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Wissenschaftskritik : Forschung als Vernunftpathologie

  • -Aktualisiert am

Wider die „eigenmächtige Selbsterschaffung” Bild: dpa/dpaweb

Papst Benedikt XVI. und die Naturwissenschaften: Da sind Konflikte programmiert. Vor allem Gen- und Biotechniker müssen sich auf Attacken einstellen. Gott werde, so prophezeite Kardinal Ratzinger bereits, „eigenmächtiger Selbsterschaffung“ entgegentreten.

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          Benedikt XVI. hatte noch keine Zeit, die Naturwissenschaften ins Gebet zu nehmen. Joseph Kardinal Ratzinger aber hat dies als eine der wichtigen Aufgaben der katholischen Kirche bezeichnet. Es ist daher zu erwarten, daß die Naturwissenschaften, die in säkularen Gesellschaften eine Doppelrolle als Welterklärer und Begründer materiellen Wohlstands einnehmen, vom neuen Papst noch mehr als von seinem Vorgänger Johannes Paul II. zu hören bekommen. Besonders die Vertreter der Biologie und der Biomedizin können mit großem päpstlichen Interesse rechnen, müssen aber auch auf Attacken gefaßt sein, die nicht nur die praktischen Umsetzungen ihrer Erkenntnisse wie denen aus der Stammzellforschung zum Gegenstand haben, sondern auch die Grundlagen und finalen Konsequenzen ihres Denkens. Durch eine universalistisch verstandene Evolutionslehre und bestimmte Anwendungen der Gentechnik sieht der neue Papst die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens bedroht.

          Die Äußerungen von Kardinal Ratzinger zur Entwicklung der Biologie, dargelegt in Schriften, Reden und zuletzt bei einem öffentlichen Gespräch mit dem Philosophen Habermas in München im Januar 2004, lassen eine neue Qualität der Konfrontation von Kirche und Wissenschaft erahnen. Die Zeiten, als die katholische Kirche unliebsame Erkenntnisse unterdrücken konnte, die nicht mit ihrer Lehre kompatibel waren, sind natürlich längst vorbei. Schon deswegen betonte Kardinal Ratzinger immer wieder, die Kirche widerspreche nicht den molekularbiologischen Erkenntnissen "auf der Mikroebene".

          Ratzinger: Biotechnik ein Angriff auf die Vernunft

          Doch auf der Makroebene, bei der weltanschaulichen Interpretation der Evolutionslehre und bei der technologischen Umsetzung biologischer Einsichten, ist sein Widerspruch groß. Obwohl die moderne Evolutionsbiologie weit von sozialdarwinistischen Ansichten entfernt ist und die evolutionsbiologische Begründung von Altruismus und Kooperation gerade hoch im Kurs steht, bezeichnete Kardinal Ratzinger die "Selektion" und das "Recht des Stärkeren" als Ultima ratio dieser Biologie. Das Credo des Darwinismus, daß alles Leben, inklusive des menschlichen, in einem völlig ergebnisoffenen Prozeß von genetischer Mutation und reproduktiver Selektion entstanden ist, interpretierte Ratzinger beharrlich als Glaube an "Versuch und Irrtum" und setzte diesem entgegen, daß der Mensch kein Irrtum sein könne, sondern ein gewolltes Geschöpf sei.

          Theologe prüft die Naturwissenschaften: Papst Benedikt XVI.

          Die technikorientierte Biologie, deren Vertreter in die "Brunnenstube der Macht", zum "Quellort der eigenen Existenz" hinabsteigen wollten, um anstelle von Gott selbst "Menschen zu machen", bezeichnete Ratzinger als Angriff ausgerechnet auf das, was die Naturwissenschaft als Fundament ihres Daseins begreift - die Vernunft. Ratzinger ging beim Zwiegespräch in München den Berichten zufolge sogar soweit, "Pathologien der Vernunft", wie sie in Erscheinungsformen der Gentechnik zum Ausdruck kämen, in einem Atemzug mit Pathologien religiösen Denkens zu nennen, zu denen er islamistischen Terror zählte.

          Gott wird eigenmächtiger Selbsterschaffung entgegentreten

          Daß Biologen und Mediziner derzeit eher Vorsicht bei der Anwendung genetischer Erkenntnisse in der Medizin walten lassen, daß selbsterklärte Babyklonierer geächtet werden und Versuche mit der Gentherapie wegen eines einzigen tödlichen Experiments für lange Zeit auf Eis gelegt werden, reichte Kardinal Ratzinger nicht aus. Ihm ging es um einen Taburaum um die informationellen Grundlagen des Menschen, in denen er das unübertreffbare Wirken Gottes erkennt. Er sagte voraus, daß Gott einem "letzten Frevel" eigenmächtiger Selbsterschaffung entgegentreten würde.

          Wie frühzeitig und genau Kardinal Ratzinger in seinem Amt als Präfekt der Glaubenskongregation die wissenschaftliche und medizinische Entwicklung verfolgen ließ, machen von ihm abgesegnete Analysen zum Stand der Embryonenforschung ebenso deutlich wie genaue Anweisungen dazu, unter welchen Bedingungen einer Frau die Gebärmutter entfernt werden darf oder dies unterbleiben muß. Legt man seine bisherigen Äußerungen zugrunde, ist zu erwarten, daß der neue Papst in einen sehr intensiven Dialog mit den Naturwissenschaften eintreten und dabei vor klaren moralischen Grenzziehungen nicht zurückscheuen wird. Neben seinem direkten Wirken stehen Benedikt XVI. dabei zwei wichtige Instrumente zur Verfügung. Der Papst selbst unterhält mit der 1603 gegründeten Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ein hochrangig besetztes Gremium von Ratgebern aus der Wissenschaft, das sich zu wissenschaftlichen Fragen äußert. Als Staatsoberhaupt des Vatikans kann er zudem direkt in internationale biopolitische Entscheidungsprozesse eingreifen lassen, so wie es sein Vorgänger zuletzt bei den UN-Verhandlungen über die Ächtung des Klonens getan hat.

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