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Regionalnationalismus : Mallorca wehrt sich gegen Ende der Sommerzeit

  • -Aktualisiert am

Rathaus in Palma de Mallorca. Bild: dpa

Ewiger Sommer – davon träumen nicht nur die Menschen auf Mallorca. Aber dort haben Politiker jetzt eine kleine Revolution beschlossen: Sie ignorieren die Winterzeit. Das klingt vernünftig, aber das Motiv ist fragwürdig.

          Mallorca und die benachbarten Balearen-Inseln sind der  Teil des Königreichs Spanien, in dem die Sonne zuerst auf- und dann  untergeht. Dort ist es daher am spürbarsten, dass das Land in einer verkehrten  Zeitzone lebt. Es müsste sich eigentlich – der Greenwich-Meridian geht  schließlich nahe an Barcelona vorbei – nicht an der mitteleuropäischen Stunde  sondern eine früher an der britisch-portugiesischen orientieren. So hat das  Parlament des Archipels nun mit animierter Unterstützung der Hotellerie und des  übrigen Tourismusgewerbes verlangt, die Sommerzeit permanent zu verlängern und  die Uhren am kommenden Wochenende nicht um eine Stunde zurückzustellen.

          Das klingt ganz vernünftig, wenn nicht das Motiv verdächtig  politisch-regionalnationalistischer Art wäre. Denn die gegenwärtig auf den  Balearen regierenden Halbseparatisten, sind – obwohl es sich, wie spitze Zungen sagen, genau besehen um ein „deutsches Bundesland“ handelt – von dem  katalanischen Unabhängigkeitsvirus angesteckt. Sie wollen weniger aus  energiesparenden sondern aus Gründen der Abgrenzung von „Spanien“ ihre Uhrzeit selbst bestimmen. Warum sind nur die Katalanen, die immerhin den Stierkampf  verboten haben, nicht schon auf diese Idee gekommen?

          Kaum hatte das Parlament nun aber seine entsprechende Entschließung  verabschiedet, konterte das Madrider Ministerium für Industrie, Energie und  Tourismus mit dem Hinweis, dass das nicht gehe. Es gelte vielmehr eine  „Direktive“ der Europäischen Union zu beachten, die nun einmal für die  Mitgliedsländer bestimme, dass die Uhr einmal im Frühling vor- und dann im  Herbst zurückzustellen sei.

          Jedem Spanier seine eigene Uhrzeit

          Dass Spanien die planetarisch verkehrte Uhrzeit hat, verdankt es dem ehemaligen  Diktator Franco. Es wollte sich mit Adolf Hitler wenigstens bei einer symbolischen Kleinigkeit gut stellen und stellte die Uhr damals um eine Stunde auf „deutsche Zeit“ vor. Das hat nachwirkende Folgen für den, im Vergleich zum  restlichen Europa, verschobenen Tageslauf der Spanier. Die späten Mahlzeiten, die lange Siesta, das alles gehört dazu. Periodisch verlangen ganz vernünftige Leute, die Uhren umzustellen, die Siesta abzukürzen und die Arbeitnehmer zu  familienfreundlichen Zeiten nach Hause gehen zu lassen. Doch außer im  öffentlichen Dienst führte das bislang nicht weit.

          Bis vor kurzem gab es im Kabinett des konservativen Ministerpräsidenten Mariano  Rajoy einen Industrieminister namens José Manuel Soria, der von den Kanarischen Inseln stammte, dort aber als Kind bei Erdkundeunterricht nicht aufgepasst hatte. Zur professoralen Belehrung neigend, ging er eines Abends in das  Fernsehen und erläuterte mit tiefem Ernst, dass Spanien keineswegs neben der  Zeit sondern genau richtig liege. Das sei schon daran abzulesen, dass der Greenwich-Meridian mitten durch die Kanarischen Inseln gehe und die Binnenwelt der Zeitmessung daher in völliger Ordnung sei. Er muss davor niemals die  spanischen Rundfunknachrichten gehört haben, in denen es mit einschläfernder  Monotonie zu jeder halben Stunde heißt: „Es ist X-Uhr, eine Stunde früher auf  den Kanarischen Inseln.“

          Soria war freilich nicht der einzige Politiker, der mit oder gegen die  Sonnenuhr gehen wollte. Die Regionalnationalisten in Galicien verlangen schon seit geraumer Zeit aus gutnachbarlichem Impetus, die Uhren dort auf  portugiesische Zeit umzustellen. Auch das hat weniger astronomische als  vielmehr separatistische Gründe. Ihr Anliegen wäre dennoch vernünftig, wenn sich ganz Spanien dafür gewinnen ließe. Doch das wird länger als eine verlorene Stunde dauern. Die einzige, alle Stämme und Regionen zufriedenstellende Lösung  in der Zwischenzeit wäre, dass man jedem Spanier einzeln die nationale Unabhängigkeit und seine eigene Uhrzeit nach Wahl konzediert.

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