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Zittau : Zurück in der Mitte Europas

Zittau: Schnittpunkt der Geschichte Bild: dpa/dpaweb

In Zittau findet die Erweiterungsfeier Polens, der Tschechischen Republik und Deutschlands statt. Mit dem 1. Mai soll auch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der drei Nachbarn beginnen.

          5 Min.

          Der Blick vom schiefen Turm der Johanniskirche war über Jahrzehnte nur für die kühnsten Visionäre die Verheißung einer besseren, einer grenzenlosen Zeit. Kaum vom Dunst getrübt, rollen hinter der prächtigen Zittauer Stadtkulisse in sanfter Selbstverständlichkeit die Hügelchen nur so voreinander her. Böhmen, Schlesien, die Oberlausitz fließen bei Zittau ineinander über.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Solche Schnittpunkte sind in der Geschichte oft glückliche Orte. Zittau war einst als "die Reiche" bekannt, denn es lag an den großen Handelsstraßen, die von der Ostsee nach Venedig und von Leipzig nach Rußland führten. Im Mittelalter blühte der Handel mit Salz und Getreide, später erwarben vorbeiziehende Kaufleute das Tuch der Weber aus der Gegend. Auch als die Habsburger 1635 die Oberlausitz an das Kurfürstentum Sachsen abtraten, blieb sie eng mit Böhmen verbunden. Von der Industriellen Revolution wurde die Gegend als Einheit erfaßt. In der sächsisch-schlesisch-böhmischen Region blühten vor allem die Textil- und die Maschinenbauindustrie.

          Fremde Nachbarn

          Das Unglück nahm seinen Lauf, als Hitler die Abtretung des Sudetenlands erzwang und die Tschechen im Germanisierungswahn aus dem Gebiet vertrieben wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Vertreiben weiter: Sudetendeutsche und Schlesier mußten ihre Heimat verlassen. Die Oder-Neiße-Linie ist seitdem polnische Westgrenze; im nun polnischen Schlesien siedelten die kommunistischen Machthaber aus dem Osten vertriebene Polen an. Die neuen Nachbarn waren einander fremd. So fand sich Zittau plötzlich im toten Winkel, zu zwei Dritteln umgeben von sogenannten Brudergrenzen. Der über Jahrhunderte gewachsene mitteleuropäische Wirtschaftsraum war zerschlagen. Zittau hat viele Katastrophen in seiner Geschichte erlebt. Alle hat die Stadt gemeistert. Jedesmal ist sie reicher erstanden. Und diesmal?

          Sechzig Jahre in Deutschlands südöstlichstem Winkel haben sich so tief ins Bewußtsein gegraben, daß vielen Menschen die Rückkehr ihrer Stadt in die Mitte Europas angst macht. Auch nach dem 1. Mai werden manche Grenzen erst allmählich verschwinden in und um Zittau. Und wer weiß, wie lang es mit den Grenzen in den Köpfen dauert. Die vielen tausend Menschen von außerhalb, die an diesem Wochenende nach Zittau kommen wollen, um bei der zentralen Feier Deutschlands, Polens und der Tschechischen Republik zur EU-Erweiterung dabeizusein, werden sich schwertun, das zu verstehen. Ist nicht, was Zittau nach der Tristesse seiner jüngeren Vergangenheit zu erwarten hat, auf jeden Fall viel besser als alles Bisherige?

          Zweite Symbolschicht

          Der Dreiländerpunkt bei Zittau, wo die polnische, die tschechische und die deutsche Fahne mit ihren Masten inmitten frühlingsgrüner Wiesen ein Dreieck bilden, durch das friedlich die Neiße fließt, wird die Kulisse abgeben für das Fest zur historischen Überwindung der unsäglichen Teilung Europas. Ein besserer Ort hätte sich dafür kaum finden lassen. Nicht nur, weil er heute so symbolträchtig unspektakulär ist. Der Ort hat noch eine zweite Symbolschicht: Noch bis in die sechziger Jahre bildeten dort statt der Fahnenmasten ein tschechoslowakischer, ein polnischer und ein Grenzturm der DDR ein Dreieck.

          Bis Anfang der neunziger Jahre hatte Zittau keinen Grenzübergang. Arnd Voigt, Zittauer Oberbürgermeister, wuchs im nahen Hartau auf. Aus frühester Kindheit stammen seine ersten Erinnerungen an die Grenze. Teile seiner Verwandtschaft waren nach 1945 von den Tschechen vertrieben worden. Eine Tante aber durfte bleiben, da sie mit einem Tschechen verheiratet war. "Weil sich die Leute nicht einfach eben mal besuchen konnten, mußten sie sich am Grenzzaun zum Schwatz treffen." Dennoch: Die Grenze zur Tschechoslowakei blieb immer die durchlässigere. Die deutsch-polnische "Friedensgrenze" dagegen war beinahe so scharf bewacht wie die innerdeutsche.

          Bürgerliches Selbstbewußtsein

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