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Wolfenbütteler Bibliothek : Achtes Weltwunder, online

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Die alten Zeiten sind vorbei: Die Herzog-August-Bibliothek öffnet ihre Bestände in einer „Online-Sprechstunde” Bild: dpa

Die Herzog August Bibliothek sucht mit ihrer umfangreichen Handschriftensammlung ihresgleichen. Nun wagt das „achte Weltwunder“ einen modernen Schritt: Als erste Bibliothek öffnet sie ihre Bestände in einer „Online-Sprechstunde“.

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          Einige Treppen und enge Gänge auf und ab – dann steht man vor der dicken Tür eines begehbaren Tresors. Dahinter ist eine weitere gesicherte Tür, die Schlüssel haben nur ganz wenige. Hier lagern auf drei Etagen einige der kostbarsten Werke deutscher Kultur und europäischer Geistesgeschichte. Die Handschriftensammlung der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel hat in Deutschland ihresgleichen allenfalls in der Bayerischen Staatsbibliothek, deren wertvollste Bestände ebenfalls aus der Zeit der Säkularisierung der Klöster kamen. Im 17. Jahrhundert war der Ruhm Wolfenbüttels so groß, dass die Sammlung, damals die größte Europas, als achtes Weltwunder galt.

          Manchmal sind einige Kostbarkeiten in den Ausstellungsräumen zu sehen. Künftig aber sind auch verborgene Werke allen Forschern zugänglich. Als erste Bibliothek der Welt hat Wolfenbüttel seine Bestände in einer „Online-Sprechstunde“ geöffnet. Wissenschaftler können ihre Wünsche ankündigen. Zum vereinbarten Zeitpunkt blättert ein Mitarbeiter der Bibliothek, eine Kamera in der Hand, im Buch oder in der Handschrift, wie es sein Kollege in Chicago oder Stellenbosch wünscht, der dank Webcam auf dem Bildschirm den Text, eine schöne Initiale oder die Seitenanordnung studieren kann.

          In Wolfenbüttel lagern etwa 50 Bände von herausragendem Wert

          Wer nicht nur virtuell, sondern leibhaftig in den Tresor kommt, dem gehen die Augen über: rund 12 000 Bände, frühmittelalterliche Handschriften, tausend mittelalterliche Kodizes und Inkunabeln. Die meisten stehen aufrecht nach einem Registersystem, das Bibliotheksgründer Herzog August von Braunschweig-Lüneburg selbst entwickelt hatte. Er war sein eigener Bibliothekar, ordnete fast jedes Werk selbst ein und beschrieb es für seine Inventarliste. Das Geld für den Kauf fand er, indem er sein Welfen-Herzogtum aus Kriegen heraus hielt und in der Hofhaltung bescheiden blieb. Kurz zuvor, im Mittelalter, lag jedes Buch, jede Handschrift flach übereinander, teils geschützt durch Buckel (Buchnoppen). Heute liegen im Tresor nur die Großformate flach.

          Im Tresor der Kostbarkeiten gibt es noch einen gesicherten Raum mit weiteren Einzeltresoren. Dazu hat so gut wie niemand Zugang – und wem das unter Begleitung gelingt, der darf darüber nicht berichten. Hier lagern etwa 50 Bände von herausragendem Wert. Zu ihnen zählt das Evangeliar Heinrichs des Löwen, das nur alle ein, zwei Jahre – wieder im Dezember und Januar – für wenige Wochen gezeigt wird. Verlassen darf es das Gebäude in der Wolfenbütteler Altstadt nicht mehr. Als der Bund, die Länder Niedersachsen und Bayern sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz es 1983 für 32,5 Millionen Mark erwarben, war es das teuerste Buch der Welt – eines der wichtigsten Zeugnisse romanischer Buchmalerei in Deutschland. Heinrich der Löwe ließ das Evangeliar mit 226 prunkvoll ausgeschmückten Pergamentblättern um 1188 in Norddeutschland für den Braunschweiger Dom schaffen. Auch der vor gut zwei Jahren erworbene Bernward-Psalter liegt sonst hier mit dem vor tausend Jahren geschaffenen Gebetsbuch des Hildesheimer Bischofs Bernward, wird aber bis Ende Februar in den zugänglichen Räumen ausgestellt.

          Die älteste Handschrift ist das Corpus Agrimensorum Romanorum

          Zu den Einzelstücken von Weltruhm und den herausragenden Sammlungen zählen Handschriften aus der Renaissancebibliothek des ungarischen Königs Matthias I. Corvinus, die neun „Corvinen“ – sie zählen ebenso wie die Wolfenbütteler Handschriften der Reichenauer Buchmalerei, unter ihnen das Reichenauer Perikopenbuch, zum von der Unesco ausgewählten dokumentarischen „Erbe der Menschheit“. Die älteste Handschrift im ehrwürdigen Schatzhaus ist das Corpus Agrimensorum Romanorum, ein spätantikes Handbuch für römische Landvermesser aus dem fünften Jahrhundert – es gehörte einst Erasmus von Rotterdam. Weitere Schmuckstücke sind das Ovid-Fragment aus der Wende vom fünften zum sechsten Jahrhundert und die vor zwei Jahren erworbene Schönrainer Liederhandschrift. Zu den einst von Wissenschaftlern gesuchten Handschriften in diesen abgeschotteten Regalen zählt eine komplette Abschrift des Geheimen Archivs des Kardinals Mazarin, das sich der Herzog von Lohnschreibern anfertigen ließ – das Original der 300 Bände in Paris war lange für Forscher unzugänglich.

          Auch in den allgemein zugänglichen Hallen gibt es genug zu sehen, der Augusteerhalle, dem Globensaal und dem Malerbuchsaal – unter anderem eine Karte Afrikas (um 1509), die ungewöhnlich präzise gezeichnet ist, obwohl sie nicht einmal 30 Jahre nach der ersten Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung entstand, und viele Bände, die Gottfried Wilhelm Leibniz als herzoglicher Bibliotheksdirektor in den ersten selbständigen Bibliotheksbau Europas einbrachte.

          Die Herzog-August-Bibliothek richtet sich mit seinen 800 000 Bänden – fast die Hälfte aus dem 15. bis 18. Jahrhundert – an Wissenschaftler. Als erster öffnete der Dichter Gotthold Ephraim Lessing als Direktor Forschern die Sammlung. Wer sein Interesse begründen kann, bekommt im Lesesaal Zugang zu einzelnen Werken. Die Forschungsstätte ist eine der wenigen geisteswissenschaftlichen Zentren, die ausgebaut werden. Regionale Stiftungen helfen dabei ebenso wie die Kulturstiftung der Länder und die Stiftung Niedersachsen. Die Innovationsfreude der Forscher zeigt sich auch in guten Erfindungen wie dem Wolfenbütteler Buchspiegel: Er ermöglicht es, Bücher und Handschriften durch Spiegelung zu fotografieren, auch wenn sie einbandschonend in einem Keil nur mit 45 Grad geöffnet werden. So entstehen Faksimiles der Handschriften. Das Original lagert derweil wohlverwahrt irgendwo im Herzen der Bibliothek.

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