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Zucht in Kenia : Die Reise der Rosen

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Ein Liebessymbol als Wirtschaftsfaktor: Allein auf der Oserian-Farm sind mehr als 6000 Menschen beschäftigt. Bild: Helmut Fricke

Sie sind Kenias wichtigstes Exportgut. Doch der industrielle Anbau von Schnittblumen ist umstritten. Die Oserian-Farm am Lake Naivasha zeigt, wie Natürschützer und Produzenten profitieren können.

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          Die Geschichte von den Zebras und der Umweltministerin ist ganz nach dem Geschmack von Hamish Ker. Deshalb verlässt wohl kein Gast die Oserian-Blumenfarm, ohne von ihm gehört zu haben, wie das damals war mit den Tieren und der kenianischen Politikerin. Die Ministerin sei anfangs skeptisch gewesen, was die Klimabilanz der Rosenfarm am Naivasha-See angeht, sagt der Manager Ker. Als sie aber gerade an der Pumpstation stand, dort, wo das warme Wasser aus dem Boden kommt und am Ende den Strom liefert für die Rosenzucht, da rannten eben die Zebras vorbei – wie zum Beweis, dass im Herzen der kenianischen Rosenproduktion Tiere und Blumenindustrie nebeneinander existieren können.

          Hamish Ker schaut stolz über die riesige Anlage. Auf einer Fläche, die gut 150 Fußballfeldern entspricht, baut Oserian Schnittblumen an, vor allem Rosen, aber auch Flieder. Die Plastikhüllen der Beete schmiegen sich ins Tal, dahinter glitzert der See in der ostafrikanischen Höhensonne. Sieht alles ganz einfach aus. Ist es aber nicht.

          Vor fünf Jahren noch war die Rosenzucht am Lake Naivasha höchst umstritten. Der Pegel des Sees war bedrohlich gesunken, seine Wasserqualität litt unter den Pestiziden der Farmer. Umweltschützer sahen das einzigartige Biotop in Gefahr. Immer mehr hektargroße Kunststoff-dächer stehen dort, wo früher nicht nur Zebras, sondern auch Giraffen und Nashörner durch unberührte Natur streiften. Nun wächst unter Plastikplanen millionenfache Vergänglichkeit.

          Es ist ein Zielkonflikt wie aus dem Lehrbuch: Rosen sind mit Abstand Kenias wichtigstes Exportgut – nach Schätzungen hängen 50.000 Arbeitsplätze von ihrem Anbau ab. Allein zwischen 2000 und 2007 ist der kenianische Blumenexport jährlich um 20 Prozent gestiegen, berichtet die Welthandelsorganisation. Und der Lake Naivasha ist der beste Ort, um die duftenden Liebesboten anzubauen. 30 Zuchtanlagen sind dort entstanden, fünf davon sind Großunternehmen wie Oserian. Jeden Tag verlassen etwa eine halbe Million Rosen die Farm.

          Man müsse sich ja nur mal den Globus anschauen, sagt Chris McLeon. Der britischstämmige Kenianer mit den weißen Haaren arbeitet für Airflo, ein Unternehmen, das eine gewaltige Logistikhalle am Flughafen von Nairobi betreibt und die Rosen nach Europa bringt. Die sensiblen Blumen brauchten tropisches Klima mit viel Sonne. Gleichzeitig dürfe es weder tagsüber noch nachts zu warm sein. „Da bleiben am Ende nur wenige Länder übrig“, sagt McLeon. Dazu gehören Ecuador, Kolumbien und Kenia. Zumal die Höhenluft hilft, besonders große Blüten heranzuziehen.

          Deutsche mögen es lieber dezent

          Der Stolz der Oserian-Züchter steht in Dreierreihen im Showroom, gleich neben dem Kühlhaus. Mehrere Dutzend Sorten hat die Farm im Angebot, alle stehen sie dicht an dicht in Vasen. Das dient nicht nur der Außendarstellung, sondern auch der Kontrolle. Einen Strauß jeder Lieferung bewahrt der Produzent auf, um späteren Reklamationen nachzugehen. Leben die aufbewahrten Rosen länger als die ausgelieferten, ist wohl auf dem Transport etwas schiefgelaufen.

          Da stehen sie also, die knallige „Pink Twister“, die bei russischen Frauen beliebt sein soll, oder die „Vuvuzela“, eine Kreation, die zur Fußball-WM 2010 auf den Markt kam. Die Deutschen mögen es lieber dezent, Pastelltöne sind eher angesagt als Farbexplosionen. Oserian hat auch die Lizenz, Freilandrosen anzubauen, ein Geschäft, das im europäischen Winter floriert. Das Wetter auf dem Kontinent im Norden hat ohnehin großen Einfluss auf die Umsätze der Kenianer. In den zwei Monaten, die Rosen benötigen, um zu voller Größe heranzuwachsen, kann sich der Markt schon wieder verändert haben. Bricht der Frühling in Europa früher aus, sind die Deutschen in Tulpen-Stimmung – und die Kenianer bleiben auf ihren Rosen sitzen, wie es im vergangenen Jahr passiert ist.

          Grüne Welle: Arbeiter beim Sortieren in der Blumenhalle. Bilderstrecke

          Aber die junge Industrie lernt von Jahr zu Jahr dazu. Noch setzen die Südamerikaner die Standards,  aber Kenia hole auf, heißt es im Land. Die Ostafrikaner sind längst der größte Lieferant von Blütenträumen nach Europa. Ecuador und Kolumbien haben dafür den nordamerika­nischen Markt fest im Griff. Doch selbst einen Angriff auf dieses Milliardengeschäft trauen sich die Ostafrikaner grundsätzlich zu.

          Hamish Ker, wie McLeon Kenianer mit britischen Wurzeln, liebt es, Besucher mit seinem Jeep über die staubigen Schleichwege der Farm zu kutschieren. Was die Reifen dabei aufwirbeln, gehört zum Kapital der Züchter. Vulkane haben das Gelände einst geformt, die Lava ist
          zu Bims erstarrt, und der dient den Rosen als wasser­speicherndes Fundament. Das luftige Gestein ist einer der Beweise für die Umweltverträglichkeit der Rosenzucht, die Ker anführt. Tonnenweise bauen seine Mitarbeiter Bims ab, um ihn als Hydrokultur zu verwenden. Der Wasserverbrauch sei auf diese Weise merklich gesunken, sagt Ker. Die Oserian-Farm kann damit einen nahezu geschlossenen Wasserkreislauf vorweisen. Ohnehin hält Ker die Bedenken der Umweltschützer für übertrieben. Der Pegel des Sees habe immer schon geschwankt. Lange vor Beginn der industriellen Rosenzucht sei er viel niedriger gewesen als jetzt.

          Der WWF ist begeistert? Von der Rosenindustrie?

          Ker hat Diagramme parat, die einen sinkenden Pestizidverbrauch zeigen, er legt Fotos von glücklichen Mit­arbeitern vor und kann aus dem Stegreif von den Bemühungen erzählen, die richtigen natürlichen Schädlings­bekämpfer zu züchten, um die Blumen sauber zu halten. Das alles lässt sich in einer Zahl zusammenfassen. Die Rosenzucht am Lake Naivasha sei fast sechs Mal effizienter als in Europa, sagt Hamish Ker – Transport inklusive. Das mag übertrieben klingen. Aber die Treibhäuser in Europa verbrauchten so viel Energie, dass der Anbau dort ökologisch kaum sinnvoll sei, sagt der Manager. Und mittlerweile sei selbst der World Wide Fund For Nature (WWF) „excited“, begeistert, von dem, was Oserian und andere Farmen leisteten.

          Der WWF? Begeistert von der Rosenindustrie in einem schützenswerten Naturreservat? In der Tat, sagt Philipp Wagnitz von dem Naturschutz-Netzwerk, es sei viel passiert am Lake Naivasha. „Alle haben in den vergangenen Jahren an einem Strang gezogen.“ Der See sei ein Paradebeispiel dafür, dass sich etwas für die Natur bewegen lasse, wenn sich die Interessengruppen einig würden. Farmer und Staat haben sich auf Richtlinien verständigt, wer dem See wann wo wie viel Wasser entnehmen darf. Und das nicht aus reiner Naturliebe, sondern weil ihnen klar geworden sei, dass ihr wirtschaftliches Überleben am See hänge, sagt der Wasserfachmann Wagnitz. Der WWF hat die Bemühungen in Kenia begleitet. Nun muss sich zeigen, wie langlebig die Vereinbarungen sind.

          Dass sich überhaupt etwas bewegt hat, liegt auch am Druck, den europäische Verbraucher machen. In Deutschland trägt ungefähr jede vierte Rose, die über Ladentheken oder Supermarkt-Förderbänder geht, ein Fairtrade-Siegel. Auch wenn die Verbraucher in anderen Ländern weniger wählerisch sind, haben sich Produzenten wie Oserian darauf eingelassen, die Fairtrade-Vorgaben zu erfüllen. Nicht nur deshalb sagt Wagnitz, dass der Verbraucher Berge versetzen könne, wenn er nur wolle.

          Der Logistiker McLeon sagt, die Rosenindustrie sei erwachsen geworden. Wer heutzutage nach Europa exportieren wolle, müsse sich mit fairem Handel befassen, also die Folgen für die Umwelt und soziale Standards für die Mitarbeiter beachten. Fairtrade Deutschland berichtet, dass die Farmen am Lake Naivasha ihren Ressourcen-­Verbrauch erheblich gesenkt haben. Vor allem nutzten sie viel weniger Wasser aus den Bodenschichten, aus denen der See sich speist.

          Unter den Plastikdächern versorgen grüne Schläuche die Rosen tröpfchenweise mit Wasser und Nährstoffen. Nachts springt die Lüftung an, um die Feuchtigkeit unter den Dächern zu vertreiben. „Das alles läuft automatisch ab, wir lernen von Jahr zu Jahr mehr“, sagt Ker.
          Das gilt auch für den Transport. Die Reise der Rosen ist beschwerlich. Vom Lake Naivasha aus quälen sich die Kühl-Laster den Hang des Great Rift Valley hinauf. Die einzige Fahrspur Richtung Nairobi teilen sie sich mit Schrottkarren, deren Tachonadeln sich nahe der Schrittgeschwindigkeit bewegen. Am Straßenrand verkaufen Händler verkohlte Maiskolben, daneben reparieren Fahrer ihre liegengebliebenen Lastwagen, um ihnen ein paar weitere Kilometer abzuringen. Die modernen Wagen der Blumenzüchter passen kaum in diese Umgebung. Ihre für kenianische Verhältnisse wertvolle Fracht liefern sie wohltemperiert am Flughafen von Nairobi ab. Die Entwicklung der Luftfracht hat Kenia überhaupt die Chance gegeben, zu den großen Rosennationen aufzuschließen.

          Sieben Tage stramm stehen und gut aussehen

          Der Logistiker Airflo verfrachtet in Spitzenzeiten jede Woche 2500 Tonnen Rosen von Kenia nach Europa. Das Unternehmen gehört zur Dutch Flower Group, dem größten Blumenhändler der Welt, mit Sitz in Holland. Vor wenigen Monaten hat Airflo sein Kühlhaus in Nairobi ein weiteres Mal erweitert. Zwischen dem Schnitt unter dem Plastikdach und der Plazierung im Supermarkt-Regal darf nicht viel Zeit vergehen. Spätestens am vierten oder fünften Tag sollten die Rosen im Laden stehen, sagt McLeon. Nur so lässt sich das Versprechen halten, dass die Blumen sieben Tage in europäischen Vasen stramm stehen und gut aussehen.

          Der Handel dringt auf dieses Versprechen. Besonders die großen europäischen Supermarkt-Ketten, deren Namen in Kenia jeder kennt, der mit Schnittblumen zu tun hat: Ketten wie Tesco aus Großbritannien oder Rewe in Deutschland. Ihnen ist es zu verdanken, dass die Rosen heute länger frisch bleiben – dafür aber weniger nach Rosen riechen. Die Haltbarkeit gehe auf Kosten des Dufts, sagt McLeon. Er kann fast auf die Stunde genau kalkulieren, wann die Rose anfangen wird, den Kopf hängen zu lassen. Die Einheit, in der er dabei rechnet, sind Stunden in einer bestimmten Temperatur. McLeon sagt, es sei so gut wie egal, ob eine Rose eine Stunde bei 30 Grad oder 30 Stunden bei einem Grad verbringe. Je wärmer es ist, desto weniger lang hält die Rose.

          Diese Faustregel bestimmt den Weg vom Rosenfeld in den Supermarkt. Gleich nach dem Schnitt werden die Blumen langsam heruntergekühlt. Über Förderbänder gelangen sie in die Verpackungshalle. Dutzende Arbeiter sortieren die Blumen dort nach Qualität und Länge. Eine Gruppe kümmert sich um Rosen, die erst in Europa zu Sträußen zusammengebunden werden, die andere veredelt frische Stängel zu schönen Bouquets. Britische Supermärkte ordern eher fertige Sträuße, deutsche Händler bestellen vor allem Schnittblumen, die sie selbst zusammenbinden. Trotz der Fairtrade-Prämien sind es vor allem die euro­pä­ischen Händler, die an den kenianischen Rosen verdienen. Die Regeln diktieren sie ohnehin.

          Bevor die Rosen in die Flugzeuge nach Europa ver­laden werden, müssen sie eine letzte Qualitätskontrolle bestehen. Sitzen die Verpackungen richtig? Haben die Stiele die bestellte Länge und die Blüten die richtige Qualität? Sind sie zu weit geöffnet, verblühen sie zu schnell. Sind sie komplett geschlossen, gehen sie auch mit gutem Zureden nicht mehr auf. Bei Lieferungen nach Deutschland müssten sie besonders genau hinschauen, sagt einer der Kon-trolleure im Kühlzentrum. „Damit Kaufland am Ende nicht meckert.“

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