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Zootierhaltung : Wurde Knut gemobbt?

  • -Aktualisiert am

Ist Knut ein Außenseiter gewesen? Bild: Reuters

Der Eisbär Knut soll von seinen Gehegegenossinnen gemobbt und isoliert worden sein. Das werfen Tierrechtler dem Zoo Berlin vor. Auch Wissenschaftler sind sich sicher, dass chronischer Stress ein Tier töten kann.

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          Der Blog „cutecrazyknut.blog.de“ ging am 7. Mai 2007 online. Sechs Wochen waren vergangen, seitdem sich Baby-Eisbär Knut unter Anteilnahme der internationalen Presse im Berliner Zoo der Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Eine Berliner Bloggerin mit Zoo-Jahreskarte schrieb seitdem fast täglich Einträge, notierte Beobachtungen und zeigte Bilder aus Knuts Leben - auch an Knuts Todestag. „Das letzte Bild von Knut ist eins, wo er noch völlig entspannt auf der Insel sitzt“, heißt es im Blog. Dann kippte der Bär rücklings ins Wasser und konnte nur noch tot geborgen werden.

          In Knuts Fan-Blog ist vier Jahre lang viel von einem entspannten Bären die Rede. Die Fotos zeigen ihn spielend, badend und tobend. Die Nasenstüber und Tatzenhiebe, die er und seine drei Gefährtinnen sich gegenseitig geben, wirken zumindest für den menschlichen Betrachter wie freundliche Liebkosungen. Doch an ein Bären-Idyll mitten in Berlin glauben viele Menschen inzwischen nicht mehr. Der Zoo Berlin sieht sich schweren Vorwürfen von Tierschutzorganisationen wie Peta und dem Deutschen Tierschutzbund ausgesetzt. Die Verbände fordern einen Stopp der Eisbärhaltung in Zoos. Knut sei von den Eisbärinnen, mit denen er seit September 2010 in einem Gehege lebte, gemobbt worden.

          Leben in einer künstlichen Hierarchie

          Dahinter steht eine alte Diskussion, die immer wieder ihre Tatzen ausfährt. Sie stellt die Haltung von Wildtieren in Zoos grundsätzlich in Frage. Die Kritiker zoologischer Gärten bezweifeln, dass man Tieren das teilweise Jahrzehnte währende Leben in der künstlichen Hierarchie eines Geheges überhaupt zumuten kann - ein Leben mit Artgenossen, aber ohne die Möglichkeit, ihnen auszuweichen. In jüngster Zeit hat die Debatte an Fahrt gewonnen: Wissenschaftler verstehen nun immer besser, wie sich Stress auf Tiere auswirkt, und erforschen neue Möglichkeiten, Stress bei Tieren verlässlich zu messen - etwa über das Feststellen des Stresshormons Cortisol in Kot oder Speichel.

          Knut als Jungtier

          Zootiere werden außerdem durch die vielen Doku-Soaps im Fernsehen immer sichtbarer. In diesen Tagen berichten auch viele Zoobesucher, Knut sei von den drei Weibchen in seinem Gehege gemobbt und isoliert worden. In immer mehr Schilderungen tritt der Eindruck zutage, dass Knut ein sozialer Underdog war - gepiesackt, weggedrängt, in die Schranken gewiesen. Im Raum steht jetzt der Verdacht, dass massiver Stress eine darunterliegende Erkrankung tödlich enden ließ. Der Zoo Berlin weist die Vorwürfe zurück - und auch Wissenschaftler halten dagegen.

          Ein stabiles Sozialsystem kann schützen

          „Es ist keineswegs so, dass Tiere, die in Hierarchien unterlegen sind, unter Stress stehen“, sagt Dirk Wewers, Biologe und Kurator am Allwetterzoo Münster. „Rangfolgen sind im Tierreich eigentlich genau das Mittel, um Stress zu vermeiden. Ein stabiles Sozialsystem bedeutet, dass jedes Tier sich in seiner Position eingefunden hat.“ Gerade sozial hochgestellte Tiere hätten oftmals mehr Stress, weil sie ihre Position mit mehr Nachdruck verteidigen müssten. „Stress tritt immer nur dann auf, wenn Positionen in einer Hierarchie unklar sind und ausgefochten werden müssen.“ Ob das in einer Tiergruppe der Fall sei, müssten Pfleger ständig kontrollieren. „Wenn wir Sorge haben, dass ein Tier um seine Position ringt, verändern wir die Gruppe und geben das betroffene Tier gegebenenfalls an einen anderen Zoo ab - falls wir nicht die räumlichen Möglichkeiten haben, zwei Gruppen zu bilden.“

          Allerdings könnten Tiergruppen, die lange Zeit als sozial stabil gegolten hätten, sich rasch verändern: „Wenn etwa ein Tier stirbt, das einem zweiten Rückendeckung gegeben hat, dann wackelt die Position des zweiten“, sagt Wewers. „Oder im Zuge von Reifungsprozessen, wenn ein Tier älter und stärker wird und in höhere Positionen drängt.“

          Unterlegene Makakenmütter lassen ihre Babys im Stich

          Hat ein solcher Kampf um Positionen in Knuts Gehege stattgefunden, das stets vom Publikum umlagert war? Schon im vergangenen Herbst, nach Knuts Eingliederung in die neue Gruppe, sorgten sich seine Fans. Die hatten Angriffe von den Bärinnen beobachteten. Der Bär müsse lernen, Widerstand zu leisten, hieß es von Seiten des Zoos. Direktor Bernhard Blaszkiewitz verteidigte jetzt die umstrittene Maßnahme, Knut mit den Eisbärinnen zusammenzubringen. Vorher hätten es alle bedauert, dass Knut lange allein lebte, sagt Blaszkiewitz. Mit der Gruppenhaltung habe der Zoo der Kritik entgegenwirken und Knut Beschäftigung verschaffen wollen. Nur anfangs sei Knut isoliert gewesen: „Längst haben sie sich gegenseitig gejagt und auch miteinander gespielt, auch am Todestag.“

          Soziale Schwierigkeiten in Zoo-Tierherden sind allerdings häufig. Deshalb werden sie schon länger wissenschaftlich untersucht. Italienische Forscher stellten etwa fest, dass weibliche Japan-Makaken in Gefangenschaft ihre Babys nach der Geburt mit größerer Wahrscheinlichkeit im Stich ließen, wenn sie eine niedrige Position in der Hierarchie hatten.

          Ein Kreislaufproblem, Panik, neurologische Schäden?

          „Durch Unterdrückung in der Hierarchie oder durch eine anregungsarme Umgebung kann chronischer Stress ausgelöst werden“, sagt Jörg Hartung, Leiter des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Permanenter, chronischer Stress könne auch lebensgefährlich werden, sagt der Veterinärmediziner. „In einer bekannten Studie wurde gezeigt, dass Meerschweinchen zunächst depressiv werden, wenn sie unter chronischem Stress leiden“, sagt Hartung. „Ab einem gewissen Level holt man sie dann nicht mehr zurück, sie werden apathisch und stellen das Fressen ein.“ Hartung hält es durchaus für möglich, dass auch Knut unter chronischem Stress gelitten hat. „Der Organismus ist dann ständig unter Anspannung. Das Tier kann nie entspannen. Unter einem solchen Druck sinkt die Immunabwehr, der Appetit geht zurück. Das öffnet Infektionen die Pforte.“

          Auch andere Krankheiten, die latent vorhanden sind, können dann fatal enden. Derzeit diskutieren Tierrechtler, ob Knut vielleicht aufgrund des Inzuchtgrades seiner Familie Organerkrankungen hatte, die zuvor nicht aufgefallen sind. Die Videos, die von Knuts Sturz ins Wasser existieren, lassen noch keinen Schluss zu. Der Bär schien desorientiert, drehte sich mehrfach im Kreis und hob öfters die rechte hintere Tatze, als ob er sich am Bauch kratzen wollte. Ob ein Kreislaufproblem mit darauf folgender Panik oder etwa eine neurologische Erkrankung ihn stürzen ließ - das wird vielleicht die Obduktion klären.

          Bedeuten Massen von Zoobesuchern Stress?

          Umstritten ist die Antwort auf die Frage, ob auch Zoobesucher Stress für Tiere bedeuten. Im vergangenen Jahr zeigte eine Forschergruppe der Universität Melbourne, dass Orang-Utans im Zoo Plätze bevorzugten, von denen aus sie Menschen beobachten konnten. Die Ergebnisse, so die Wissenschaftler, deuteten darauf hin, dass Menschen anziehend auf Zoo-Orang-Utans wirken. Diese Aussage lasse sich jedoch nicht verallgemeinern. Andere Spezies könnten durchaus anders reagieren. An Zuschauern jedenfalls, die Stress verursachen könnten, hat es Knut seit seinem ersten Auftritt nicht gefehlt.

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