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Wildschwein-Plage : In Bayern ist die Sau los

Zu schnell zu viele: Wildschweine im Nationalpark Bayerischer Wald Bild: Blickwinkel

Die Wildschweine im Freistaat vermehren sich rasend. Sie sind zum erheblichen Ärgernis für Maisbauern und Politiker geworden. Jetzt sollen die Jäger aufrüsten.

          Ein Mensch ist kein Wildschwein. Die Ähnlichkeiten nehmen jedoch in dem Maße zu, in dem die Lichtverhältnisse schlechter werden. So hat ein Jäger im vergangenen Oktober in der Nähe von Regensburg im Dunkeln einen anderen Jäger angeschossen und schwer verletzt. Hielt er ihn auf dem Feld für ein Wildschwein? Ein Jäger müsse genau wissen, auf was er zielt, hieß es nach dem Unfall in den regionalen Jagdverbänden. Es reiche nicht, einfach „auf den schwarzen Batzen“ zu zielen.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Doch das Schwarzwild fühlt sich in Bayern offenbar so wohl, dass es sich rasend vermehrt – und Land- und Forstwirten sowie der Politik immer mehr Sorgen bereitet. Der Druck auf die Jäger, Strecke zu machen, also möglichst viele von ihnen zu erlegen, wird immer größer.

          Es hört sich bedrohlich an, wenn Politiker über Schwarzwild sprechen: „Der Vormarsch der Wildschweine hat alle Landesteile bis hin zu den Alpen erreicht“, sagte im November der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) auf der Fachtagung „Brennpunkt Schwarzwild“ in München. Da Zahlen über die tatsächliche Menge an Wildschweinen nicht verfügbar sind, orientiert man sich an der Strecke, der Gesamtzahl der erlegten Tiere: Wurden noch 1980 in ganz Bayern nur knapp 3000 Wildschweine erlegt, kamen 2012 die Jäger auf eine Gesamtstrecke von rund 66.000 Tieren.

          Kurzes Leben – viele Frischlinge

          Die Zunahme der Population ist ein Phänomen in ganz Europa, mit ähnlichen Auswirkungen: Immer mehr Wildschweine verursachen immer mehr Verkehrsunfälle, immer mehr Wildschweine erhöhen das Risiko, Seuchen wie Schweinepest auf Nutztiere zu übertragen, immer mehr Wildschweine fressen den Mais auf den Feldern und die jungen Baumtriebe in den Wäldern.

          Die Ursachen liegen nicht zuletzt in der Biologie der Wildschweine begründet. Sie haben ein kurzes Leben, im Schnitt werden sie nicht älter als zweieinhalb Jahre. Das nutzen sie jedoch ausgiebig – mit vielen Nachkommen. Hat ein Reh pro Wurf ein bis zwei Kitze, so sind es beim Wildschwein zehn bis zwölf Frischlinge. Und die vielen Maisfelder bieten den Wildschweinen ideale Rückzugsräume, die schwer einzusehen sind und Nahrung in Hülle und Fülle bieten.

          Hinter Gittern gern gesehen: Frischling und Bache im Wildpark Knüll bei Homberg/Efze Bilderstrecke

          Es müssten also, da sind sich alle einig, noch mehr Wildschweine erlegt werden, Ziel seien „innovative Bejagungsstrategien“, heißt es im Landwirtschaftsministerium. Auch wenn Minister Brunner die Gesamtstrecke im vergangenen Jahr als „enorme Leistung“ der Jägerschaft lobte, reiche es nicht, um die stetige Zunahme zu stoppen. So wurden im gerade beendeten Projekt „Brennpunkt Schwarzwild“ in fünf bayerischen Regionen verschiedene Jagdmethoden geprüft.

          Zuspruch finden Methoden wie Bewegungsjagden, bei denen das Wild auch über Reviergrenzen hinweg mit Treibern und Hunden aufgespürt werden soll. Oder die Taktik, das Wild durch Futterstellen anzulocken („Kirrung“) und zu erlegen. Auch der Einsatz von Nachtzielgeräten für Schusswaffen wird gefordert, um so den Druck zu erhöhen. Mit Geräten wie Restlichtverstärkern oder Infrarot-Aufhellern, die auf die Waffen montiert werden und den Zielvorgang unterstützen oder übernehmen, könnten nicht nur mehr, sondern vor allem die Richtigen, also die Wildschweine, entdeckt und erlegt werden.

          Denn das Wildschwein nutzt bei Mondschein den Schutz des Waldes und der Felder. Auch die weiß strahlende Schneedecke, die im Winter dem Jäger in die Hände spielt, da sie die schwarze Rotte deutlich hervorhebt, gibt es immer seltener. Doch Nachtzielgeräte mit Montagevorrichtungen für Schusswaffen sind in Deutschland nach dem Waffengesetz und auch nach dem Bundesjagdgesetz verboten. „Einzelanordnungen“ können jedoch nach bayerischem Jagdgesetz bewilligt werden.

          In den bayerischen Modellregionen wurden diese Geräte nun – zum ersten Mal in Deutschland – eingesetzt: Die Jäger hätten sich positiv geäußert, heißt es im Landwirtschaftsministerium. Demnach wird sich jetzt Landwirtschaftsminister Brunner zusammen mit dem Innenminister Joachim Herrmann (CSU) beim dafür zuständigen Bundeskriminalamt für Ausnahmeregelungen einsetzen. Eine Gesetzesänderung werde aber nicht verfolgt. Schon von Mai an soll es diese besonderen Regelungen für das Schwarzwild geben.

          Jäger können ins Gefängnis kommen

          Auch ein forensischer Gutachter des Bayerischen Landeskriminalamtes kam auf der Fachtagung im November zu dem Schluss, dass Jagdunfälle durch die Verwendung von „Nachtsichttechnik“ vermieden werden könnten. Zudem ermöglichten es solche Geräte auch, Muttertiere eindeutig zu identifizieren und zu verschonen, was tierschutzrechtlich geboten sei.

          Gar nicht begeistert ist hingegen der Bayerische Jagdverband. „Die Verwendung von Nachtzielgeräten verstößt nach derzeitiger Rechtslage gegen das Gesetz“, sagt Verbandspräsident Jürgen Vocke. Den Jägern müsse klar sein, dass dies „kein Kavaliersdelikt“ darstelle, sondern mit Freiheitsstrafen geahndet werden und den Verlust des Reviers nach sich ziehen könne. Zudem bestehe die Gefahr, dass die Nachtjagd dann später auch auf Rehe und Hirsche eröffnet werde.

          Kürzlich hat nun auf Antrag der CSU der Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten des Bayerischen Landtags dafür gestimmt, in besonderen „Problemregionen“ die Installation von Nachtzielgeräten und Lampen auf den Jagdgewehren zu erlauben. Und zwar nur für eine „besonders geschulte Personengruppe zur Bejagung von Schwarzwild“. Was jedoch eine „Problemregion“ sei, – das sei schwer zu definieren, gibt Vocke zu bedenken. „Es muss auf Gebiete beschränkt sein, wo der Schaden wirklich sehr hoch ist und alle anderen Methoden nicht greifen.“

          „Wir müssen sie auch mal in Ruhe lassen.“

          Doch er bezweifelt, dass Nachtzielgeräte überhaupt dabei helfen, die Populationen zu begrenzen: „Wildschweine sind schlau. Wenn der Lebensraum nicht mehr passt oder es für sie zu gefährlich wird, ziehen sie einfach ein paar Kilometer weiter.“ Vielmehr müssten einsehbare „Schussschneisen“ in den Feldern den Jägern die Arbeit erleichtern, denn in einem hoch stehenden Maisfeld habe man oft kaum eine Chance, die Tiere zu entdecken oder zu bejagen. Auch sollten die Felder nicht so nah an die Waldgrenze reichen, denn aus dem Schutz der Felder retteten diese sich sofort in den Schutz den Waldes.

          Er sieht die Jäger von allen Seiten in die Pflicht genommen: „Die Waldbauern wollen die Schweine nicht im Wald haben, die Landwirte nicht auf den Feldern. Wenn wir sie im Wald bejagen, zieht die Rotte verstärkt auf die Felder. Und wenn wir sie dort schießen, ziehen sie sich wieder in die Wälder zurück.“ Doch müsse man den Tieren, im Sinne einer Waidgerechtigkeit, auch die Möglichkeit zur Flucht geben. Es sei nicht geboten, die gesamte „technische Überlegenheit“ des Menschen auszuspielen und die Wildschweine Tag und Nacht zu jagen. „Wir müssen sie auch mal in Ruhe lassen.“

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