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Yeziden in Deutschland : Wieder ohne Heimat

  • -Aktualisiert am

Familie Mirza gehört dem yezidischen Glauben an und lebt seit vielen Jahren in Offenbach. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Seit die Yeziden im Irak auf der Flucht vor der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ sind, sieht man sie in jeder Nachrichtensendung. Etliche Familien leben aber auch schon lange in Deutschland. Besuch bei einer Großfamilie in Offenbach.

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          Das wilde Treiben in der Wohnung scheint sie nicht zu stören. Ruhig sitzt die alte Dame mit dem langen weißen Rock und dem weißen Kopftuch, das sie locker um den Kopf gewickelt hat, auf dem schwarzen Ledersofa. In ihrer Hand hält sie eine Kette aus Edelsteinen mit langem Band, wie man sie von der Gebetskette im Islam kennt. Ihre Blicke schweifen ins Leere. Manchmal wird das laute Klacken der Perlen von Kindergeschrei und Diskussionen übertönt. Sie sei ein Geschenk ihres Sohnes und seines Vaters Mirza Koro, erzählt ihr Enkel Elyas. Nichts Religiöses, nur Zeitvertreib. Mirza Koro ist im Nordirak. Als General der Peschmerga, der kurdischen Miliz. Als Kämpfer der kurdischen Minderheit der Yeziden im Irak, die derzeit auf der Flucht vor der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ ist.

          Die Wände im Offenbacher Wohnzimmer der yezidischen Familie Mirza sind kahl, nur schräg über der alten Dame hängen die Bilder von Mirza Koro und seinem Bruder. Sie zeigen stolze Männer mit Schnauzbart, Kopfbedeckung, traditionellem Hosenanzug und breitem Bauchgurt. Auch ein gestickter Teppich mit dem Profil von Molla Mustafa Barzani, dem Vater des heutigen Kurdenführers, hängt in Übergröße an der Wand. Andere Bilder sucht man vergebens in der Dachgeschosswohnung des Altbaus, die ansonsten modern eingerichtet ist. Der 29 Jahre alte Baumanager Elyas passt in seinem hellblauen Hemd und der beigefarbenen Hose, in der er an einen BWL-Studenten erinnert, gut zu dem weiß-schwarzen Mobiliar, dem Flachbildfernseher und dem schwarzen Ledersofa.

          Zwei Jahre alt war Elyas Mirza, als er den Nordirak verließ – zu jung, um sich an das karge Leben und die Gewalt zu erinnern. Zu Fuß flüchtete er mit seinem ältesten Bruder und den Eltern in die Berge, dann in die Türkei. Sie haben viel hinter sich gelassen, vor allem die Angst und die Schikane des Saddam-Regimes. Es folgten zwei Jahre Flüchtlingslager im türkischen Mush, seine Mutter bekam dort ein weiteres Kind. Seit 1992 lebt die Familie in Deutschland.

          „Die Lage ist ruhig.“

          Elyas’ Onkel war ein ranghoher General der Peschmerga – für die irakische Regierung ein Grund, den Mann zur Fahndung auszuschreiben. Statt Elyas’ Onkel fanden Soldaten Anfang der siebziger Jahre in dem Dorf Bozan, 50 Kilometer nördlich von Mossul, jedoch nur dessen Familie in seinem Haus vor und nahmen sie mit: die Großeltern, die Tante und drei Cousinen. Ein Jahr und sieben Monate saßen sie alle im Gefängnis von Falludscha – ohne Anklage, ohne Prozess, Frauen und Männer getrennt. Der Onkel war in Bagdad untergetaucht. Jahre später teilte man der Familie seinen Tod mit. Seinen Leichnam hat bis heute niemand von ihnen gesehen.

          Elyas sagt, sein Vater Mirza Koro habe für seinen Onkel Rache nehmen wollen. Er sei in die Welt der Peschmerga verschwunden, bis heute sei er nur noch selten wiederaufgetaucht. „In den letzten drei Jahren ist er nur in dringenden Fällen nach Hause gekommen.“

          Ihr Verhältnis sei trotzdem sehr eng. Sein Vater robbe durch Gräben, harre nächtelang am Staudamm von Mossul aus und habe die Islamisten selbstredend zurückgedrängt. Elyas legt seine Hände ineinander: „Wir wollen Frieden und appellieren an den Westen und die deutsche Regierung, die uns hier Sicherheit geschenkt hat. Wir sind traumatisiert von dem, was dort passiert.“ Angst und Frust hört man heraus, wenn er spricht. Wenn sein Vater ihn anruft, fallen im Hintergrund oft Schüsse. Sein Vater erkläre ihm aber immer nur: „Die Lage ist ruhig.“ Oder: „Es ist gerade viel los.“ In Elyas’ Kopf entstehen dann andere Bilder von dem Konflikt, die den Bildern im Fernsehen mehr ähneln als den dürren Worten seines Vaters.

          Hier in Deutschland tut der Sohn, was er kann, um für die Sache der Familie zu kämpfen. Anfang August war er in Bielefeld, er organisierte die Mahnwache vor dem amerikanischen Konsulat in Frankfurt. „Ich bin hier aktiv“, sagt er. Wie sein Vater für das yezidische Volk, nur anders.

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