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Zurück auf die Straße : Obdachlos in der eigenen Wohnung

Wie geht es weiter? Karl Hermann in seiner Wohnung im Gallusviertel Bild: Henner Rosenkranz

Karl Hermann war obdachlos, nun hat er eine eigene Wohnung. Doch in der fühlt er sich eingesperrt. Der Frankfurter Verein, der ihm unter die Arme greift, stößt mit seiner Hilfe an Grenzen.

          Vor der dunkelbraun gebeizten Tür stehen ein Stuhl mit zerlumpten Kissen, ein Schuh, eine Plastiktüte, eine Fußmatte, die Zarge hat Brandspuren. Der Name auf dem Klingelschild ist weggekratzt. Ein Kabel mit Stecker führt durch ein gekipptes Fenster ins Innere. Die Tür geht auf, ein dürrer, kleiner Mann erscheint. Seine Beine sind schmal wie die eines Kindes, der blaue Bademantel verhüllt sie fast vollständig. Die Zigarettenkippe fällt Karl Hermann fast aus dem Mund, als er kurz lächelt, ohne einen einzigen Zahn im Mund. Aus der Wohnung im Erdgeschoss strömt warme Luft, drinnen ist es dunkel. Karl Hermann hat am späten Vormittag die Rollläden noch nicht hochgezogen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Karl Hermann ist 66 Jahre alt, 39 davon hat er auf der Straße gelebt, sagt er. Er hat schulterlange weißblonde Haare und eine hohe Stirn mit zwei Dellen, eine links, eine rechts. Sein schmales graues Gesicht macht einen abwesenden Eindruck, aber wenn er sich über etwas ärgert - und Karl Hermann ärgert sich oft -, werden seine Augen wach und beginnen zu funkeln. Dann fuchtelt er mit einem Zeigefinger herum und schneidet die von Zigarettenqualm geschwängerte Luft. Dann wird seine Stimme laut, er schreit fast. „Die Typen vom Sozialamt haben mich von der Straße in diese Wohnung gebracht“, sagt er. „Hier habe ich es warm, und mein Bett ist weich. Das ist mein Unglück.“ So sieht Karl Hermann die Welt.

          Die Wohnung, das sind ein Wohnzimmer mit Tisch, Sesseln und einer Pritsche, auf der Karl Hermann schläft, ein weiteres Zimmer, in dem er eigentlich schlafen sollte, das er aber mit zwei E-Gitarren und einem Verstärker vollgestellt hat, ein weiß gefliestes Bad und eine Küche. Karl Hermann sagt: „Das ist eine Hundehütte. Nein, ein Hund würde hier nicht leben wollen.“ In der Küche fehlt ihm über dem Herd eine Dunstabzugshaube. Dabei kocht er fast nie.

          „Wir können Sie nicht festhalten.“

          Es klingelt an der Tür. Karl Hermann schaut ängstlich zum Eingang. Dann erinnert er sich. „Das wird der Pflegedienst sein.“ Karl Hermann geht zur Tür, das rechte Bein zieht er leicht nach. Es ist Jenny, eine kleine strahlende Kenianerin, die sich abwechselnd mit einer Kollegin mehrmals in der Woche um Karl Hermanns Haushalt kümmern soll. Aber eigentlich kümmert sie sich hauptsächlich um Karl Hermann selbst, schmiert ihm ein Wurstbrot, hört ihm zu. Und manchmal versucht sie auch, Karl Hermanns Weltbild etwas zurechtzurücken. Gerade beschwert er sich darüber, dass er in der Wohnung keinen Hund halten darf. Jenny schüttelt den Kopf. „Du hast hier doch ein gutes Leben.“ „Nein, ich hau ab“, antwortet er.

          Karl Hermann ist schon ein paar Mal verschwunden, bislang kam er aber immer wieder zurück. In den sieben Jahren, die er von der Straße weg ist, hat er schon in vielen Unterkünften und betreuten Einrichtungen gewohnt, aus manchen floh er nach nur drei Tagen. In einer war es ihm zu laut, in einer anderen sah er dauernd Kranke, an Krücken und in Rollstühlen. Da wollte Karl Hermann nicht sein. „Ich will wieder auf die Straße. Da hatte ich Freunde, ich wusste, wo mein Zuhause ist“, sagt er heute. Früher zeltete er oft am Rhein, mal in Koblenz, mal in Boppard. Er liebte den Fluss, der Main ist für ihn kein Ersatz. Auf der Straße sei es ihm im Winter nie kalt gewesen, auch nicht auf dem Betonboden. Nur in dieser Wohnung friere er. Manchmal geht Karl Hermann vor seine Wohnungstür, setzt sich in den elektrischen Rollstuhl, der dort steht, und bleibt sitzen, bis Nacht und Kälte kommen. Manchmal findet ihn erst eine der Pflegerinnen am nächsten Morgen, nimmt ihn mit rein und kocht ihm einen Kaffee.

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