https://www.faz.net/-gum-tn4i

Zeitumstellung : Sozialer Jetlag ohne Sinn

  • -Aktualisiert am

Über Sinn und Zweck der Zeitumstellung scheiden sich die Geister Bild: AP

Winterzeit: Aufbruch ins Trübe und Triste. In der Nacht zu diesem Sonntag werden die Uhren wieder einmal um eine Stunde zurückgestellt - von drei auf zwei Uhr. Bleibt die Frage: Warum eigentlich?

          „Kommt im März die Sommerzeit, bleibt's länger hell für Schwarzarbeit.“ So klingt unterschichtfixierte Volkspoesie, wenn sie gut gelaunt das Frühjahr verspottet. Meist schlagen dann die Bäume aus, während draußen ganz allgemein länger gemauert, gesägt und gehämmert wird. Aber damit ist jetzt Schluß - denn Winterzeit ist angesagt: kürzere Tage, längere Abende, weniger Sonne und allenthalben viel weniger Wärme.

          Schon stehen die Unduldsamen hinter den Gardinen, den Finger am Zeiger der Standuhr und die Augen starr auf den Horizont gerichtet. Und können es kaum erwarten, daß die Sonne endlich untergeht und mit dem Herbst allmählich der Winter ins Land fällt wie eine lästige Infektion. Winterzeit! Das klingt wie ein Fanal, Aufbruch zur kalendarisch verordneten Zeitenwende ins Trübe und Triste, Ausbruch eines Leidens, das die Mediziner sarkastisch als SAD bezeichnen: „saisonal abhängige Depression“. Eine spezifische Herbstmalaise, vielfach ansteckend, oft chronisch, selten vollkommen heilbar. An diesem Sonntag ist Stichtag: Am 29. Oktober um drei Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) werden die Uhren um eine Stunde auf zwei Uhr mitteleuropäische Zeit (MEZ) zurückgestellt.

          Eine Stunde gewonnen oder eine Stunde verloren?

          Oder nicht doch vorgestellt? Darüber streiten die Ungläubigen mit den Unentschiedenen immer noch oft und gern, seit Iren und Briten 1916 die Sommerzeit als „Daylight Saving Time“ eingeführt haben: im selben Jahr, in dem auch Kaiser Wilhelm, um in Kriegszeiten Energie zu sparen, in Deutschland erstmals die Uhren umstellen ließ. Vor oder zurück, eine Stunde gewonnen - oder eine Stunde verloren? „Die Zeit fährt Auto, doch kein Mensch kann lenken“, sagte Erich Kästner ein paar Tage später. Und Kurt Tucholsky erfand das Stundenkonto, um es seinen Landsleuten plausibel vorzurechnen. Das englische „Spring forward, fall back“ hat Tuchos Zeit-Rechnung am knackigsten übersetzt.

          Das als Reaktion auf die Ölkrise der frühen Siebziger am 25. Juli 1978 vom Bundestag beschlossene Zeitgesetz in seiner vorläufig letzten Fassung vom 13. September 1994 gestattet der Bundesregierung, „zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit und zur Angleichung der Zeitzählung an diejenige benachbarter Staaten für einen Zeitraum zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober die mitteleuropäische Sommerzeit einzuführen“. Seit 1994 ist die Regelung in der EU einheitlich.

          „Das hebt sich gegenseitig auf“

          Energiesparen durch die bloße Umstellung der Zeit? „Der pure Unsinn!“ So wettert Gudrun Kopp, die energiepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, immer dann, wenn das dafür zuständige Innenministerium wieder mal die Zeit umstellen will. Andreas Troge, der Präsident des Umweltbundesamts in Dessau, hält es längst für obsolet. Eigentlich seit dem vergangenen Jahrhundert schon. Auf Anfrage entzaubert er den Energiesparmythos in einem einzigen Satz. „Zwar knipsen die Menschen im Sommer abends nicht so lange das Licht an, allerdings heizen sie im Frühjahr und im Herbst in den Morgenstunden auch mehr - das hebt sich gegenseitig auf.“

          Vier Jahreszeiten waren es früher einmal. Seit die Globalisierung sich umfassend auch auf den Alltag des öffentlichen Lebens niedergeschlagen hat, gibt es in der Europäischen Union und einigen Staaten drum herum - sechzig Länder auf der Erde sind es insgesamt - nur noch Sommerzeit und Winterzeit. So heißen sie lakonisch brüsk und frei von aller Poesie. Und dauern im Norden Ungarns oder Polens so lange wie im Westen Spaniens oder im Süden Griechenlands. Nur in Rußland beginnt und endet die Sommerzeit einen Tag früher. Die Anmutungen der ehemals unmerklichen, weil kontinuierlichen Übergänge von einer Befindlichkeit in die nächste sind damit unwiederbringlich dahin. Eine Alternative ohne Zwischentöne, ohne Farbenspiel und offenes Ende: entweder Sommer - oder Winter? Kein Unentschieden, keine Überblendungen?

          Mehr Unfälle in der Winterzeit

          Weitere Themen

          Rettungshündin Frida geht in Rente Video-Seite öffnen

          Ein Dutzend Leben gerettet : Rettungshündin Frida geht in Rente

          „Ihr Bellen gab immer Hoffnung, und in Zeiten des Schmerzes und der Unsicherheit brachte sie Erleichterung.“ Frida suchte bei Erdbeben in Mexiko, Haiti und Equador nach Überlebenden. Zwölf Menschen bewahrte sie dadurch vor dem Tod. Jetzt geht sie in Rente.

          Löscharbeiten dauern noch Tage Video-Seite öffnen

          Lieberoser Heide : Löscharbeiten dauern noch Tage

          Weil kein Regen in Sich ist, muss die Feuerwehr mit Löschhubschraubern versuchen, den Brand in der Lieberoser Heide zu löschen. Das Feuer an einem früheren Truppenübungsplatz in Brandenburg hatte sich am Dienstag auf mehr als 100 Hektar ausgeweitet.

          Topmeldungen

          Mehrbelastung : Die neue Grundsteuer schafft viele Verlierer

          Die Reform der Grundsteuer hat zum Ziel, die Steuerzahler zukünftig nicht mehr zu belasten. Doch selbst wenn die Städte den Hebesatz anpassen, zahlen manche mehr.

          Streit um May-Nachfolge : Johnson schlägt zurück

          Boris Johnson stand im Verdacht, den Medien ausweichen zu wollen, nun stellt er sich ihnen jedoch immer öfter. Das zeigt aber auch, dass er ins Stocken gerät, wird er auf exakte Zahlen und Fakten angesprochen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.