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Zehn Jahre nach Concorde-Absturz : Die Amerikaner schuldig, die Franzosen nicht

Start mit Feuerschweif: Die Unglücks-Concorde im Juli 2000 Bild: dapd

Ein französisches Gericht hat die amerikanische Fluggesellschaft Continental Airlines für den Absturz der Concorde verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die nachlässige Arbeit beim Montieren eines Metallteils zu dem Unglück führte.

          3 Min.

          Er ist von Beruf Kesselmacher und arbeitet seit vielen Jahren als Mechaniker bei der Fluggesellschaft Continental Airlines in Texas. John Taylor, 42 Jahre alt, Sohn eines amerikanischen Armeeangehörigen, dachte eigentlich, ein rechtschaffener Mann zu sein. Doch nach Ansicht eines französischen Strafgerichts hat er 113 Menschen auf dem Gewissen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Richterin Dominique Andréassier vom Strafgericht im Pariser Vorort Pontoise sieht es als erwiesen an, dass seine nachlässige Arbeit beim Montieren eines Metallteils am 25. Juli 2000 zum Absturz der Concorde führte. Das Gericht verurteilte Taylor am Montag zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten auf Bewährung sowie zu einer Geldstrafe von 2000 Euro. Zusammen mit seinem Arbeitgeber Continental Airlines wurde Taylor wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

          Die Amerikaner schuldig – die Franzosen dagegen nicht. So wurde der Urteilsspruch vielfach aufgefasst. Alle französischen Angeklagten sind freigesprochen worden. Auch Air France trifft keine Schuld, nur EADS als Nachfolgegesellschaft des Concorde-Konstrukteurs Aérospatiale muss im Zivilverfahren Schadenersatz leisten. Den vom Gericht rekonstruierten Tathergang muss man sich so vorstellen: Nur vier Minuten vor dem verhängnisvollen Start der Concorde hatte eine DC-10 von Continental Airlines eine 43 Zentimeter lange Metall-Leiste verloren. Sie war von Taylor montiert worden. Das sieht das Gericht als erwiesen an, auch wenn sich Taylor daran nicht erinnern kann. Das Überschallflugzeug rollte gegen 16.43 Uhr mit voller Kraft über die harte Leiste aus Titan, was zum Platzen eines Reifen führte. Umherfliegende Teile beschädigten einen Treibstofftank, an einer Tragfläche brach ein Feuer aus. Weniger als zwei Minuten nach dem Start, stürzte die Concorde auf ein Hotel.

          Weniger als zwei Minuten nach dem Start, stürzte die Concorde am 25. Juli 2000 auf ein Hotel

          Die 100 Passagiere, unter ihnen 97 Deutsche, die auf den Weg nach New York zu einer Kreuzfahrt waren, alle neun Besatzungsmitglieder sowie vier Hotelgäste kamen ums Leben, sechs weitere Personen wurden verletzt. John Taylor ist die einzige Person, die am Montag in Paris verurteilt wurde. Die übrigen Angeklagten, sein Vorgesetzter Stanley Ford, die Franzosen Henri Perrier und Jacques Herubel, beide ehemalige Angestellte des Concorde-Herstellers Aérospatiale, und Claude Frantzen von der französischen Luftfahrtbehörde wurden freigesprochen. Das einzige Unternehmen, das von dem Strafgericht für schuldig befunden wurde, ist Continental Airlines. Die Fluggesellschaft muss eine Geldstrafe von 200.000 Euro zahlen. Zudem hat sie als Ergebnis des separaten Zivilverfahrens Air France 1,08 Millionen Euro an Schadenersatz zu bezahlen. Weitere gut 600.000 Dollar müssen die Amerikaner an eine französische Krankenkasse zahlen.

          Das verhängnisvolle Metallteil auf der Startbahn

          Das Gericht wollt die Schuld indes nicht allein bei den Amerikanern sehen. Der Concorde-Konstrukteur Aérospatiale habe vor allem das Feuer-Risiko unterschätzt. Vor allem ein Vorfall in London im Jahr 1993 hätte zu einer gründlichen Prüfung und zu verstärkten Schutzmaßnahmen führen müssen. Dass die Sicherheitsüberwachung zwischen Briten und Franzosen, die beide die Concorde betrieben, aufgeteilt war, sei „schockierend“, sagte die Richterin, denn das Thema Sicherheit dürfe nicht geteilt werden. EADS France wurde daher im Zivilverfahren zu 30 Prozent des Schadenersatzes verurteilt, den die Familien der Opfer bislang erhalten haben.

          Deutsche Prozessteilnehmer gab es nicht. Die Familien der deutschen Opfer sind schon vor mehreren Jahren von einem Konsortium aus Fluggesellschaften, darunter Air France und Continental, und Versicherern entschädigt worden. Dafür verzichteten sie auf ihr Klagerecht.

          Die Fluggesellschaft Continental, vertreten durch den französischen Anwalt Olivier Metzner, kündigte umgehend an, in Berufung zu gehen. Das Urteil sei eine Reinwaschung der französischen Luftfahrtindustrie und ihrer Aufsichtsbehörden. Das staatliche französische Untersuchungsbüro BEA vertritt seit langem die These von dem verhängnisvollen Metallteil auf der Startbahn. Metzner wollte dagegen beweisen, dass das Feuer schon lange vor dem Überfahren des Metallteils ausgebrochen sei. Doch die von ihm zitierten Zeugen ließen Zweifel aufkommen. Ein Feuerwehrmann etwa sah das Feuer am rechten Flügel, dabei brach es am linken Flügel aus. Ein anderer Augenzeuge musste zugeben, dass er zwei Kilometer entfernt war. Metzner hatte auch angeführt, dass im Fahrgestell ein Teil fehlte, was stimmte, vom Gericht aber nicht als Unfallursache akzeptierte wurde. Auch seine These von einem Ritz und einer Schwelle in der Startbahn konnte nicht überzeugen.

          Fehlende „Reaktionsschnelligkeit“

          Dagegen beschrieb das Gericht detailreich, wie der Kesselmacher Taylor schlampig arbeitete. Löcher eines zuvor benutzten Teils hat er nicht geschlossen, alte Nieten wurden stehengelassen. Er verwendete das harte Titan anstatt des weicheren Aluminiums, und er benutzte keine Schablone. Sein Vorgesetzter Stanley Ford bemerkte am 9. Juli eine Unregelmäßigkeit, doch unternahm nichts. Continental Airlines hätte diese Art von Flickwerk nicht zulassen dürfen, urteilte das Gericht. Verstärkte Vibrationen, die zum Austausch des verhängnisvollen Teils führten, waren bekannt. Doch das Unternehmen ließ es an „Reaktionsschnelligkeit“ fehlen, meinte das Gericht.

          John Taylor ist für den Prozess nie nach Paris gekommen. Sein Vater habe ihm nie die amerikanische Staatsangehörigkeit verschafft, daher arbeite er mit einer Green Card, argumentierte sein Anwalt. Würde er die Vereinigten Staaten verlassen, dürfe er unter Umständen nicht mehr zurück.

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