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Sterbehilfe : Hilfe im Sterben, Hilfe zum Sterben

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Über lange Zeit wurde dieses Gebot im Sinn einer kindlichen Gehorsamspflicht ausgelegt; dabei trat dessen ursprüngliche Bedeutung in den Hintergrund. Denn es richtet sich nicht vorrangig an Kinder; schon deshalb kann sich sein Sinn nicht in der Pflicht der Kinder zur Ehrerbietung gegenüber ihren Erziehungsberechtigten erschöpfen. Adressaten des Gebots sind vor allem Erwachsene, die das Leben ihrer alt gewordenen Eltern wichtig nehmen sollen. Man soll ihnen die Pflege zuteil werden lassen, auf die man selbst im Alter hofft. Deshalb hat auch der Zusatz des Gebots - „auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird“ - einen praktischen Sinn.

Das Tötungsverbot und das Elterngebot erläutern sich wechselseitig. Der Schutz des Lebens und der Beistand für gebrechliche und kranke Menschen gehören unmittelbar zusammen. Sie markieren eine bleibende Grundlage für eine allgemeine Moral der Achtung für das Leben. Selbstbestimmung schließt deshalb die Solidarität mit den Schwachen ein. Für sie ist die Gewissheit besonders wichtig, dass die Gemeinschaft ihr Lebensrecht ins Zentrum rückt und nicht die Erfüllung eines Todeswunsches zur Normalität erklärt.

Unsere moralische Tradition verbindet eine universalistische Gleichheitsemphase mit einer vorrangigen Aufmerksamkeit für die Schwächeren. Sie hält deshalb Selbstbestimmung und Solidarität zusammen. Diese Moral enthält den nötigen Spielraum für Gewissensentscheidungen im Einzelfall; doch die Antwort auf eine Gewissensfrage darf nicht die Prinzipien einer Moral der wechselseitigen Achtung und der Parteinahme für die Schwächeren außer Kraft setzen. Deshalb genügt es auch für eine gegenwartstaugliche Ethik nicht, sich allein auf den Gedanken der Selbstbestimmung zu kaprizieren. Man muss sie vielmehr mit der Solidarität zusammendenken, auf die Menschen angewiesen sind, denen zur Durchsetzung der eigenen Lebensinteressen die Kraft fehlt.

Für wen gilt das mehr als für Menschen, die sich, durch Alter oder Krankheit geschwächt, nach Hilfe, ja nach Erlösung sehnen? Sie brauchen die Gewissheit, dass ihr Leben genauso wichtig ist wie jedes andere Leben; daraus folgt allerdings, dass ein würdiges Sterben Teil des Respekts für ihr Leben ist. Dazu gehört auch der Raum, in dem die Hoffnung über die Grenzen des eigenen Lebens hinaus artikuliert werden kann: die Hoffnung darauf, mit der eigenen Endlichkeit in Gottes Unendlichkeit geborgen zu sein.

Umfassende und geistesgegenwärtige Pflege, die Seelsorge und den achtsamen Umgang mit den spirituellen Bedürfnissen der Menschen einschließt, eine Erweiterung der Hospizarbeit, zureichende palliativmedizinische Ausbildung der Medizinerinnen und Mediziner sowie die Erreichbarkeit palliativer Hilfe für jeden, der sie braucht: Das sind die vorrangigen Antworten, die unsere Gesellschaft auf die Sorge um menschenwürdige Bedingungen beim Sterben geben muss. Diesen Themen sollten große parlamentarische Debatten mit Vorrang gewidmet werden.

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