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Sterbehilfe : Hilfe im Sterben, Hilfe zum Sterben

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Eine solche Akzentverschiebung ist überfällig. Solange sie unterbleibt, hat die Debatte über den assistierten Suizid eine Stellvertreterfunktion: Auf der Seite der Betroffenen steht sie stellvertretend für die Sorge vor therapeutischem Übereifer; auf der Seite des Medizinsystems drängt sie die eigentlich notwendige Debatte über Behandlungsverzicht und die Einstellung von Therapien in der Endphase von Erkrankungen sowie über die Bedeutung von palliativer Betreuung und angemessener Pflege in den Hintergrund.

Erforderlich ist nicht eine rechtliche Klärung der Grenzsituationen, in denen Ärzte sich nach Prüfung ihres Gewissens dazu entschließen, dass ihr Beistand für einen Patienten in letzter Lebensnot nicht nur die Hilfe beim Sterben, sondern auch die Hilfe zum Sterben einschließt. Viel dringender ist die berufsethische und rechtliche Klärung der Normalsituationen, in denen es darum geht, das Sterben zuzulassen und Menschen im Sterben zu begleiten. Ebenso dringend ist eine politische und zivilgesellschaftliche Initiative zur Stärkung ganzheitlicher Pflege, zur weitergehenden Verankerung palliativmedizinischen Denkens und Handelns, zu derjenigen Empathie für leidende Menschen, die exemplarisch an der Hospizbewegung deutlich wird.

Borasio hat die Verkehrung der Gewichte in der öffentlichen Debatte wie in den politischen Entscheidungsprozessen drastisch illustriert. Rein empirisch, so sagt er, ist die Frage, ob das Sterben von Menschen durch einen Wechsel des Therapieziels oder einen vom Patienten ausgesprochenen Behandlungsverzicht zugelassen wird, hundertmal wichtiger als die Beschäftigung mit dem Wunsch eines Patienten, seinem Leben durch einen assistierten Suizid ein Ende zu machen.

Folglich führt die isolierte Debatte über den assistierten Suizid in eine falsche Richtung. Stattdessen muss das ärztliche und pflegerische Handeln in der Endphase unheilbarer Krankheiten zum Thema werden. Denn hier liegen die wichtigsten Antworten auf die Besorgnisse, deretwegen viele Menschen nach den Möglichkeiten einer „aktiven Sterbehilfe“ fragen. Die Debatte über die fortschreitende Vermarktlichung unseres Gesundheitswesens kann dabei nicht umgangen werden; die letzte Lebensphase von Menschen darf nicht unter Gesichtspunkten ihrer Profitabilität betrachtet werden. Auf die Fürsorge für Menschen am Lebensende, die Linderung ihres Leids und die Achtung ihrer Selbstbestimmung kommt es an.

Bild: Müller, Verena

Wolfgang Huber bekleidete von 1994 bis 2009 das Amt des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, von 2003 bis 2009 war er auch Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Vor der Übernahme der Leitungsämter lehrte der 1942 in Straßburg geborene Theologe mehr als zwanzig Jahre in Marburg und Heidelberg Sozialethik und Systematische Theologie. In dieser Zeit fiel auch die Präsidentschaft des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Dem im Jahr 2001 gegründeten Deutschen Ethikrat gehörte Huber bis zu der Übernahme des Ratsvorsitzes an. (F.A.Z.)

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