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Zum Tod von Robin Gibb : Alles, was ich zu geben habe, sind Worte

  • -Aktualisiert am

Robin Gibb 1949 - 2012 Bild: dapd

Er war einer der Großen der Popmusik und galt als eine der besten weißen Soul-Stimmen aller Zeiten: Nun ist Bee-Gees-Sänger Robin Gibb im Alter von 62 Jahren gestorben.

          Seien wir ehrlich: Selbst während der Hippie-Ära, in der es galt, „ab und zu ein wenig gay zu sein“, überkam Männer ein peinliches Gefühl, wenn die Bee Gees zu hören waren. Ein Falsett, gegen dessen Höhen selbst die Spitzentöne der Beach Boys viril klangen, Schluchzer, wie sie zuvor nur Brenda Lee oder Connie Francis von sich gegeben hatten – die Hits der englischen Poprock-Gruppe waren immer auch Nagelproben für das männliche Selbstverständnis. Nur die Tatsache, dass sie zeitweise soviel Platten verkauften wie die Rolling Stones und die Beatles, sicherte den Bee Gees Respekt.

          Hauptverantwortlich für den „Zittersound“ war ausgerechnet der unscheinbarste des Trios: Robin Gibb, extrem schüchtern, ungelenk, weit weniger attraktiv als sein Zwilling Maurice und der ältere Bruder Barry, 1968 der „most beautiful man alive“, war derjenige, der sich als Komponist die höchsten und schrillsten Töne ausdachte und sang. Doch er gab nicht nur stimmlich, sondern auch atmosphärisch den Grundton an: Robin Gibb baute die frühe Erfolgsserie vom Australien-Hit „Spicks and Specks“ (1966) über die erste international erfolgreiche, düstere Ballade „New York Mining Disaster 1941“ bis zu den Welterfolgen „To Love Somebody“, „Words“, „Massachusetts“ und „I’ve Gotta Get a Message to You“ auf Melancholie.

          „How Deep Is Your Love“ oder „Stayin alive“: das Poptrio produzierte Hits und Ohrwürmer in Serie Bilderstrecke

          Mochten die Stones das Image vom einsamen schweigsamen Wolf kultivieren und die Beatles sich mehr und mehr mit Ironie behelfen, wenn es um Liebes- oder Weltschmerz ging – Robin Gibb hielt es mit „words are all I have, to take your heart away.“ 

          „Do You know what it’s like on the outside?“: Dass Robin Gibbs Verzweiflung ein Grundgefühl seiner Generation zu Gehör brachte, verschwand im zunehmend verächtlichen Urteil der Schallplattenkritik, die der Gruppe weibisches Gesäusel, kitschigen Textbombast und musikalische Dürftigkeit vorwarf. Zermürbt vom Dauerhagel, lösten die Bee Gees sich 1969 auf. Robin Gibb, dennoch überzeugt von seinem Können, ging solo ins Studio und landete mit „Saved By the Bell“ einen Welthit. Fünfzehn Monate und zwei Soloalben später schloss er sich wieder mit den Brüdern zusammen und wurde mit der Filmmusik zu „Saturday Night Fever“ schließlich zum Fixstern.

          „Saturday Night Fever“ oder „Stayin’ Alive“ waren mehr als die Hymnen der Disco-Ära, als die sie heute gehört und geschätzt werden: Mit den rotzigen Zeilen „Well, you can tell by the way I use to walk, I’m a woman’s man – no way to talk“ fegten die Gibb-Brüder das Gerede vom tuntigen Gehabe beiseite, schossen Breitseiten gegen Schwulenphobie und verwandelten Millionen Tanzmuffel in begeisterte Tänzer. Wer erlebt hatte, was „I’ve been kicked around since I was born“ bedeutet, wusste nun, dass es neben männlichem Stoizismus auch andere Wege der Selbstbefreiung gab. Trotzdem: ein später Messias der gescheiterten Jugendrevolte war Robin Gibb nicht – aber ein gestandener Musiker mit viel Gespür für Zeitgeist, verborgene Sehnsüchte und getarnte Hemmungen. Und das führte ihn zum nächsten Solohit „Juliet“, 1983, als der zweite Triumph der Bee Gees zu Ende ging. Ausgerechnet nun, da er sich frei die Wehmut der frühen Jahre wieder hätte leisten können, versank er in Bubblegum-Rhythmen und Romeo-und-Julia-Reimen.

          Mit „You Win Again“, dem letzten, musikalisch raffinierten, vertrackten Hit des Trios, rehabilitierte er sich 1987 – so hart hatten die Bee Gees noch nie das ewige Hin und Her zwischen Mann und Frau besungen. Fortan beschränkte er sich auf das Verwalten des Ruhms. Tourneen als Solist hielten seine Musik in Erinnerung. Immer häufiger zeigte er dabei seine Qualitäten als Interpret, polierte die musikalisch anspruchsvollen Einsprengsel von einst auf Hochglanz.

          Auch seine Krankheit konnte ihn lange nicht an Auftritten hindern; zerbrechlich, doch ungebeugt absolvierte er 2010 und 2011 Konzerte, in denen Mut und Würde in den Vordergrund traten. Sein letzter Auftritt erfolgte im Londoner Palladium im Februar dieses Jahres. Der Uraufführung seines „Titanic Requiem“ in der Westminster Central Hall am 10. April konnte er nicht mehr beiwohnen. Am vergangenen Sonntag ist Robin Gibb im Alter von 62 Jahren in London gestorben.

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