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Zwei Tote in Frankfurter Gericht : Polizeischutz für die gesamte Familie

Rache vor der Revision: Polizeibeamte und Sanitäter am Freitagmorgen im Einsatz vor dem Gerichtsgebäude in Frankfurt Bild: Bernd Kammerer

Am Frankfurter Landgericht werden zwei Männer getötet – offenbar als Rache für ein lange zurückliegendes Tötungsdelikt. Es geht um Autohandel und eine komplizierte Familiengeschichte.

          3 Min.

          Das Frankfurter Gerichtsviertel ist eine kleine, überschaubare Welt. Die ehrwürdigen Backsteingebäude reihen sich in den engen Straßenzügen dicht aneinander. Kaum jemand verirrt sich einfach so dorthin. An diesem Freitagmorgen schon gar nicht, denn das Viertel ist abgeriegelt wie ein hermetisch verschlossener Tiegel. Polizisten stehen an den Absperrungen und lassen niemanden hindurch. Hinter den Beamten liegt ein Mann unter einem weißen Tuch. Mohammed P., 45 Jahre alt. Er wurde gegen 8.45 Uhr auf dem Weg zu einem Prozess, wo er als Angeklagter auftreten sollte, vor dem Landgericht erschossen. Es ist nicht der einzige Tote an diesem Tag. Sein Schwager, Barellay A., 50 Jahre alt, liegt im Gebäude. Schwer verletzt. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt er.

          Katharina Iskandar
          Verantwortliche Redakteurin für das Ressort „Rhein-Main“ der Sonntagszeitung.

          Die Hintergründe des Dramas, das sich an diesem Freitagmorgen nach vielen Jahren ohne größere Zwischenfälle am Frankfurter Landgericht abgespielt hat, bleiben nicht lange verborgen. Denn schnell steht fest, dass es sich bei der Tat offenbar um eine Fehde zweier afghanischer Familien handelte. Die beiden Toten waren Angeklagte in einem Prozess, der auf das Jahr 2007 zurückgeht. Damals waren beide Männer an einer Messerstecherei beteiligt, die sich im hessischen Steinbach abspielte. Mohammed P. und Barellay A. waren im Autohandel tätig. Es gab Streit mit Geschäftspartnern einer anderen Familie.

          Nichts deutete im Prozess auf die Tat hin

          Im November 2007 trafen sich Mitglieder beider Gruppen auf einem Parkplatz. Schließlich, so lautete die Anklage, stachen Mohammed P. und Barellay A. auf zwei Männer der verfeindeten Gruppe ein. Die wiederum waren der Bruder und der Neffe des Mannes, der am Freitag in einem Akt von Selbstjustiz am Landgericht um sich schoss. Der Bruder starb damals an den Verletzungen. Gestritten wurde vor dem Gericht um die Frage, ob es sich um Notwehr handelte oder doch um eine vorsätzliche Tat. Nicht wenige Prozessbeobachter werten die Schüsse am Landgericht nun auch als Justizdrama, denn die Verhandlung, die an diesem Freitagmorgen hätte stattfinden sollen, war ein Revisionsverfahren. In erster Instanz waren Mohammed P. und Barellay A. von der Schwurgerichtskammer freigesprochen worden. Offenbar befürchtete die Familie der Opfer, dass dies ein zweites Mal geschehen könnte.

          Erst vor zwei Tagen hatte in dem Revisionsverfahren die erste Verhandlung stattgefunden. Der Siebenundvierzigjährige, der nun offenbar seine Familie rächen wollte, hatte als Zeuge ausgesagt. Die Stimmung im Gerichtssaal war nicht angespannt. Es hat keine Beschimpfungen gegeben, keine Drohungen. Nichts, was darauf hätte schließen lassen können, dass der Bruder des damals Getöteten zur Pistole und zum Messer greift und in blindem Hass um sich schießt, um die Familienehre wieder herzustellen.

          Sicherheitsschleusen hätten nicht geholfen

          Die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann bezeichnet den Vorfall am Freitag als „unfassbar“. Während die Spurensicherung der Polizei am Mittag noch am Tatort beschäftigt ist und die Spuren rund um den Toten sichert, sitzt sie im Gerichtsgebäude gegenüber und gibt eine Pressekonferenz. Sie sagt, es werde nun wohl eine neue Debatte über die Sicherheitsanforderungen an Gerichten geführt werden müssen. Dabei sei auch denkbar, neue Konzepte zu erarbeiten. So, wie es sich jedoch darstelle, hätten die Taten nicht verhindert werden können. „Ein Täter, der mit einer Schusswaffe in das Gebäude hineinrennt, ist auch mit Sicherheitsschleusen nicht aufzuhalten.“

          Seit 1997 sind an allen Eingängen zu den Frankfurter Justizgebäuden sogenannte Sicherheitsschleusen eingerichtet, wie es sie auch an Flughäfen gibt. Besucher müssen durch einen Durchgangsdetektor gehen, der anzeigt, ob metallene Gegenstände mitgeführt werden. Schlägt das Gerät Alarm, wird der Besucher zusätzlich mit einem Metalldetektor durchsucht. Auch Taschen werden auf Waffen, Messer oder mögliche sprengstoffhaltige Behälter gescannt. Die Kontrollen wurden 1997 eingerichtet, nachdem ein Polizeibeamter, der außer Dienst war und wegen einer Familienangelegenheit vor Gericht erscheinen musste, im Dienstzimmer einer Amtsrichterin seine frühere Freundin erschossen und ihre Anwältin mit drei Schüssen schwer verletzt hatte.

          Polizei: „Kein einfaches Feld“

          Die Polizei befürchtet nun, dass es weitere Opfer geben könnte. Unmittelbar nach der Tat, als sich die Hintergründe klärten, wurden Beamte zu den Familien von Opfer und Täter geschickt. Der Frankfurter Polizeivizepräsident Gerhard Bereswill sagte, es werde nun für den Schutz sämtlicher Familienmitglieder gesorgt. „Der Fall ist problematisch, weil die Kultur beider Familie auch eine Rolle spielt. Das ist kein einfaches Feld.“

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