https://www.faz.net/-gum-13zs9

Zoo in Gaza-Stadt : Löwin zwischen den Fronten

Die Löwin Sabrina (links) wurde 2005 aus dem Zoo entführt Bild: AFP

Der Zoo von Gaza-Stadt ist seit dem Krieg nur noch eine Ruine. Den Niedergang miterlebt hat auch die Löwin Sabrina, einst von einer bewaffneten Bande als Baby entführt. Um Besucher nicht zu enttäuschen, wird improvisiert. So gibt es neuerdings auch einen „Zesel“.

          2 Min.

          Müde blinzelt Sabrina in die flirrende Mittagshitze. Die Löwin ist erst vier Jahre alt. Aber sie hat für ihr Alter schon viel erlebt. Wenn sie jetzt durch die Gitterstäbe im Zoo von Gaza-Stadt blickt, sieht und hört sie jedoch kaum noch etwas: Zwei einsame Affen turnen kreischend durch den Nachbarkäfig, drei magere Füchse suchen in einem anderen Gehege nach Schatten. Mehr als 400 Tiere, vom Ziervogel bis zum ausgewachsenen Kamel, gehörten bis Anfang des Jahres zu den Nachbarn der Löwin. „Nur gut ein Dutzend haben den Krieg überlebt“, sagt Emad Kasim, der der Zooleitung angehört.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Dennoch sind in diesem Sommer die Kinder aus Gaza-Stadt und den Flüchtlingslagern wieder zu Hunderten in den Zoo gekommen, der zu den wenigen Attraktionen gehört, die ihnen wegen der israelischen Blockade des Gazastreifens noch geblieben sind. Apokalyptisch müssen Anfang Januar die Szenen in den Straßen Gazas gewesen sein. Der Tierpark lag auf einmal mitten im Kampfgebiet. Erst versuchte die Hamas offenbar, von dort aus den israelischen Angriff zu stoppen, dann rückten die Israelis vor. Die Tiere gerieten zwischen die Fronten. Zuletzt hätten die beiden Löwen in den Toiletten des Zoo-Gebäudes Schutz gesucht, berichtet Kasim. Zwei von insgesamt zehn Affen brachten Anwohner zurück; einen hätten Mitarbeiter mit einer Schusswunde im Schädel vorgefunden. „Das waren die Israelis“, sagt Kasim, wenn er Besucher an klaffenden Einschusslöchern und verwaisten Terrarien vorbeiführt.

          Löwenbaby als Spielzeug

          Die israelische Armee zeigte jedoch schon während des Krieges auf ihrer Internetseite ein Video, auf dem Soldaten ein langes, weißes Kabel entdeckten: Von der Zündvorrichtung im Zoo führte es in den Rohbau einer benachbarten Schule, die vermint war. Im Verwaltungsgebäude des Zoos hätten sie zudem ein Waffenlager mit Granaten und Maschinengewehren gefunden, sagt ein Soldat: „Das war die Hamas.“ Der Löwin Sabrina hatten wiederum die Islamisten der Hamas, die vor zwei Jahren in Gaza gewaltsam die Macht an sich rissen, schon einmal zu einem neuen Leben verholfen.

          Dem Zoo fehlt das Geld, um die Ruinen wieder aufzubauen
          Dem Zoo fehlt das Geld, um die Ruinen wieder aufzubauen : Bild: AFP

          Ein bewaffneter Clan aus Gaza-Stadt hatte sie im Jahr 2005 aus dem Zoo entführt. Das nur wenige Monate alte Löwenbaby sollte beweisen, wie mächtig seine Entführer waren, die sich ein solches Spielzeug halten konnten. Zum Schluss diente Sabrina aber nur noch als Fotohintergrund. Umgerechnet knapp einen Euro verlangten die Entführer für ein Foto mit ihr. Der Löwin fehlten mehrere Zähne und Klauen, als Hamas-Kämpfer sie schließlich befreiten und in den Tiergarten zu Saher zurückbrachten.

          Eine kleine Notlüge

          Die Zooleitung wünscht sich nun, dass bald wieder alles so sein wird, wie es vor dem 27. Dezember war, als der Gaza-Krieg begann. „Wir brauchen nur Geld, um hier alles wieder aufzubauen, wie es früher war“, sagt Kasim. Auf die Frage nach neuen Tieren reagiert er mit einer vielsagenden Handbewegung, die nach unten weist. Durch die Tunnel unter der ägyptischen Grenze besorgen die Schmuggler in Gaza fast alles: Waffen, Computer, Alkohol und einst wohl auch Löwen; es ist nur eine Frage des Preises. Neue Zebras für den Zoo, deren Vorgänger den Krieg nicht überlebt hatten, waren aber dann doch zu teuer. Kurzerhand rekrutierte man zwei Esel und malte sie weiß und schwarz an. Die kleine Notlüge fiel kaum auf: Kinder lassen sich besonders gern mit ihnen fotografieren.

          Freunde des Zoos spendeten zudem besondere Katzen und Hunde, als sich zeigte, wie schwierig es war, neue Tiere nach Gaza zu bringen. „Freunde“ hätten immer dafür gesorgt, dass sie nicht zu hungern hatten, sagt Kasim. Wer sie sind, verrät er nicht. Berichte, wonach Futter auch aus Israel gekommen sein könnte, weist er aber entschieden zurück. Schon vor Kriegsende aber hatten Tierfreunde in Israel damit begonnen, Geld für Gaza zu sammeln. „Bei den Tieren darf Politik keine Rolle spielen“, ist die Sprecherin des Vereins „Lasst die Tiere leben“ überzeugt, der schon mehrere Dutzend Lastwagen mit Tierfutter an die Zoos in Gaza-Stadt und Rafah geschickt hat.

          Weitere Themen

          Die Pandemie im Überblick

          Zahlen zum Coronavirus : Die Pandemie im Überblick

          Das Coronavirus hat Deutschland und die Welt weiterhin fest im Griff, zahlreiche Länder vermelden immer neue Höchstwerte. Wie sich die Infektionszahlen im In- und Ausland entwickeln – unsere Karten und Diagramme geben einen Überblick.

          New Yorker Grundschüler sollen jede Woche getestet werden

          Corona-Liveblog : New Yorker Grundschüler sollen jede Woche getestet werden

          So viele neue Krankenhaus-Einweisungen in Kalifornien wie nie zuvor +++ Kanzleramtschef Braun: „Krise wird erhebliche Spuren in der Wirtschaft hinterlassen“ +++ Söder kündigt Überprüfung von Skiurlaubern an +++ Fauci rechnet mit Zuspitzung der Situation in Amerika +++ Alle Entwicklungen im Liveblog

          Topmeldungen

          Krise im deutschen Fußball : Die Nationalelf ist im freien Fall

          Seit dem WM-Sieg stürzt der Image-Wert des Nationalteams in den Keller, wie eine Umfrage belegt. Auch die Entfremdung von der Elf erreicht eine neue Dimension. Das hat nicht nur mit Niederlagen auf dem Rasen zu tun.
          Geht es mit englischen Begriffen leichter? Anti-Rassismus-Demonstration im Juni in Frankfurt

          Debatte über Streichung : Der gefährliche Mythos Rasse

          Der Begriff der Rasse soll aus dem Grundgesetz verschwinden. Geprägt von einem französischen Arzt und Philosophen hat das Wort eine zweifelhafte wissenschaftliche Karriere gemacht – mit mörderischen Folgen. Forscher arbeiten an seinem Ende.
          Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, am 20. November in Troisdorf

          Historische Corona-Analogien : Auch Deutsche unter den Opfern

          Armin Laschet spricht vom härtesten Weihnachtfest der Nachkriegszeit, eine Demonstrantin vergleicht sich mit Sophie Scholl: Helfen mehr Geschichtsbücher gegen die schiefen Bilder?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.