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Knochenjobs in Australien : Arbeit ohne Ende

Harte Arbeit, schlechte Bezahlung, miese Behandlung: Viele Backpacker verdingen sich während eines Work-and-Travel-Aufenthalts auf Farmen, etwa als Heidelbeerenpflücker. Bild: Reuters

„Work and Travel“ in Australien ist bei Deutschen Schulabgängern beliebt. Doch oft arbeiten die jungen Leute unter unwürdigen Bedingungen. Das soll sich ändern.

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          So hatte sich Katharina Arlt den Arbeitseinsatz zur Finanzierung ihrer Australienreise nicht vorgestellt. „Ich habe auf einer Farm gearbeitet, auf der ich den ganzen Tag in der Hitze stand und im Akkord Blaubeeren pflückte.“ Sie wurde pro Stück bezahlt – aber weil erst der Beginn der Erntesaison war, gab es nur wenige Beeren zu pflücken. „Also verdiente ich nicht viel“, berichtet die Deutsche, die mit einer Reisegefährtin einen Ratgeber über „Work and Travel“ in Australien geschrieben hat. „Als mich die Farmerin nach einer Woche auch noch nicht korrekt bezahlen wollte, kündigte ich sofort den Job.“

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Trotz solcher Erlebnisberichte wollen viele Deutsche in Australien Reisen und Jobben miteinander verbinden. Dank eines dafür vorgesehenen Reise- und Arbeitsvisums können sie sich während ihres Aufenthalts „Down Under“ mit der Aufnahme von Kurzzeit- und Saisonjobs zumindest theoretisch den nächsten Trip ins Outback, an das Great Barrier Reef oder die Strände um Sydney finanzieren. Das Visum gilt zunächst für ein Jahr, kann aber um ein weiteres Jahr verlängert werden, sofern wie vorgesehen mindestens 88 Tage auf einer australischen Farm oder in einer anderen ausgewählten Branche gearbeitet wurde. In der zweiten Hälfte 2014 hatten mehr als 120.000 Personen so ein „Working Holiday Visa“ (Kategorie 417 und 462) bekommen. Dabei lagen die Deutschen mit 14.218 Visa an zweiter Stelle nach den Briten.

          Die meisten Deutschen qualifizieren sich für ein Visum der Kategorie 417, das für Personen im Alter 18 bis 30 aus Industriestaaten Mitteleuropas und Asiens vorgesehen ist. Es klingt nach einem fairen Handel, denn ganz nebenbei können die Rucksacktouristen auch noch ihr Englisch verbessern. Aber viele der harmlos klingenden Arbeiten wie Zitronen pflücken, Tomaten ernten und Zäune reparieren sind Knochenjobs. Manche Rucksacktouristen die zum „Fruitpicking“ angestellt werden, sind Opfer ausbeuterischer Arbeitgeber, bekommen ihr Geld zu spät oder gar nicht und werden mit überhöhten Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Transport um ihre sauer verdienten Dollar gebracht.

          Im Internet finden sich zahllose Berichte enttäuschter Rucksackreisender. „Fruitpicking Sklaventreiberei?“ – „Vorsicht vor australischen Arbeitgebern“ – „systematische Ausbeutung“. Manche Arbeitgeber überschreiten die Grenze zur Illegalität. Deshalb hat die Regierung in Canberra angekündigt, von jetzt an die Gehaltsbescheinigungen der Backpacker zu prüfen, bevor ein zweites Jahresvisum erteilt wird. Zudem will sie gegen Unterbezahlung vorgehen und die Rolle der Arbeitsvermittler untersuchen. Sie stehen im Verdacht, einen Teil der Arbeitslöhne in die eigene Tasche abzuzweigen.

          „Die Art, wie sie uns behandelten, war unmenschlich“

          Die Probleme sind seit langem bekannt, doch erst jetzt hat ein Fernsehbeitrag ihm zu mehr Aufmerksamkeit verholfen. Die investigative Sendung „Four Corners“ (ABC) zeigte diese Woche unter anderem drei britische Touristinnen, die sich über nicht gezahlte Löhne und Zustände wie Sklavenarbeit bei einem der größten australischen Anbauer von Süßkartoffeln beschwerten. „Die Art, wie sie uns behandelten, war unmenschlich“, sagte eine Britin mit dem Vornamen Molly. Sie und einige Japanerinnen seien von einem Vorarbeiter unflätig beschimpft worden.

          Der Fernsehbericht prangert brutale Arbeitszeiten, entwürdigende Lebensbedingungen und Unterbezahlung an. Befragt wurden neben den drei Britinnen vor allem Reisende aus Asien. Einige Rucksacktouristen aus Taiwan filmten sich mit versteckter Kamera bei der Nachtschicht in einer Hühnerfleischfabrik in Adelaide. Zwei Jahre lang hätten sie dort mit Akkordarbeit verbracht, sieben Tage die Woche, 18 Stunden am Tag. Es sei weder erlaubt, während der Arbeit zu pausieren, um Wasser zu trinken, noch zur Toilette zu gehen. Dafür bekamen sie 18 australische Dollar die Stunde, weniger als der Durchschnittslohn für eine solche Arbeit.

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