammenzusetzen. Wir sollten daher verstehen, was hinter diesen Milliarden Metadaten-Schnipseln steckt. Es geht dabei um Muster über menschliches Verhalten und Verbindungen, die es algorithmisch zu erkennen gilt.

          Wenn man vor der richtigen Software sitzt, bedeutet es einen Klick mit der Maus, um aus ein paar Millionen Datensätzen dieser Metadaten aussagekräftige Informationen auf den Bildschirm zu holen. Beispielsweise können mit einer solchen Auswertung mal eben sämtliche Personen aufgelistet werden, die mehrmals die Woche in einem Unternehmen zugange sind. Diese Personenliste kann ohne weiteres noch nach Belegschaft, Angehörigen oder Betriebsfremden sortiert werden. Wer, wann und mit wem regelmäßig zum Essen geht, könnte die nächste Anfrage sein - oder wer wie lange fehlt. Ob ein Urlaub oder Krankentage die Ursache sind, sagt schon der nächste Klick.

          Das amerikanische Datenmonster

          Das nun öffentlich gewordene Prism-Programm erweitert diese technischen Analysemöglichkeiten erheblich. Denn addiert man Inhaltsdaten von E-Mails und Telefonaten sowie die abgegriffenen Daten von Google, Facebook, Microsoft oder Skype, verfeinern sich die gewonnenen Informationen enorm. Dankenswerterweise nutzt die halbe Welt die amerikanischen Netzdienstleistungen und die Segnungen aus dem Silicon Valley, so dass die Daten auf deren Servern leichter zugänglich sind. Doch trotz des umfassenden Prism-Ansatzes bleiben die Metadaten das verbindende Element und sind technisch leichter zu filtern, auszuwerten und in großen Dimensionen speicherbar.

          Russell Tice, NSA-Mitarbeiter und einer der Vorläufer von Edward Snowden, beschrieb dieses Vorgehen schon vor Jahren. Kaum einer glaubte ihm, was er neben den technischen Details noch zu berichten hatte: Er gab zu Protokoll, dass Ziel der Datenspionage in der Regierungszeit von George W. Bush auch hochrangige Militärs waren, Mitglieder des amerikanischen Senats und des Repräsentantenhauses, Anwälte und Richter, bis hinauf zum Supreme Court und zynischerweise sogar Mitglieder der geheimen FISA-Gerichte selbst. Auch ein Datendossier über Barack Obama - damals noch ein Bewerber um das Amt des Senators in Illinois - ging 2004 über Tices Schreibtisch. Er nennt seinen früheren Arbeitgeber heute schlicht „monströs“.

          Müssen wir uns mit dieser Monstrosität nun abfinden, weil es eine Art Naturgesetz sein soll, dass die Geheimdienste eben machen, was technisch geht? Aus den verwanzten europäischen Gremien ist jedenfalls kaum Hilfe zu erwarten. Der zuständige Ausschuss für Bürgerrechte entschied am Mittwoch, dass man zwölf Anhörungen planen werde, um Informationen und Beweise über Ausspähungen zu sammeln und dann Empfehlungen zu formulieren. Die erste ist allen Ernstes für den September geplant, vermutlich um bis dahin alle Enthüllungen von Edward Snowden und anderen Informanten in Ruhe in der Zeitung lesen zu können.

          Dass wie in der Banken- oder Eurokrise die Staats- und Regierungschef hinter - natürlich - verschlossenen Türen zu kurzfristig angesetzten Krisenmarathons zusammenkommen, ist wohl nicht zu erwarten. Man muss konstatieren, dass die Brisanz der Geheimdienstskandale nicht erkannt wird, obgleich es auf der Hand liegt, dass zwischen den Milliarden ausgewerteten Datensätzen auch höchst kostspielige waren - und weiterhin sind.

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