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Zweiter Weltkrieg : Am Beispiel meines Großvaters

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Was mich in Fritz' Briefen erschreckte, war die Nähe von Privatem und Politischem, die Nähe zwischen dem Krieg, der die Soldaten in die ganze Welt trieb, und der Heimat, in der das Leben einfach weiterging, in der Kinder geboren wurden und die Frauen überleben mussten.

„Aus Versehen“ von ihm schwanger geworden

Und noch etwas machte mich stutzig. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass mein Opa je so zärtlich zu meiner Großmutter gesprochen hatte wie Fritz in seinen Briefen an Herta. Vielleicht habe ich es nur nicht gehört, weil ich zu klein war. Aber ich glaube eher, dass mein Großvater - abgesehen davon, dass er kein Mann der Worte war - so gar nicht mehr sprechen konnte. Nicht nach dem, was er erlebt hatte. Nicht zu einer Frau, die „aus Versehen“ von ihm schwanger geworden war, nicht in Arbergen, das vom Krieg an der Front nur wenig wusste. Mein Großvater war das, was man einen Mann mit harter Schale und weichem Kern nennt, einer, der nichts an sich herankommen ließ. Einer, den man nicht immer verstand. Für den sich irgendwann alles nur noch um die eigene Familie drehte. Erst heute beginne ich seine Art zu verstehen.

Ich habe mich gefragt, was Arbergen für ein Dorf war, damals, als meine Oma auf die Rückkehr ihres zweiten Mannes aus dem Krieg wartete und Herta die Briefe von Fritz empfing. Was konnten die Frauen in der Heimat mit den Kriegsberichten ihrer Männer anfangen? Was wusste Arbergen schon von der Ostfront?

„Dem Juden sind seine Fenster gebührend behandelt worden“

Auch im Dorf hatte sich das Leben inzwischen verändert. Der Nationalsozialismus nistete sich hier - wie überall in Deutschland - im Alltag ein. Zunächst ergriff er die Vereine, dann die Familien. Wer nicht mitmachte, begann zu schweigen. 1938 musste jeder Arberger sich schriftlich zu seiner Religion bekennen. Juden wurden gebrandmarkt und gedemütigt. In keiner anderen Stadt gab es so viele Tote in der Reichsprogromnacht wie in Bremen. Und niemand kann sagen, dass er nichts wusste. Im Gegenteil: Viele machten mit. Auch Arberger waren dabei, als der jüdische Gebetsraum im nahen Sebaldsbrück zerstört und der jüdische Friedhof im benachbarten Hastedt verwüstet wurde. Das letzte jüdische Geschäft im Nachbardorf Hemelingen war bereits in arischen Besitz übergegangen, und in der Zeitung hieß es im nationalsozialistischen Hetzton: „Dem Juden Alexander in der Hastedter Heerstraße sind ebenfalls seine Fenster gebührend behandelt worden. Die dreckige JudenSynagoge in Sebaldsbrück war sehr schnell das Zentrum der Bevölkerung. Der Stall wurde erstmal ausgemistet, und die Betstühle auf den richtigen Platz, nämlich den Scheiterhaufen, verwiesen.“

Einer der schönsten Orte in Arbergen ist der Hügel mit der alten Kirche - hier liegt Opa Johann begraben. Seit 1936 rief eine neue Glocke die Gläubigen zum Gottesdienst. Auf ihr prangte das Hakenkreuz gleich neben dem Kreuz der Christen. Zur Glockenweihe zeigte Pastor Waldemar Rieschel den deutschen Gruß. Wie die Dorfkirche vor der Herrschaft der Nationalsozialisten einknickte, hat der heutige Arberger Pastor, Friedhelm Blüthner, in einem Buch beschrieben. Rieschel, der auch für das Seelenheil von Fritz und meinem Opa zuständig war, galt als „gutmütiger, etwas welt- und politikferner, gegenüber Jugendlichen nicht sehr widerstandsfähiger, binnenkirchlich orientierter und fleißiger Pastor“; er konnte das Gotteshaus nicht als Refugium aufrechterhalten. Unter ihm wurden Kirchenvorstandsmitglieder zum Austritt genötigt, Juden, politische Gegner und Behinderte aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Nachdem Rieschel zwei elternlose, schwer behinderte Brüder in eine Anstalt in Rotenburg hatte einweisen lassen, wurden sie in eine Klinik gebracht, in der die Nazis die Menschen sterilisierten und ermordeten.

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