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Zweiter Weltkrieg : Am Beispiel meines Großvaters

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Kurz zuvor hatte der „Ruf der Heimat“ die Soldaten im Feld darüber informiert, dass in Arbergen zum ersten Mal eine Feierstunde für die gefallenen Soldaten veranstaltet wurde: „Liebe Kameraden!“, hieß es dort. „Ein schöner Wunsch Eurer Heimat, der sicherlich auch Euch selbst am Herzen liegt, ist am 9. November in Erfüllung gegangen. In einer wunderschönen, zu Herzen gehenden Feierstunde haben wir unserer gefallenen Helden gedacht. Front und Heimat waren zu dieser Feierstunde vereint.“ Auf der letzten Seite der Zeitung war zu lesen: „Allen von ihr betreuten Soldaten wünscht die Dorfgemeinschaft Arbergen ein frohes und gesundes Weihnachtsfest und ein glückliches Neujahr 1942 als Auftakt zum Jahre des Endsieges.“ Fritz hat das neue Jahr nicht mehr erlebt.

Herta heiratete nie wieder

Später bekam Herta noch einige Briefe von der Wehrmacht. 1942 bedankte sich ein Leutnant für den Einsatz ihres Mannes in der 22. Division: „Da auch Ihr Mann an diesen Kämpfen beteiligt war und durch den Einsatz seines Lebens zur Erinnerung dieses Sieges beigetragen hat, übersenden wir Ihnen das anliegende Gedenkblatt der 22. Division. Heil Hitler!“ 1943 wurde Fritz nachträglich die Ostmedaille verliehen, außerdem wurde der „auf dem Felde der Ehre gefallene Gatte“ zum Oberleutnant der Reserve befördert. Fritz' Name wurde in einem Gedenkblatt mit 157 anderen gefallenen Soldaten aus Arbergen erwähnt.

Herta heiratete nie wieder. Über den Krieg sprach sie kaum. Als sie starb, haben ihre Kinder ein Gedicht ihres Mannes Fritz auf den Trauerbrief drucken lassen. Sein Sohn hat sich fest vorgenommen, irgendwann nach Sewastopol zu reisen. Dort ist sein Vater auf der „Endgrablage: Block 10 Reihe 37 Grab 2979“ verewigt.

Den Krieg begrub er in sich

Opa Johann blieb der Feldzug auf Stalingrad erspart, ebenso wie die Rückeroberung des Djneprs durch die Russen. 1943 standen sich hier 1,2 Millionen deutsche und 2,6 Millionen russische Soldaten gegenüber, 1,2 Millionen Rotarmisten wurden verletzt, 280 000 starben. Ein Freund hatte sich für Opa Johann eingesetzt und den Antrag gestellt, dass er für die Autoproduktion in Bremen unverzichtbar sei. Opa kehrte zurück nach Arbergen. Den Krieg begrub er in sich.

Die Arberger Nazi-Glocke wurde 1942 vom Kirchturm genommen und in Waffen umgeschmolzen. Pastor Rieschel hat den vaterlosen Hans Böschen konfirmiert.

Herta starb 2009. Ebenso wie meine Oma Marianne. Auf dem Dachboden haben wir einige Bilder ihres ersten Verlobten gefunden.

Heute redet kaum noch jemand in Arbergen vom Krieg. Die Toten ruhen in Frieden. Und die wenigen, die noch leben, schweigen.

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