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Zum Tod von Dieter Thomas Heck : Der Schnellsprecher

Am Ende, gereift zur Show-Legende und bekannt als Wohltäter, haben ihn dann doch noch alle geliebt. Bild: ddp Images

Als Umarmer und Vielraucher, gütiger Patriarch und Show-Legende prägte er mit seiner Hitparade, in der nur deutsch gesungen wurde, das Unterhaltungsfernsehen.

          Großartiges, visionäres Fernsehen hat Dieter Thomas Heck zumindest einmal gemacht. „Das Millionenspiel“ hieß der Film von Wolfgang Menge und Tom Toelle, der vor fast fünfzig Jahren viele der Exzesse vorwegnahm, zu der sich Gesellschaft und Medien einmal hinreißen lassen würden: Es ging um eine Spielshow, deren Kandidat eine Million Mark gewann, wenn er sich eine Woche lang vor einem Killerkommando retten konnte. Die Schauspieler waren bemerkenswert. Als Obergangster zeigte Dieter Hallervorden eine gefährliche Kälte, welche den meisten Zuschauern später bei seiner latent aggressiven „Didi“-Figur verborgen bleiben sollte. Der eigentliche Besetzungscoup aber war es, dass als Showmaster Thilo Uhlenhorst der Showmaster Dieter Thomas Heck auftrat.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Beklemmende dabei war, dass Heck diesen Mann eben gerade nicht spielte – oder jedenfalls nicht anders als sonst. Alles an diesem Uhlenhorst war dem Zuschauer von Heck vertraut: der sonore Bariton, das joviale Geplänkel mit dem Studiopublikum, die vorgebliche Betroffenheit („Man möchte jetzt nicht in der Haut der Mutter stecken“), die väterliche Ermahnung potentieller Bewerber, die Sache nicht zu leicht zu nehmen („Bewaffnete Gangster immer im Nacken haben, ist, glaube ich, kein allzu gutes Gefühl“). Inmitten dieses unmenschlichen, amoralischen Szenarios gab Heck die moralische und menschelnde Instanz und ließ das Publikum gerade dadurch hinter die Fassade eines zutiefst zynischen Mediums schauen, dass er die Fassade aufrechterhielt. Zahlreiche Zuschauer sollen die Satire ernstgenommen und sich nach der Ausstrahlung als Kandidaten beim WDR beworben haben.

          Bis zu 27 Millionen Zuschauer erreichte die Hitparade – hier die Charts aus dem Jahr 1974.

          1969, ein Jahr zuvor erst, war Dieter Thomas Heck als Miterfinder und Moderator der „ZDF-Hitparade“ zum Fernsehstar geworden; der Auftritt im „Millionenspiel“ war für ihn ähnlich riskant, als hätte sich Helene Fischer direkt nach ihrem Erfolg mit „Atemlos“ überreden lassen zu singen, wie sie Hundebabys ertränkt und Omas die Handtaschen klaut. Indem er die zwielichtige Rolle annahm, bewies Heck Wagemut – oder zumindest enormes Selbstvertrauen. Daran schien es ihm – trotz des Bekenntnisses, dass er bis zum Ende seiner Karriere vor Auftritten unter extremem Lampenfieber litt – tatsächlich nie gemangelt zu haben.

          Ein Trauma, das ihn zum Stotterer machte

          Unter den großen alten Entertainern der jungen Bundesrepublik, die mit ihrem Shows die halbe Nation unterhielten, war Heck ein Nachzügler, der sich schon durch seinen Künstlernamen abgrenzte. Kulenkampff, Frankenfeld, Rosenthal: Wie auf einer langen, ruhigen Fahrt zogen da Landschaften am inneren Auge des Zuschauers vorbei. Heck dagegen, das war wie eine Salve, scharf wie das Stakkato, in dem er am Ende jeder „Hitparade“ die Namen der Beteiligten verlas. Abgemildert wurde die Härte immerhin durch den zweiten Vornamen Thomas, den sich der damalige Radio-Luxemburg-DJ Heck nach einem Votum der „Bravo“-Leser zulegte, um der Verwechslung mit einem zweiten Radio-Luxemburg-Dieter zu entgehen.

          Als Carl Dieter Heckscher war er 1937 in Flensburg geboren worden und aufgewachsen in Hamburg. Dort fand er sich 1943 nach einem Bombenangriff der Engländer im Luftschutzkeller eingeklemmt von Trümmern wieder, ein Trauma, das ihn zum Stotterer machte. Wie er sich davon befreite, durchs Deklamieren von Zeitungstexten, die Moderationen fiktiver Radiosendungen sowie Gesangsunterricht, und irgendwann zum berühmtesten Schnellredner seines Landes wurde, das ist eine im Grunde filmreife Geschichte; leider erzählt schon das Drama „The King’s Speech“ über Britanniens König Georg VI. eine sehr ähnliche.

          Kritiker verrissen noch jede seiner Shows

          Königlich wirkte Heck, einer gräflichen Urgroßmutter zum Trotze, nie. Er war volkstümlich, freundlich und verbindlich, doch kaum je dezent, sein Goldkettchen am Handgelenk versteckte er so wenig wie seine Vergangenheit als Autoverkäufer; auch seine Moderationen sollten häufig etwas Geschäftsmäßiges haben. Hecks „Hitparade“ hatte in ihren besten Zeiten bis zu 27 Millionen Zuschauer; diese Sendung, in der nur deutsche Schlager gesungen wurden, zu etablieren, kam im Jahr 1969 geradezu einer Konterrevolution gleich. Doch Heck, der sich mit Titeln wie „Hippe-di-hopp, mein Mädchen“ selbst als Sänger versucht hatte, war ein Überzeugungstäter, der zeitweilig Wahlkampf für die CDU betrieb und alles ablehnte, was ihm intellektuell erschien. Die Abneigung war gegenseitig, die Kritiker verrissen noch jede seiner Shows. „Eine laute Kopie der schweigenden Mehrheit“ nannte ihn 1995 die Zeitschrift „Spiegel Special“ in einem bitterbösen Porträt, das den Titel „Der Parade-Deutsche“ trug.

          Geradezu eine Gegenrevolution: In der Hitparade wurde nur deutsch gesungen. Heck 1973 mit Cindy und Bert.

          Vielleicht trifft es das wirklich: Heck verkörperte als meist krachend gutgelaunter Umarmer, langjähriger Vielraucher und Gernetrinker vieles von dem, was als klassische deutsche Lebensart durchgeht. Für ein Kind der siebziger Jahre, dem die „Hitparade“ ein monatlicher Pflichttermin war, war es faszinierend mitanzusehen, wie Anfang der Achtziger die spürbar irritierte Vaterfigur Heck mit der antiautoritären Neuen Deutschen Welle konfrontiert wurde, welche so viel bunter und unterhaltsamer war als die altbekannten Könige und Kaiser des Schlagers. Es war ein Generationskonflikt, den der gütige Patriarch Heck letztlich beilegte, indem er auch die schrägen NDW-Vögel umarmte.

          Am Ende, gereift zur Show-Legende und bekannt als Wohltäter, haben ihn dann doch noch alle geliebt. Die Goldene Kamera für sein Lebenswerk nahm er 2017 von den Fanta-4-Rappern Smudo und Thomas D entgegen, die ihn in ihrer Laudatio als das beschrieben, was er für viele gewesen ist: ein prima Kumpel. Am Donnerstag ist Dieter Thomas Heck, der mit seiner langjährigen zweiten Ehefrau in Spanien lebte, im Alter von 80 Jahren gestorben. Deutschland ist damit um eine große Fernsehfigur ärmer – und ein gutes Stück leiser geworden.

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